Im Einklang mit der Natur Dieser Zimmerer baut Häuser aus Strohelementen

Leicht und lokal verfügbar: Bauelemente aus Stroh. Kann das funktionieren? Der Zimmerer und Architekt Werner Ehrich arbeitet an einem Produkt, das ökologisch ist, wie eine Art Legostein eingesetzt werden und mit konventionellen Baustoffen mithalten kann.

Werner Ehrich im Tiny House
Werner Ehrich im Tiny House in seinem Garten. Dort setzt der Zimmerer und Architekt in der Praxis um, was er zuvor in der Theorie ausgearbeitet hat. Strohelemente werden mit Lehm verputzt, umweltschädliche Stoffe kommen nicht zum Einsatz. - © HWK Halle/Yvonne Bachmann

Nachhaltig, recycelbar, energiesparend und wirtschaftlich. Auf diese Schlagworte setzt die Politik, und so soll auch das Handwerk agieren. Inzwischen wünschen sich aber auch immer mehr Kunden, dass ihre Projekte von den Unternehmen umweltfreundlich umgesetzt werden. Für Werner Ehrich ist das schon immer das Ziel gewesen. Der gelernte Zimmerer und studierte Architekt will mit seiner Expertise und seinen Ideen seit jeher dazu beitragen, dass das Bauen und Sanieren von Gebäuden im Einklang mit der Natur erfolgt. Trotzdem soll es kosteneffizient sein. Dass das funktioniert, demonstriert er mit seinem eigenen Haus, einem ehemaligen LPG-Gebäude, das er nachhaltig und ökologisch saniert hat, sowie mit der Arbeit seines Architekturbüros, das umweltfreundliche Konzepte von der Idee bis zur Schlüsselübergabe umsetzt.

Strohballenhäuser in Leipzig

Vor vielen Jahren kam Werner Ehrich bei einem Workshop das erste Mal mit Stroh als Bauelement in Kontakt und war überzeugt von dessen Potenzial und den Vorteilen, die es für den Bau mit sich bringt. "Eine Woche lang haben wir mit Stroh gebaut und ich war fasziniert", sagt er. Später nutzte der Architekt den Rohstoff auch für einige seiner Projekte und baute unter anderem Strohballenhäuser in Leipzig.

Drei Jahre Entwicklung

Mit einem Start-up hat sich Werner Ehrich jetzt dem nachhaltigen Bauen mit Stroh in größerem Stil verschrieben und entwickelt Fertigteile aus Großballen. Die Quaderballen vom Feld werden in einem Holzrahmen fixiert und können dann vor dem Einbau mit Kalk und Lehm verputzt werden. So entsteht ein neues Gebäude mit gesundem ökologischem Fußabdruck. Was sich einfach anhört, muss trotzdem erforscht und getestet werden, damit es demnächst als Fertigteil auf den Markt kommen und dort bestehen kann. Seit drei Jahren feilt Werner Ehrich an dem Produkt, das er den Kunden dann als System anbieten möchte. "Stroh ist günstig und immer lokal verfügbar", erklärt er. Da es ein Reststoff der Landwirtschaft ist und nicht eigens für den Bau hergestellt wird, entsteht kein zusätzliches umweltschädliches Kohlenstoffdioxid. Dafür bindet Stroh eine große Menge CO2. Laut Werner Ehrichs Recherchen speichert ein Kilo Stroh 1,5 Kilo CO2.

Weitere Vorteile des Bauens mit Stroh: "Mit unseren Strohelementen errichten wir ein Geschoss an einem Tag. Es entfällt das zeitaufwändige Abdecken des Strohs auf der Baustelle. Die Elemente können universell wie eine Art Legostein eingesetzt werden. So kann man vielseitig planen und bauen", erklärt Werner Ehrich.

Wie Legosteine

Auf die Frage nach den Nachteilen, wie etwa fehlende Stabilität, Brandgefahr oder Tierbefall, erklärt der Architekt: "Die entwickelten Strohelemente sind lastabtragend. Mäuse können in die Ballen nicht eindringen, weil sie zu eng gepresst sind." Auch für Feuer seien sie aufgrund ihrer Struktur nicht so anfällig, wie man meinen würde. Eine inzwischen gültige Strohbaurichtlinie weise die guten Brand- und Wärmeschutzwerte nach. Mit Lehm verputzt, erreiche man einen Brandschutz fast wie bei Mauerwerk. Drei Zentimeter Lehmputz würden eine Feuerwiderstandsklasse F90 erzielen.

Werner Ehrich und Strohelemente
Die Strohelemente wiegen je zwischen 150 und 200 Kilogramm, sind 2,50 bis 3,20 Meter hoch und 1,25 Meter breit. - © HWK Halle/Yvonne Bachmann

Mit dem Bau einer transportablen Unterkunft, die einem Tiny House ähnelt, testet Werner Ehrich auf dem eigenen Grundstück bei Weißenfels seine Prototypen und Baustrategien und entwickelt sie weiter. So muss das Stroh beispielsweise optimal in den Holzrahmen gepresst werden. Mal funktioniert alles, wie in der Theorie geplant, mal muss nachjustiert werden. Meistens baut Werner Ehrich allein, aber er hat auch schon Unterstützung vom Bauzirkel/Verein für ökologisches Bauen Leipzig erhalten, zu dem zum Beispiel angehende Bauingenieure gehören, die sich für diese Art des nachhaltigen Bauens interessieren. "Das Tiny House ist so ökologisch gebaut, wie es im Moment möglich ist, und es zeigt auch, wie man auf kleinem Raum barrierearm und komfortabel bauen kann. Das spart Geld und schont die Umwelt", erklärt der Architekt und Zimmermann.

Bauen für die Mittelschicht

Neben dem Wunsch, gesund und ökologisch zu bauen, ist auch die Zielgruppe wichtig für ihn. Er habe nie für Reiche bauen wollen, sondern immer für die Mittelschicht. Und Werner Ehrich hatte schon immer die Vision für ein nachhaltiges Bauen – lange, bevor es in aller Munde war. Schon direkt nach seiner Ausbildung zum Zimmermann entwarf er als Architekturstudent an der Universität in Darmstadt ein durchdachtes Öko-Erdhaus, stieß damit bei den Dozenten allerdings auf Ablehnung. Erst im Berufsleben bekam er die Chance, für ihn passende Projekte selbst oder mitzugestalten. "Für ein Architekturbüro, das unter anderem baubiologische Fachwerksanierungen durchführte, übernahm ich die Bauleitung der Außensanierung der gotischen Kirche von Michelstadt", erinnert sich Werner Ehrich.

Engagiert in der Denkmalpflege

Später habe es ihn in die DDR, speziell nach Halle gezogen, wo nach der Wende viele Altbauten leer standen – "eine tolle und erhaltenswerte Substanz", wie der Architekt sagt. Werner Ehrich engagierte sich damals beim Arbeitskreis Denkmalpflege. Schätze habe er da gesehen, berichtet er. Und beim Erhalt eines dieser Schätze war er maßgeblich beteiligt. "Als der Ort Breunsdorf abgebaggert wurde, haben wir ein Fachwerkhaus abgebaut, um es auf der Dölitzer Wassermühle wieder aufzubauen. Es passiert nicht oft, dass ein Denkmal den Ort wechselt", sagt Werner Ehrich.

Mit genauso viel Motivation arbeitet der Architekt nun fast 30 Jahre später am Projekt Strohelemente und kommt seinem Ziel immer näher. Aktueller Stand? "Das Patent ist erteilt und wir arbeiten am Aufbau unserer Produktion, der Zertifizierung und am Vertrieb."