Deutschland hat Klima- und Nachhaltigkeitsziele formuliert, dabei gilt der Bausektor als Sorgenkind. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) plädiert deshalb für eine Bauwende. Im Interview erklärt RNE-Zukunftsforscher Jan Korte, wie diese gelingen kann – und was Nachhaltigkeit dabei bedeutet.

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Durch die viel diskutierten Neuerungen im Gebäudeenergiegesetz (GEG), die viele Hausbesitzer betreffen und auch Folgen für diejenigen haben, die einen Neubau planen, liegt ein starkes Augenmerk auch auf dem nachhaltigen Bauen und Wohnen. Aber was bedeutet Nachhaltigkeit hierbei konkret?
Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) berät die Bundesregierung zur Nachhaltigkeitspolitik. Mit seinem Gemeinschaftswerk Nachhaltigkeit hat der RNE in diesem Jahr das nachhaltige Bauen und Wohnen zum Schwerpunktthema gewählt und dazu die Dringlichkeit einer Bauwende in einem Empfehlungspapier formuliert. Was dahintersteckt und vor allem, was zu dieser nachhaltigen Bauwende alles gehört, erklärt der Zukunftsforscher Jan Korte, der als wissenschaftlicher Referent beim RNE arbeitet im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung.
Bauwende notwendig: "Der Bausektor ist eines der großen Sorgenkinder in Deutschland"
Herr Korte, was genau gehört alles zu der angesprochenen Bauwende und warum ist sie so dringend notwendig?
Jan Korte: Der Bausektor ist bei der Erreichung der Klima- und Nachhaltigkeitsziele neben dem Verkehrssektor eines der großen Sorgenkinder in Deutschland. Die Sektorziele des Bundesklimaschutzgesetzes werden beim Bauen regelmäßig gerissen. Für ungefähr 40 Prozent der in Deutschland anfallenden Treibhausgasemissionen ist das Bauen und Betreiben von Gebäuden verantwortlich. Ein großes Problem ist dabei die sogenannte graue Energie: Über die Hälfte der Emissionen eines Gebäudes entstehen bereits beim Bau. Besonders ressourcen- und emissionsintensiv sind dabei die Baustoffe Beton und Zement.
Wir versiegeln in Deutschland immer mehr Böden, die wir so dringend für die Klimaanpassung, die Regeneration von Ökosystemen und den Erhalt der Biodiversität brauchen. Das Ziel der Bundesregierung, täglich nur noch unter 30 Hektar Flächen pro Tag zu versiegeln, ist in weiter Ferne. Ursprünglich sollte es im Jahr 2020 erreicht werden, dann wurde es auf 2030 verschoben. Aktuell sind wir bei 54 Hektar – das sind täglich etwa 77 Fußballfelder, eine wirklich unvorstellbare Größe.
Außerdem ist das Wohnen zur brennenden sozialen Frage unserer Zeit geworden. Viele Menschen sind durch ihre Wohnkosten überlastet, insbesondere von Armut bedrohte Personen. Es fehlt bezahlbarer Wohnraum im unteren Preissegment, vor allem für Single-Haushalte, kinderreiche Familien sowie barrierefreie Wohnungen für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. Wir sehen: Die Frage nach der Bauwende ist eine der sozial-ökologischen Transformation.

"Im Bestand gibt es noch viel unsichtbaren Wohnraum"
Wie sollten wir in Zukunft wohnen, wenn dies nachhaltiger werden soll? Und wie müssen wir dafür jetzt bauen bzw. was muss sich beim Bauen verändern?
Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat der Bundesregierung in einer Stellungnahme von Juni 2023 ein klares Leitbild mit auf den Weg gegeben. Der Schlüssel für Bezahlbarkeit und ökologische Nachhaltigkeit liegt im Gebäudebestand. Hier müssen wir modernisieren, sanieren, auf erneuerbare Energien umstellen, länger nutzen, intelligent nachverdichten, aufstocken, umbauen und umnutzen. Auch schlummert im Bestand noch viel "unsichtbarer Wohnraum". Schätzungen zufolge lassen sich jährlich 100.000 Wohnungen mobilisieren. Denn die Wohnfläche pro Kopf steigt seit den 1960ern kontinuierlich.
Der Klassiker: Ältere Menschen bleiben in ihrer angestammten Wohnung oder dem Haus nach Auszug der erwachsenen Kinder wohnen, auch wenn der Pflegeaufwand sie zu überfordern droht. Viele von ihnen möchten den Raum besser nutzen, sich auch vor Einsamkeit im Alter schützen. Hier braucht es gute und flächendeckende Beratungsangebote, zu den Themen Vermittlung von Untermietern, quartiersnaher Umzug in kleinere Wohnungen oder Umbau und Wohnungsteilung. Insbesondere zum Wohnungstausch braucht es bessere rechtliche Rahmenbedingungen.
