Interview Altersvorsorge: "Handwerker sind relativ gut informiert"

Rentenberater Harald Teschner hält viel von einer Vorsorgepflicht für Selbstständige sowie von der gesetzlichen Rentenversicherung. Der Verwaltungswirt warnt vor gängigen Fehlern bei der Altersvorsorge.

Arbeiten an der Altersvorsorge: Die Rücklagen sollten reichen, um im Ruhestand 20 bis 25 Jahre gut leben zu können, sagt Rentenberater Harald Teschner. - © L.S. - stock.adobe.com

Sind Selbstständige, speziell Handwerker, immer noch zu sorglos, wenn es gerade um die Rentenvorsorge geht?

Harald Teschner: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Handwerker eigentlich relativ gut informiert sind und dass sie vielfach durch Verbände, Kollegen oder den Meisterkurs sensibilisiert sind für das Thema.

Was halten Sie vom Vorhaben der Bundesregierung, so etwas wie eine Versicherungspflicht für Selbstständige einzuführen?

Grundsätzlich halte ich viel davon. Wir würden diese Personengruppen davor schützen, im Alter auf Leistungen des Staates angewiesen zu sein. Wir haben gerade in der Pandemie erlebt, dass viele Selbstständige tatsächlich nur kurze Zeiträume von zwei, drei Monaten mit ihren Rücklagen überstehen konnten. Umso mehr sollten eine angemessene Vorsorge und entsprechende Rücklagen vorhanden sein, um im Ruhestand 20, 25 Jahre gut leben zu können.

Dann ist eine Pflichtversicherung für Handwerker der Anlage-A-Berufe also eine gute Sache?!

Wenn man sich überlegt, was sie aus diesen 18 Jahren dann an Rente generieren, sprich an Entgeltpunkten erwerben, dann entspricht das natürlich bei weitem nicht dem, was zum Beispiel als Bürgergeld gezahlt wird. Diese Hürde sollten wir irgendwie erreichen, wenn es in Richtung Pflichtversicherung für Selbstständige geht.

"Im Grunde muss ich sagen, dass die Deutsche Rentenversicherung
viele Hürden gemeistert hat.“

Gerade wenn jemand gegründet hat, dann hat er natürlich andere Dinge im Kopf als die Altersvorsorge. Wie kann man denn diese jungen Selbstständigen trotzdem von der Relevanz des Themas überzeugen?

Indem man darauf aufmerksam macht, dass auch der Schutz vor Erwerbsminderung wichtig ist. Wenn Sie beispielsweise die Pflichtbeiträge der gesetzlichen Rentenversicherung bezahlen, schließt das Paket diese Leistungen ein. Das heißt, sie sorgen auch für den Fall der Erwerbsmin­derung vor. Zusätzlich gibt es im Todesfall Leistungen für Hinterbliebene. Wenn Sie das nicht tun, müssen Sie sich das alles zusätzlich einkaufen.

Harald Teschner
Harald ­Teschner ist Diplom-Verwaltungswirt (FH) und Rentenberater in München. - © Teschner

Oft übersteigen aber die Pflichtbeiträge den Betrag, der am Monatsende für Vorsorge übrig ist.

Für Unternehmensgründer muss man diese Regelung ein bisschen abfedern, damit sie nicht überlastet werden. Es gäbe die Möglichkeit, dass sie statt des Regelbeitrags nur die Hälfte oder entsprechend dem Einkommen zahlen, wie bisher schon, oder sie lassen sich am Anfang vielleicht befreien. Das sollte man allerdings nicht zu lange machen, weil sie dann aus dem Schutz vor Erwerbsminderung herausfallen. Das müsste man später wieder mühsam aufbauen.

Ich höre daraus, dass sie die gesetzliche Rentenversicherung schon grundsätzlich für eine gute Lösung halten. Würden Sie den nicht meisterpflichtigen Berufen auch raten, in die Gesetzliche zu gehen?

