Krise am Bau Niemand rechnet mit schneller Erholung

Das Baugewerbe stellt sich auf Durststrecke bis mindestens 2024 ein. Die Krise erreicht nun auch die Ausbauhandwerke.

Halbfertige Stahlbetonmauer auf einer großen Baustelle: Die Baubranche steckt in der Krise. - © redaktion93 - stock.adobe.com

Uwe Nostiz redet nicht um den heißen Brei herum. Der Absturz im Wohnungsbau erinnere ihn an die Situation Mitte der 1990er-Jahre. Damals brach die Baubranche regelrecht zusammen, nachdem die Euphorie der Wiedervereinigung verflogen war. "Die Auftragszahlen im ländlichen Bereich gehen gegen null", warnt der sächsische Bauunternehmer und Vizepräsident des Bauverbands ZDB. "Es gibt Kollegen, die bauen kein einziges Haus mehr." Eindringlich appelliert Nostiz: "Wir müssen versuchen, Arbeitskräfte zu halten."

Diesem Appell konnte sich der Chef der Gewerkschaft IG BAU, Robert Feiger, nicht verschließen. "Natürlich erleben wir eine dramatische Situation im Segment Wohnungsbau“, sagt der Gewerkschafter. Nun sei es nötig, Geld in die Hand zu nehmen, um das Schlimmste zu verhindern. "Nur die Abschaffung von Paragrafen baut noch keine Wohnungen." Feiger spielt damit auf den 14-Punkte-Plan der Bundesregierung an, der eine Entschlackung der Bauvorschriften und – zumindest zunächst – einen Verzicht auf strengere Dämmvorschriften vorsieht.

Pessimistische Experten

Praktisch kein Experte äußert sich derzeit optimistisch über den Wohnungsbau. "Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, sehe die Situation aber derzeit mit großer Skepsis", sagt Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern und selbst Bauunternehmer. "Besonders hart trifft es kleinere, handwerklich orientierte Unternehmen, die Ein- oder Zweifamilienhäuser bauen. Sie erleben einen regelrechten Auftragseinbruch. Dort ist die Stimmung ziemlich miserabel", sagt Peteranderl.

Das gilt nicht nur fürs Handwerk. Auch Projektentwickler und Investoren ziehen sich zurück und geben Bauvorhaben auf. Vermieter von schweren Baumaschinen erleben ein Desaster. "Es wird sich kurzfristig keine Erholung auf dem Markt ergeben, solange das Zinsniveau weiterhin auf diesem Niveau bleibt", sagt Branchenkenner Yasin Maloglu, der für das Düsseldorfer Beratungsunternehmen Marktlink kleine und mittelständische Unternehmen bei Übernahmen und Fusionen berät. Eine Stabilisierung des Marktes sei derzeit für ihn noch nicht ersichtlich. Die Preise seien immer noch viel zu hoch. Insbesondere in attraktiven Lagen bröckelten Preisvorstellungen nur langsam. "In den nächsten sechs Monaten werden wir keine Erholung sehen."

Pleitewelle abwenden

Mit Hilfe der Politik versucht die Branche nun, so unbeschadet wie möglich über das nächste Jahr zu kommen – und eine Pleitewelle abzuwenden. Peteranderl warnt: "Die Sorge vor Insolvenzen ist real. Aber selbst wenn es nicht zum Äußersten kommt, wäre eine Welle von Ausstellungen schlimm genug für die Betriebe." Viele Unternehmer versuchten, die Belegschaft zu halten. Denn die Rahmenbedingungen für die Bauwirtschaft seien mittelfristig gut. "Wir brauchen Hunderttausende Wohnungen, wir müssen die Infrastruktur in Ordnung bringen, wir müssen Windräder bauen", so Peteranderl. Diese Ansicht teilt Branchenbeobachter Maloglu.

Die Corona-Krise habe gezeigt, wie schwierig es sei wieder aufzuholen, wenn Lieferketten abgebaut wurden. Das brauche viel Zeit. Natürlich werde es wieder attraktive Neubauprojekte geben. "Es wäre also bedauerlich, wenn jetzt viele Unternehmen aus dem Markt ausscheiden. Die Nachfrage nach Wohnraum steigt perspektivisch weiter." Doch von einer Erholung kann noch keine Rede sein. Die Krise wird sich im Gegenteil zunächst wohl noch auf weitere Berufsgruppen ausweiten. Peteranderl etwa sorgt sich um die zahlreichen Handwerksbetriebe, die vom Baugeschäft abhängig sind. "Die Krise kommt zeitverzögert auch bei den Ausbaugewerken an. Das zieht einen Rattenschwanz hinter sich her."

Umweltstandards senken

Dass es nicht soweit kommt, dazu sollen 14 Maßnahmen zur Rettung des Wohnungsbaus beitragen, auf die sich die Bundesregierung verständigt hat. Sie lassen sich zusammenfassen im Dreiklang: Bessere Förderung, steuerliche Vorteile, niedrigere Standards. Um Kosten zu sparen, soll nach Worten von Bauministerin Klara Geywitz (SPD) EH-40 als verbindlicher gesetzlicher Neubaustandard in dieser Legislaturperiode nicht mehr eingeführt werden. Und weiter heißt es im Papier: "Bei den europäischen Verhandlungen über die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) setzen wir uns für anspruchsvolle Sanierungsquoten ein, wollen aber verpflichtende Sanierungen einzelner Wohngebäude ausschließen."


Ein Punkt, der im Bauhandwerk auf Zustimmung stößt. "Ich halte es für sinnvoll, Vorschriften etwa bei der Dämmung zurückzunehmen", sagt Kammerpräsident Peteranderl. Zielvorgaben ließen sich besser über den Verbrauch erzielen als über starre Dämmvorgaben oder reine Rechenwerte, "die nichts mit der Realität zu tun haben wie beim Effizienhaus-55 oder -40". Auch der ZDB befürwortet dies. "Entscheidend dabei ist, dass der EH-55-Standard auch gefördert wird, damit die Nachfrage in Gang kommt", betont ZDB-Präsident Schubert-Raab.