Studie Warum die Baukrise auch die Ängste der Deutschen nährt

Wovor fürchten sich die Deutschen? Das untersucht jedes Jahr eine Studie. Im Jahr 2023 sind es vor allem finanzielle Sorgen, die die Menschen hierzulande umtreiben. Einen großen Anteil daran hat die angespannte Wohnungssituation.

Fenster in Altbau-Fassade vor und nach energetischer Sanierung mit Dämmung.
60 Prozent der Deutschen fürchten sich davor, dass Wohnraum für sie unbezahlbar wird. - © Robert Kneschke - stock.adobe.com

Die größte Angst der Deutschen sind steigende Lebenshaltungskosten. 65 Prozent fürchten sich davor. 57 Prozent der Deutschen befürchten zudem Steuererhöhungen und Leistungskürzungen. "Die Menschen haben Angst davor, immer weniger im Portemonnaie zu haben", fasst Studienleiter Grischa Brower-Rabinowitsch die Ergebnisse der Befragung "Die Ängste der Deutschen 2023" zusammen. Herausgeber ist das Infocenter der R+V Versicherung.

Angst vor unbezahlbarem Wohnraum auf Platz 2

An zweiter Stelle steht mit 60 Prozent die Angst vor unbezahlbarem Wohnraum. Diese Sorge wird in der Studie erst seit letztem Jahr abgefragt, landete aber bereits 2022 auf Platz zwei. Die Angst kommt nach Ansicht der Studienautoren nicht von ungefähr: "Für die einen zerschlägt sich angesichts steigender Zinsen und Baukosten der Traum vom Eigenheim, für die anderen wird die monatliche Miete zur immer größeren Belastung", sagt Brower-Rabinowitsch. Die Politikwissenschaftlerin und Studienberaterin Prof. Isabelle Borucki sieht in dieser Angst eine "sozialpolitische Sprengkraft": "Die eigenen vier Wände bilden die Grundlage für eine sichere Existenz. Hier ist der Staat in der Pflicht – das Recht auf Wohnen ist ein Menschenrecht."

Deutsche haben Angst vor einer gespaltenen Gesellschaft

Erstmals wurde auch nach der Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft gefragt. Mit 50 Prozent landete sie auf Anhieb auf Platz acht. Eine gewisse Spaltung in verschiedene Lager gebe es zwar schon lange, so Borucki. Hinzugekommen sei aber eine neue Konfliktlinie: "Für die eine Gruppe sind konservative Werte und die Verwurzelung in Deutschland wichtig. Die anderen sind eher weltoffen und treten für freiheitliche Werte ein. Diese Spaltung wird zunehmend sichtbar."

Schlechte Note für die Arbeit der Politiker

Das Vertrauen in die Politik sinkt, auch das zeigt die Langzeitstudie deutlich. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten sorgt sich auch vor einer Überforderung der Politikerinnen und Politiker. Dementsprechend schlecht fällt auch die Schulnote aus, die die Befragten vergeben: Sie liegt im Durchschnitt bei 3,9 (2022: 3,7).

Die Ängste der Deutschen: Der Westen sorgt sich mehr

Interessant: Die Menschen im Westen zeigen sich in diesem Jahr sorgenvoller als die im Osten. Erst zum zweiten Mal seit Ersterhebung liegt der Durchschnitt aller Ängste in Westdeutschland (45 Prozent) höher als in Ostdeutschland (44 Prozent). Auch dieses Phänomen sieht Borucki in dem knappen Wohnraum begründet, der den Westen stark betrifft.

Unterschiede zeigen sich auch bei den Generationen: Während bei den Altersgruppen ab 20 Jahren die finanziellen Sorgen dominieren, fürchten sich die Jüngeren im Alter von 14 bis 19 Jahren vor dem Klimawandel (54 Prozent).

"Die Menschen sind verängstigt, weil so viel auf einmal passiert"

Immerhin: Die Angst vor einer Rezession ist um sechs Prozentpunkte gesunken. Jeder zweite Befragte (51 Prozent) fürchtet sich davor – Platz fünf im Ranking (2022: 57 Prozent, Platz drei). Auch die Angst vor der Arbeitslosigkeit liegt weit auf den hinteren Plätzen (Platz 22).

Insgesamt aber ist der Angstindex wieder leicht gestiegen. Der Gesamtdurchschnitt aller Ängste liegt bei 45 Prozent (2022: 42 Prozent), Borucki sieht den Grund dafür in den multiplen Krisen wie Kriegen, Energieknappheit und steigender Inflation: "Die Menschen sind verängstigt, weil so viel auf einmal passiert", lautet ihr Fazit.

Die repräsentative Langzeitstudie zu den Ängsten Deutschen wird seit 1992 erhoben. Teilgenommen haben rund 2.400 Personen ab 14 Jahren. ew

Die Top 10 der Ängste der Deutschen 2023 im Überblick

PlatzAngstProzent
1.Steigende Lebenshaltungskosten65
2.Wohnen in Deutschland unbezahlbar60
3.Steuererhöhungen/Leistungskürzungen57
4.Überforderung des Staats durch Geflüchtete56
5.Schlechtere Wirtschaftslage51
6.Überforderung der Politiker und Politikerinnen51
7.Kosten für Steuerzahler durch EU-Schuldenkrise50
8.Spaltung der Gesellschaft50
9.Pflegefall im Alter48
10.Klimawandel47
Quelle: Studie "Die Ängste der Deutschen 2023"