Es kommt natürlich ein bisschen drauf an, wer zu mir kommt. Ist der Unternehmer finanziell unabhängig, muss er nicht zwingend dort Beiträge bezahlen. Aber im Grunde muss ich sagen, dass die Deutsche Rentenversicherung viele Hürden gemeistert hat. Wenn sie an die Dynamik und die derzeitige Inflation denken, bieten viele andere private Anbieter diese Anpassungen nicht.

Sollte ein Mitglied der gesetzlichen Rentenversicherung trotzdem noch weitere Vorsorge betreiben?

Der Regelbeitrag liegt im Moment bei gut 630 Euro. Das entspricht in etwa einem Entgeltpunkt pro Jahr. Pro Punkt erhalten Sie später mal 37,60 Euro monatliche Rente. Nach zehn Jahren hat man Anspruch auf 376 Euro Rente. Wer das 40 Jahre macht, kommt auf 1.300 bis 1.400 Euro, wenn man die Beiträge zur Krankenversicherung berücksichtigt. In aller Regel wird das nicht reichen. Eine zusätzliche Vorsorge wäre natürlich immer zu empfehlen. Ansonsten wird der Unterschied zum vorherigen Verdienst zu groß.

"Momentan sollte man wirklich klar benannt bekommen, was man ­einzahlt und was später mal rauskommt.“

Lohnt es sich, auch nach den 18 Pflichtjahren weiter Mitglied zu bleiben?

Wer sich befreien lässt, fliegt exakt nach 24 Monaten aus der Anwartschaft für eine Erwerbsminderung raus. Im 25. Monat ohne Pflichtbeiträge fällt sein Anspruch praktisch auf Null. Die Erwerbsminderungsrente ist aber in aller Regel höher als eine Altersrente, weil sogenannte Zurechnungszeiten enthalten sind. Diese führen momentan dazu, dass sie so gestellt werden, als hätten sie bis 66 weiter eingezahlt mit ihrem bisherigen Schnitt. Ein 35-jähriger Handwerker, der vorher eine Lehre gemacht und als Angestellter ganz gut verdient hat, hat sich einen entsprechenden Schutz aufgebaut und könnte im Falle eines Falles vielleicht 2.000 Euro monatliche Erwerbsminderungsrente bekommen. Dieses Loch anderweitig zu stopfen, wird teuer.

Was sind denn die größten Fehler, die Selbstständige bei der Vorsorge machen?

Der erste Fehler ist: Sich befreien ­lassen und dann nichts mehr machen. Oder nur einen Regelbeitrag zu bezahlen, obwohl jeden Monat 10.000 Euro Gewinn gemacht werden. Das entspricht nicht einer adäquaten Vorsorge. Der nächste Fehler ist, dass man sein Rentenkonto nicht klärt, und später fehlen dann vielfach Unterlagen zur Kontenklärung.

Wovon würden Sie denn grundsätzlich abraten, was Altersvorsorge angeht?

Eine Lebensversicherung abzuschließen mit einer winzigen garantierten Rendite oder ganz ohne Garantie, halte ich für schwierig. Momentan sollte man wirklich klar benannt bekommen, was man einzahlt und was später mal rauskommt, und zwar garantiert.

Was gehört auf jeden Fall ins Vorsorgepaket?

Bei mir kommt immer der Standardsatz: Bitte diversifizieren! Sie sollten eine Grundabsicherung haben, also gesetzliche Rentenversicherung mit dem Schutz fürs Alter, gegen Erwerbsminderung und im Todesfall. Wenn Sie sich eine Immobilie kaufen wollen, und das noch in einem akzeptablen Kostenrahmen, gerne. Wenn Sie sich ein kleines Gold-Portfolio anlegen wollen, gerne. Es gibt auch den schönen Satz: Wenn Sie in jungen Jahren anfangen und sich regelmäßig am Kapitalmarkt beteiligen, können Sie Reichtum im Alter kaum vermeiden.