Wenn wir neu bauen müssen, dann muss dies klimapositiv, dicht und kompakt, ressourcenleicht, mit nachhaltigen und regionalen Baustoffen sowie zirkulär, also auch rückbaufähig gebaut werden. Dass aktuell wieder der Neubau von freistehenden Einfamilienhäusern gefördert wird, ist aber alles andere als nachhaltig. Das Geld sollte man für Projekte mit hohen Nachhaltigkeitsstandards verwenden. Anders als in der öffentlichen Debatte oft diskutiert, wird der Ansatz "Bauen, Bauen, Bauen" die Wohnungskrise nicht lösen.
"Ich plädiere dafür, den Abriss genehmigungspflichtig zu machen"
Dass mehr saniert werden muss, damit der Gebäudebestand weniger Energie verbraucht, klingt nachhaltig. Aber was ist mit dem ganzen Abfall und auch dem Sondermüll wie Asbest, der dann entsteht – wie kann man damit möglichst nachhaltig umgehen?
Klar ist, dass wir als Gesellschaft den Paradigmenwechsel von einer linearen hin zu einer zirkulären Wirtschaft, auch und gerade im Bausektor, vollziehen müssen. Gebäude sollten kein Abfall sein – sie sind Rohstoffe und ein Materiallager für zukünftige Projekte. Dafür müssen noch viele Rahmenbedingungen auf das Kreislaufprinzip umgestellt werden: Es braucht anerkannte Normen und Standards, um Sekundärbaustoffe wiederzuverwenden. So sollte bei Sanierung und Abriss nicht weggeworfen, sondern wiederverwendet werden.
Natürlich gibt es immer Sondermüll wie asbestverseuchte Produkte, die sind aber bei Abrissprojekten in der Minderheit. Idealerweise bekommt jedes Gebäude einen digitalen Ressourcenpass, um so alle verbauten Materialien inventarisieren zu können. Hier gibt es beeindruckende Vorreiterprojekte, aber das sollte durch gesetzliche Grundlagen in die Breite kommen. Ich hoffe, dass das Bundesbauministerium diese zügig zum Abschluss bringt.
Und soll man Gebäude, die durchaus noch gut bewohnbar sind, vorzeitig sanieren oder gar abreißen, damit sie dann einen besseren Energieverbrauch haben – ist das nachhaltig?
Es gibt Akteure, die ein Abrissmoratorium fordern – aus den benannten Gründen. Ich würde dafür plädieren, Abriss genehmigungspflichtig zu machen und Förderprogramme auf Sanierung und Nachhaltigkeit auszurichten, indem man die Lebenszykluskosten eines Gebäudes mit einberechnet. Wir sind heutzutage einfach sehr schnell darin, Abriss als kostengünstigste und scheinbar effizienteste Lösung durchzusetzen, oft auch, weil sich ästhetische Ansprüche in nur zwanzig bis dreißig Jahren geändert haben. Es geht jedoch damals wie heute darum, qualitätsvoll und langlebig zu bauen.
Bauwende: "Wir müssen die Kommunen in ihrer Umsetzungskompetenz stärken"
In Bezug auf das nachhaltige Bauen und Wohnen wird sehr stark über das Tempo diskutiert, in dem die Bauwende geschehen soll. Wie schnell muss sich aus Ihrer Sicht etwas ändern und wann beginnt die angesprochene Überforderung der Menschen?
Die Transformation wird nur gelingen, wenn wir sie mit sozialer Gerechtigkeit und einem Teilhabeangebot für alle Menschen in diesem Land verbinden. Unsere internationalen Verpflichtungen – die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 sowie das Pariser Klimaabkommen oder die globale Biodiversitätskonvention – diktieren aber das Tempo. Verschieben ist keine Option. Andernfalls wird die Überforderung in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren nach den planetaren Kipppunkten noch viel dramatischer sein, als wir uns das jetzt vorstellen können.
"Bauwende im hier und heute" heißt aber auch, ein neues Wohlstandsversprechen mit dem ökologischen Notwendigen zu verbinden. Gerade vor Ort wird der Wandel ja ganz plastisch.
Deswegen müssen wir die Kommunen in ihrer Umsetzungskompetenz stärken. Denn die Menschen in Deutschland erwarten zu Recht, dass lokale Politik und Verwaltung die Nachhaltigkeitstransformation unbürokratisch, kompetent, zugewandt und mit der gebotenen Geschwindigkeit begleiten. Dazu fehlt ihnen aber im Moment sowohl die finanzielle Ausstattung als auch der rechtliche Rahmen. Die Transformation wird in den Kommunen erfolgreich sein – oder sie wird es nicht sein.
