Eine Reform des Straßenverkehrsgesetz soll es Kommunen erleichtern, mehr Tempo-30-Zonen einzurichten. Ein verlangsamter Stadtverkehr soll auch dem Klimaschutz dienen. Geht die Rechnung auf? Das Kfz-Gewerbe fürchtet auf vielen Straßen einen gegenteiligen Effekt.

Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) will das Straßenverkehrsgesetz ändern und den Städten und Kommunen bei der Verkehrsplanung neue Entscheidungsspielräume ermöglichen. Künftig sollen sie flexibler selbst entscheiden dürfen, wo Autos wie schnell fahren dürfen. Im Fokus steht dabei auch, mehr Tempo-30-Zonen schaffen zu dürfen, mehr Radwege und Busspuren sowie andere verkehrsberuhigende Maßnahmen einzuplanen. So soll auch mehr Klimaschutz erreicht werden.
Mit Tempo 30 zu mehr Klimaschutz: Kann das klappen?
Die Bundesregierung hat den Gesetzentwurf bereits beschlossen und setzt damit eine Vorgabe des Koalitionsvertrags um. Neben dem Bundestag muss noch der Bundesrat zustimmen. Die geplante Reform wird bisher einerseits als Modernisierungsschub für den städtischen Verkehr bewertet, da der öffentliche Raum künftig fairer zwischen den einzelnen Verkehrsteilnehmern verteilt werden kann. So lobte etwa der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, dass die Pläne erste Anzeichen für ein Umdenken erkennen lasse und für die Städte in die richtige Richtung gehe.
Ein von Städten gegründetes Bündnis hatte sich bereits für mehr Entscheidungsfreiheit bei der Anordnung von Höchstgeschwindigkeiten innerhalb geschlossener Ortschaften eingesetzt. Städten und Gemeinden müsse es ermöglicht werden, Tempo 30 als "verkehrlich, sozial, ökologisch und baukulturell angemessene Höchstgeschwindigkeit" dort anzuordnen, wo sie es für sinnvoll erachten – auch für ganze Straßenzüge im Hauptverkehrsstraßennetz und gegebenenfalls auch stadtweit als neue Regelhöchstgeschwindigkeit.
Tempo 30 oder ein guter Verkehrsfluss? – Das dient dem Klimaschutz
Dennoch darf man nicht erwarten, dass Geschwindigkeitsbegrenzungen in Städten pauschal und direkt auch dem Klimaschutz dienen. Diesen im Stadtverkehr zu steigern, erreicht man vielmehr durch einen störungsfreien Verkehrsfluss aller Teilnehmer. Das erklärt der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK), Kurt-Christian Scheel, im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung. Wir haben mit ihm über die geplante Reform gesprochen, über Maßnahmen, um den Verkehrsfluss zu steigern und darüber, was jeder Autofahrer tun kann, um klimafreundlicher unterwegs zu sein im eigenen Pkw.
Herr Scheel, mehr Tempo-30-Zonen und mehr Klimaschutz im Stadtverkehr – das klingt erst einmal gut. Aber man hört auch immer wieder, dass verkehrsberuhigende Maßnahmen im Stadtverkehr den Verkehrsfluss auch so stören können, dass dabei mehr Abgase ausgestoßen werden? Stimmt die Kritik komplett oder in Teilen?
Verkehrsberuhigende Maßnahmen tragen nur dann zur Verringerung von Abgasemissionen bei, wenn damit gleichzeitig der Verkehrsfluss optimiert wird. Ansonsten können sie kontraproduktiv wirken. Auf Hauptverkehrsstraßen kann Tempo-30 dagegen zu mehr Stop-and-Go, Staus und Ausweichverkehren führen. Die Folge sind ein höherer Ausstoß an CO2 und Feinstaub. Die Erfahrung zeigt, dass Tempo 50 auf Hauptverkehrsstraßen geeignet ist, Verkehre zu bündeln und damit Nebenstraßen zu entlasten.
"Anfahren und Bremsen führen zu mehr Emissionen"
Wie ist das technisch zu werten?
Anfahren und Bremsen führen zu mehr Emissionen durch Kraftstoffverbrauch, Reifen und Bremsabrieb. Ausweichverkehr führt zu mehr gefahrenen Kilometern und damit zu mehr CO2. Richtig gestaltet können Hauptverkehrsstraßen mit Tempo 50 oft einen homogenen Verkehrsfluss besser gewährleisten als Tempo 30. Im Einzelnen hängt das stark von der örtlichen Situation, insbesondere der Mischung zwischen Zielverkehr und Durchgangsverkehr, ab.
Helfen verkehrsberuhigende Maßnahmen wie Tempo-30-Zonen also dem Klimaschutz – oder gibt es Alternativen?
Tempo-30-Zonen sind eine bewährte Maßnahme, um die Verkehrssicherheit und Lärmbelastung an belebten Straßen mit viel Fuß- und Fahrradverkehr zu erhöhen. Dies ist vor allem vor Schulen, Altenheimen in Wohngebieten oder an Unfallschwerpunkten sinnvoll. Das kann je nach örtlicher Gegebenheit auch für den Klimaschutz hilfreich sein. Wichtiger sind dafür ein homogener Verkehrsfluss, eine angepasste Fahrweise und ein modernes Fahrzeug. Das kann ein Elektroauto sein, aber auch ein Verbrenner nach der aktuellsten Abgasnorm ist besser als ein altes, schlecht gewartetes Fahrzeug.
"Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Städten hilft den Menschen nicht"
Was kann man als Autofahrer tun, um klimafreundlicher zu fahren?
Gerade im urbanen Umfeld können Autofahrende durch vorausschauendes Fahren Kraftstoff, CO2, Feinstaub und Lärm einsparen. Wer sein Fahrzeug nur mäßig beschleunigt, den größtmöglichen Gang benutzt und sein Auto z. B. vor der Ampel ausrollen lässt, schont die Umwelt und sein Fahrzeug. Das funktioniert unabhängig von der Geschwindigkeit und der Antriebsart. Wer mit einem gut gewarteten Auto unterwegs ist tut ebenfalls etwas dafür, Emissionen zu reduzieren.
Was können Verkehrsplaner in Städten tun für einen klimafreundlichen Autoverkehr?
Eine Regelgeschwindigkeit von 30 km/h in Städten hilft den Menschen nicht. Es kommt immer auf die örtliche Situation an. Wir brauchen ein Nebeneinander von Hauptverkehrsstraßen, die Durchgangsverkehre bündeln und den Verkehrsfluss möglichst homogenisieren, und entlasteten, verkehrsberuhigten Bereichen. Tempo 30 kann überall dort sinnvoll sein, wo es den Verkehrsfluss fördert und für einen emissions- und lärmarmen Verkehr sorgt.
Auf Hauptverkehrsstraßen kann Tempo-30 dagegen zu mehr Stop-and-Go, Staus und Ausweichverkehren auf untergeordnete Straßen führen. Die Folge sind ein höherer Ausstoß an CO2 und Feinstaub. Geschwindigkeitsregulierungen sollten den Zeitvorteil von Hauptverkehrsstraßen gegenüber Nebenstraßen nicht gefährden. Ansonsten kann es zu mehr Verkehr in Wohngebieten kommen mit negativen Folgen für Verkehrssicherheit und Lärmbelastung.
mit Material von dpa