Angelernte und Fachkräfte Woher kommt das Personal für die Energiewende?

Der Bauboom der vergangenen Jahre und die Energiewende verändern die Anforderungen an Aus-, ­Fort- und Weiterbildung. Wie verschiedene Gewerke damit umgehen.

Elektronikerin für Energie- und Gebäudetechnik an einer PV-Anlage.
Das Handwerk braucht hunderttausende Arbeitskräfte, um die Aufgaben der Energiewende zu stemmen. Ob schnell eingearbeitete Helfer oder doch hochspezialisierte Fachkräfte nötig sind, wird debattiert. - © AMH/ArGe Medien im ZVEH

Die Energiewende ist mehr als nur eine technische Wende. "Damit muss und wird sich auch die Ausbildung drastisch ändern", sagt Ralf Suhre, Hauptgeschäftsführer der Innung für Sanitär, Heizung und Klima in München.

Nicht nur das SHK-Handwerk muss sich mit der Frage nach einer zukunftsfähigen Ausbildung auseinandersetzen. Verschiedenste Handwerksberufe sehen sich durch die Energiewende neuen personellen Herausforderungen gegenüber. Die Herangehensweisen sind unterschiedlich. "Das Elektrohandwerk zum Beispiel hat zur richtigen Zeit die richtigen Veränderungen herbeigeführt, etwas Neues geschaffen und sich weiter spezialisiert. Genau das sollten wir auch tun", meint Suhre.

Reform und Kooperation im Elektrohandwerk

2021 hat das Elektrohandwerk die Neuordnung seiner Berufsbilder abgeschlossen und dabei auch einen neuen Beruf geschaffen: Den "Elektroniker für Gebäudesystemintegration". "Dieser Beruf überwindet die klassischen Gewerke-Grenzen und verknüpft die verschiedenen Systeme zu einem Gesamtsystem", so die ­Bundesinnung der Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH). Aktuell werden die Meisterberufe neu geordnet.

Um dem hohen Fachkräftebedarf zu begegnen, setzt die Elektrobranche neben der modernisierten Ausbildung auf gewerkeübergreifende Zusammenarbeit und Verbändevereinbarungen. Die drei Verbände des Elektro-, SHK- und Kältetechnikerhandwerks aktualisieren derzeit ihre Schulungsunterlagen für Fortbildungen. Mit einer solchen Schulung können beispielsweise Anlagenmechaniker eine Eintragung nach § 7a in die Handwerksrolle Elektro erlangen. Das befähigt sie, erforderliche elektrotechnische Arbeiten auszuführen.

Wer Wärmepumpen installiert

Ein Drittel der Elektrobetriebe installiert Wärmepumpen, zeigt die Konjunkturumfrage des ZVEH. Aber auch Baubetriebe arbeiten in dem Bereich, zum Teil mit Angelernten. "Wir merken, dass vermehrt Bauhelfer beim Einbau von Wärmepumpen helfen und von den Herstellern geschult werden", sagt Frank Tekkilic, Pressesprecher der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt. Diese Entwicklung sei problematisch, wenn dadurch eine fundierte, duale Ausbildung auf der Strecke bleibe.

Bauhelfer haben keine reguläre Ausbildung, im Gegensatz zu Bauchfacharbeitern, die eine zweijährige Ausbildung absolviert haben oder Spezialbaufacharbeitern mit einer dreijährigen Ausbildung. Diese Aufteilung zwischen zwei- und dreijährigem Ausbildungsberuf habe sich sehr bewährt, sagt Andreas Lieberknecht, Geschäftsführer des Verbandes baugewerblicher Unternehmen in Hessen. "Gerade wenn sich Unternehmen und Auszubildende nicht ganz sicher sind, ob eine dreijährige Ausbildung auf Anhieb zum Erfolg führt, ist die zweijährige Ausbildung ein guter Kompromiss."

Zweijährige Ausbildung am Bau bewährt

Insbesondere für schwächere Schüler oder Geflüchtete mit weniger Sprachkenntnissen könne die zweijährige Ausbildung ein guter Einsteig sein. Grob ließe sich sagen, dass ein Drittel eines Ausbildungsjahrgangs eine zweijährige und zwei Drittel eine dreijährige Ausbildung anfangen. Mancher mache nach bestandener zweijähriger Ausbildung auch gleich weiter, so dass nach drei Jahren oft noch ein größerer Anteil den Abschluss einer dreijährigen Ausbildung nachweisen kann.

Das ist auch die Erfahrung von Dirk Siegel, Geschäftsführer der Bildungsakademie der Bauwirtschaft Baden-­Württemberg gGmbH. "Unter dem Strich gibt es so mehr Ausbildungsverhältnisse", sagt er. Hinzu komme, dass die zweijährige Ausbildung je nach Vorkenntnissen oder Lernrückständen auch noch um ein oder zwei Jahre verlängert werden kann. Und wer nach der Schule noch nicht ganz fit für eine Ausbildung am Bau sei, könne über das Programm "Berufsstart Bau" in sechs bis neun Monaten weitere Sprach- oder Mathematikkenntnisse erwerben und in den Beruf hineinschnuppern.

Haftungsfragen beim Einsatz von Ungelernten

Auch ungelernte Kräfte könnten nach einer Anlernphase am Bau eingesetzt werden. "Allerdings sollte schon aus Gründen der Haftung ein Handwerksbetrieb darauf achten, dass diese Kräfte nur unter Aufsicht von ausgebildeten Führungskräften arbeiten", sagt Lieberknecht.

Dieses Problem sieht auch der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW Solar). Der Markt für Photovoltaikananlagen ist in den vergangenen Jahren extrem gewachsen, der Bedarf an Arbeitskräften ist wie im Wärmepumpenmarkt enorm. Bisher gebe es keine gesetzlichen Vorschriften, wie eine Person ausgebildet sein muss, um Solarmodule zu montieren, die DC-Verkabelung auf dem Hausdach vorzunehmen und Komponenten zu installieren, so der BSW Solar. Der Verband rät allerdings davon ab, Angelernte hierfür einzusetzen. Im Sinne einer Qualitätssicherung sollte die Installation ein Elektrofachbetrieb vornehmen. Für den Anschluss der PV-Anlage an die Hauseinspeisung sei dies ohnehin nötig. Den Anschluss ans Netz dürfen nur vom Netzbetreiber zertifizierte Elektrofachkräfte durchführen.

Keine formale Erstausbildung für Solartechniker

Trotz des Qualitätsanspruchs strebt der Verband keine Formalisierung der Ausbildung an. "Das hat nicht zwingend einen Einfluss darauf, was tatsächlich auf der Baustelle passiert. Es liegt in der Eigenverantwortung des Elektrobetriebs, die allgemein anerkannten Regeln der Technik zu kennen und sie einzuhalten." Auch gebe es spezielle Fortbildungen für Elektrofachkräfte oder verwandte Berufe. In den 90er-Jahren wurde eine "Solarteur"-Weiterbildung entwickelt, der Begriff ist geschützt. Bei Kammern und Innungen gibt es die "Fachkraft für Solartechnik".