Viele Städte und Gemeinden, z.B. im Saarland, in Nordrhein-Westfalen oder in Sachsen-Anhalt, sind massiv überschuldet. Und freiwillige Aufgaben wie Nachhaltigkeitsmanagement, Nachhaltiges Bauen und Klimaschutz kommen da zu oft unter die Räder. Auch ist fehlendes Personal ein großes Hindernis – Stichwort Fachkräftemangel. Dabei brauchen wir jetzt wirklich alle: in Planungs- und Architekturbüros, in den Handwerksbetrieben, auf der Baustelle und in den Ämtern. Eigentlich war die Gelegenheit noch nie so günstig, eine Jobgarantie zu bekommen und dabei gleichzeitig Gutes zu tun.
"Die Auswirkungen der Klimakrise werden sichtbarer"
Warum haben Politik und Wirtschaft dem Thema über so viele Jahre so wenig Aufmerksamkeit geschenkt und damit auch mit bewirkt, dass nun so ein Zeitdruck entsteht, wie er gleichzeitig bemängelt wird?
Das ist eine gute Frage. Auf der einen Seite werden die Auswirkungen der Klimakrise seit einigen Jahren immer sichtbarer. Dürremonate, sich häufende Starkregenereignisse mit katastrophalen Folgen oder auch ein Spätsommer bis in den Oktober wie in diesem Jahr sind dafür nur einige Beispiele. Was man am eigenen Leibe sieht und spürt, kann einen nicht mehr kaltlassen. Gleiches gilt natürlich, wenn die Wärme- und Mobilitätswende nun ganz reale Auswirkungen für uns alle haben: Wie heize ich morgen? Wie komme ich gut von A nach B? Und wie bezahle ich das? Auch hier heißt ein Rezept wohl: für sozialen Ausgleich von Anfang an sorgen, klar und faktenbasiert kommunizieren, Desinformation bekämpfen und dabei die planetaren Belastungsgrenzen im Blick behalten.
Die Aufholjagd in Richtung Nachhaltigkeit hat ja längst begonnen. Einige der früheren Veto-Player haben sich zu Fürsprechern der Transformation gewandelt. So ist die Finanzindustrie, angestoßen durch EU-Regulierungen im Bereich der Nachhaltigkeitsberichterstattung und der Taxonomie, zu einem echten Treiber geworden. Kredite werden günstiger vergeben, wenn Unternehmen Nachhaltigkeitsleistungen vorweisen können. Das reicht natürlich noch nicht, aber der Pfad hin zu einem anderen Anreizsystem wird mit der schrittweisen Einführung des europäischen und nationalen Emissionshandels ja auch endlich begangen.
Voraussetzung für die Bauwende: "Nicht-Nachhaltiges sollte nicht mehr gefördert werden"
Was sind die wichtigsten nächsten Schritte, die nun zu tun sind, damit eine Bauwende gelingen kann? Was sollte im GEG stehen? Und wie sollte es mit Förderbedingungen weitergehen?
Jeder kann in seinem Umfeld anfangen. "Und jetzt alle!" ist daher Motto unserer Plattform "Gemeinschaftswerk Nachhaltigkeit". Dort kann man sich inspirieren lassen, wie andere Organisationen bereits losgelegt haben. Ob Sportverein, Museum, Stadtverwaltung, Handwerksbetrieb oder DAX-Konzern – auf dem Gemeinschaftswerk zeigen sie, wie sie sich ganz konkret auf den Weg gemacht haben. Aber ohne viel Geld und die entsprechenden regulatorischen Rahmenbedingungen wird es nicht funktionieren. Daher muss die Politik auf allen Ebenen – in der EU, im Bund, in den Ländern und den Kommunen – an einem Strang ziehen.
Nicht-Nachhaltiges, gerade im Bausektor, sollte nicht mehr gefördert werden. Umweltschädliche Subventionen gehören abgeschafft. Und das angekündigte Klimageld zur Kompensation der CO₂-Bepreisung, die der Nachhaltigkeitsrat begrüßt, muss endlich kommen. Das wäre ein starkes Zeichen. Für den Baubereich brauchen wir den Durchbruch beim zirkulären Bauen, die Einführung einer neuen Wohngemeinnützigkeit und eine Inventur der Förderlandschaft. Die Aufgaben werden nicht kleiner, also: Ärmel hochkrempeln und loslegen!