Handwerk und Design Sonderschau Design und Handwerk: Schmuck sollte tragbar sein

Norman Weber ist Schmuckkünstler in Kaufbeuren, Gewinner des Friedrich Becker Preises 2023 – und: Kurator der Sonderschau "Schmuck 2024" auf der "Handwerk & Design" im Rahmen der Internationalen Handwerksmesse in München. Im Interview spricht er über seinen Auswahlprozess und welche Rolle die KI im Schmuckdesign spielt.

Schmuckkünstler Norman Weber hat die Sonderschau "Schmuck 2024" im Rahmen der Internationalen Handwerksmesse kuratiert. - © Norman Weber

Viele Schmuck-Interessierte kennen Sie oder zumindest einige Ihrer Arbeiten schon, trotzdem möchte ich Sie gern noch ein bisschen genauer vorstellen. Können Sie etwas zu Ihrer Laufbahn erzählen?

Norman Weber: Ich wurde an der Berufsfachschule für Glas und Schmuck in Kaufbeuren-Neugablonz zum Gold- und Silberschmied ausgebildet. Später studierte ich an der Kunstakademie in München, in der Schmuckklasse unter Hermann Jünger und Otto Künzli. Parallel dazu legte ich mein Staatsexamen zum Kunsterzieher ab. Seit 2011 unterrichte ich an meiner ehemaligen Ausbildungsstätte beziehungsweise bin mittlerweile künstlerischer Leiter der Berufsfachschule für Glas und Schmuck Neugablonz.

Sie haben als Kurator der "Schmuck 2024" die Auswahl getroffen. Mehr als 600 Bewerbungen gab es in diesem Jahr, aus denen Sie anhand von 2.700 Fotos etwas mehr als 60 Arbeiten von Schmuckkünstlern und Schmuckkünstlerinnen aus 30 Ländern ausgewählt haben. Dafür hatten Sie gerade einmal zwei Tage Zeit. Da drängt sich natürlich die Frage nach den Kriterien auf: Was musste eine Arbeit mitbringen, um am Ende von Ihnen ausgewählt zu werden?

Ich war total beeindruckt von dieser unheimlichen Vielfalt und Kreativität, die die internationale Szene des Autorenschmucks ja ganz grundsätzlich auszeichnet. Ein wesentlicher Aspekt ist, dass man anhand von Fotos beurteilt. Also: Was lese ich anhand der Bilder in die Objekte hinein und was ist dann schlussendlich wirklich da. Und das entscheidet sich tatsächlich am Originalobjekt. Ich habe mich zunächst für die Perspektive des Schmuckmachers entschieden, der ein ausgeprägtes Interesse an den Arbeiten meiner Künstlerkolleginnen und -kollegen hat. Dann war mit wichtig, dass der Schmuck tragbar sein sollte, reine Objekte habe ich dann nicht mehr berücksichtigt. Ein dritter Aspekt meiner Auswahl war, dass sie der Unterschiedlichkeit und Vielfalt der künstlerischen Ansätze und auch der Herkunft der KünstlerInnen Rechnung trägt.

Nennen Sie uns doch bitte ein paar prägnante Beispiele, die Sie für die "Schmuck 2024" ausgewählt haben.

Da ist einmal Yael Olave Munizaga, eine aus Chile stammende Künstlerin, die aus recycelten Rolldeo-Kugeln Broschen gefertigt hat. Was ich daran sehr reizvoll finde, ist, dass es ein Upcycling ist, das aber so weit getrieben wurde, dass die ursprüngliche Herkunft des Materials vollkommen vergessen wird. Dann ist da Hilde Dramstad aus Norwegen, die aus Stoff Anhänger genäht hat, die unterschwellige Ängste thematisieren, wofür die Künstlerin einen sehr eigenen Ausdruck gefunden hat. Ganz anders dagegen die Arbeit von Takayoshi Terajima aus Japan, der täglich Selbstporträts mittels einer KI fertigt, die er dann mit traditionellen handwerklichen Techniken zu Schmuck weiterverarbeitet. Anhand dieser Beispiele sieht man schon, wie außerordentlich breit das Spektrum ist.

Und insgesamt, nach den 2.700 Fotos, wo steht der Autorenschmuck 2024?

Ich hatte den Eindruck, dass viele Arbeiten sehr sorgfältig und aufmerksam umgesetzt wurden. Und das trotz der sehr unterschiedlichen Techniken, die von der Nähnadel bis zur KI reichen. Zumindest haben das die Fotos widergespiegelt, und das finde ich insofern spannend, als ich in den vergangenen Jahren eher den Eindruck hatte, dass in der technischen Umsetzung eher eine Ästhetik des Beiläufigen kultiviert wurde.

Spielen handwerkliche Fähigkeiten eigentlich noch eine Rolle beim Schmuck machen?

Was ich wichtig finde, ist, dass die Wahrnehmung und Kontextualisierung von Schmuck eigentlich immer über Form, Farbe und Oberflächenqualität bestimmt wird. Die Objekte werden eben von den BetrachterInnen gelesen und interpretiert, unabhängig von der eingesetzten Technik.

Eine Besonderheit der "Schmuck 2024" ist ja, dass es kein Ausstellungs-Thema oder Motto gibt. Hier treffen die unterschiedlichsten Stücke aller Generationen, aller Schulen, aller Kulturkreise und Kontinente aus den verschiedensten Materialien und Techniken unmittelbar aufeinander. Welche besonderen Chancen bietet eine solche Ausstellung?

Die Chance ist sicherlich zu sehen, auf wie viele unterschiedliche Arten man sich dem Thema Schmuck annähern kann – als Künstler oder Künstlerin wie auch als Betrachter. Und man sieht, dass Schmuck alles andere als ein klar definierter Begriff ist, wie uns manchmal vielleicht in bestimmten Auslagen von Geschäften suggeriert wird.

Die Sonderschau hat eine über 60-jährige Tradition und ist seit ihrer Gründung ein wichtiges Forum für zeitgenössische Schmuckkünstler und -künstlerinnen. Welche Rolle kann so eine physische Ausstellung im Zeitalter von Social Media eigentlich noch spielen?

Ich bin zuversichtlich, dass Besucher und Besucherinnen nach wie vor großes Interesse haben, die Objekte auch direkt und live zu sehen. Das gilt insbesondere für Schmuckkünstler und Schmuckkünstlerinnen, die ja sehr gerne Schmuckstücke auch von der Rückseite betrachten. Für die "Schmuck 2024" wünsche ich mir, auch für die Zukunft, dass die analogen Möglichkeiten, Schmuck zu zeigen, nach wie vor bleiben.

>>> Informationen zur "Schmuck 2024"