Interview zur Ausbildungskrise "Ein geeigneter Azubi – was ist das überhaupt?"

Mehr als 40 Prozent der Ausbildungen im Maler- und Lackiererhandwerk werden vorzeitig gelöst. Isabel Birk, Beraterin im ­Bundesverband Farbe, wirft einen kritischen Blick auf die Ausbildungsqualität, die oft schon an mangelndem Bewusstsein krankt.

Isabell Birk
Isabel Birk ist Diplom-Betriebswirt (FH), Ausbilderin und Mediatorin und hat einen Master of Arts "Beratung in der Arbeitswelt". Sie ist seit 1990 im Bundesverband tätig und betrachtet Ausbildung aus verschiedenen Blickwinkeln. - © privat

Viele Betriebe finden keine Azubis mehr oder verlieren sie wieder. Manche ziehen sich frustriert aus der Ausbildung zurück. Haben wir eine Ausbildungskrise?

Isabel Birk: In unserer Konjunkturumfrage antworteten 22 Prozent von 1.034 Betrieben, dass sie nicht ausbilden, weitere sechs Prozent haben noch nie ausgebildet; hochgerechnet wären das also 10.000 Betriebe unserer Branche. In Kleinst- und Kleinbetrieben steigt dieser Anteil, doch gerade dort könnte ein Auszubildender intensiv profitieren. Ein Argument ist, dass die Ausbildung der jungen Generation anstrengt. Aber ich stehe pauschalen Charakterisierungen kritisch gegenüber. Soziologisch trifft der Wandel nachweisbar jede Gesellschaft. Sicher ist er aktuell rasanter, facettenreicher und intensiver.

Wie können Chefs damit umgehen?

Werkzeuge und Tipps, wie man junge Leute "behandeln muss", sind für mich kein Anfang einer Lösung. Für mich steht das Bewusstsein an erster Stelle, dass junge Leute erst einmal "nur" anders sind und Arbeitgeber die Welt nicht nur durch die Brille betrachten, die ihnen lange vertraut ist.

Liegt der Bewerbermangel nur am demografischen Wandel und der Studierneigung der Jugend?

Mich lässt hellhörig werden, dass Betriebe nach eigener Aussage keine "passenden" Auszubildenden finden. Ich frage mich schon lange, was das heißt. Geht es um Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Fleiß, also Werte, die mit Blick auf "künftige Sicherung unseres Wohlstands" auch über das Handwerk hinaus weiter im Fokus stehen? Ist es jemand mit Vorwissen? Geht es um Schulnoten? "Passt" jemand, der zwar nicht mit dem Schulzeugnis punktet, aber neugierig ist auf ein breites Berufsspektrum und den Betrieb mit Kreativität bereichern könnte? Für mich ist häufig nicht klar zu erkennen, was "passend" bedeutet. Das wirkt sich eventuell auch auf die Suche nach Personal aus.

Das Malerhandwerk bildet auch viele Auszubildende mit Hauptschulabschluss oder ganz ohne Abschluss aus. Das ist oft schwierig. Viele Chefs schaffen es nicht, sich mit dadurch entstehenden Problemen auseinanderzusetzen.

Absolut. Aber viele Chefs wollen auch nichts in andere Hände geben. Und was heißt "problematisch"? In meiner Erfahrung war es immer dann problematisch, wenn Denken und Handeln des Kindes oder Jugendlichen von meinen Wertvorstellungen abwichen. Jeder Mensch ist eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten und alle sind letztlich das Ergebnis von Erziehung und Gesellschaft der vorherigen Generation. Schon vor Jahren bin ich mehr und mehr einen Schritt zurückgetreten und habe kritisch reflektiert. Mir diese Zeit zum Beobachten zu nehmen, fragen, ohne zu kontrollieren, stärker hin- und zuhören, hat meine Haltung und Beziehung zu jungen Menschen wesentlich verändert, für beide Seiten eine enorme Weiterentwicklung.

Wie könnten solche Erkenntnisse in die Breite getragen werden?

Ich beschäftige mich schon lange mit den Herausforderungen des Handwerks in einer sich verändernden Arbeitswelt. Auf Auszubildende bezogen gibt es inzwischen einige Studien, zum Beispiel zum Ghosting, wenn also Auszubildende trotz Vertrag nicht erscheinen. Andererseits höre ich von Jugendlichen, dass auch sie Ghosting erleben, wenn Betriebe nicht oder erst nach Wochen auf ihre Bewerbung reagieren. Mich macht das stutzig und mir werden die Gründe auf betrieblicher Seite zu wenig erforscht. Das aber könnte das Thema Ausbildung voranbringen.

Müssten sich Meister und Ausbilder dann auch anders auf die Ausbildung vorbereiten?

Dazu fällt mir spontan die Aussage eines Unternehmers ein: Personalentwicklung und -führung kamen ihm in der Meisterprüfungsvorbereitung zu kurz. Natürlich, Handwerk ist Technik, Kern der Meisterprüfung als "Befähigungsnachweis" ist seit jeher die Sach- und Fachkompetenz, eben das "Was". Doch der Prozess vom "Was" zum "Warum" der Mensch etwas tut hat sich umgekehrt. Sinn und Bewusstsein stehen inzwischen an erster Stelle und nicht mehr der reine Broterwerb.