Neue Uhren, altes Handwerk Der Letzte seiner Art: Hier entstehen noch Kuckucksuhren-Unikate

Christophe Herr aus Schonach stellt in fünfter Generation traditionelle Schwarzwälder Kuckucksuhren her. Nicht nur neue Uhren verlassen seine Werkstatt. Der Holzbildhauer restauriert auch alte Kuckucksuhren und verschickt sie in alle Teile der Welt.

Christophe Herr bei letzten Überprüfungen, ob die Feinheiten stimmen. - © Heidi Diehl

Ein bisschen sieht es aus wie Meditation: Er fixiert einen kleinen Rohling auf einem Holzbrett, setzt das Schnitzeisen an, und in wenigen Minuten verwandelt sich das Stück Holz in eine wunderschöne Tanne. Wieder und wieder, jedes Bäumchen ein kleines Kunstwerk, jedes ein Unikat. Wie alles, was unter Christophe Herrs geschickten Händen entsteht. Der 43-Jährige fertigt in Schonach im Schwarzwald traditionelle Kuckucksuhren – in fünfter Generation. Seit Valentin Herr 1868 das Familienunternehmen gründete – das heute nach dessen Sohn und Christophes Urgroßvater Robert benannt ist – wurde das Kunsthandwerk von Generation zu Generation weitergegeben.

Heute gilt der Betrieb als der älteste noch bestehende Hersteller von ausschließlich handgefertigten traditionellen Schwarzwalduhren. Wieder, muss man sagen, denn in den 1970er Jahren, der Zeit, wo es als schick galt, sich eine Schwarzwalduhr als Urlaubssouvenir zu kaufen, beschäftigte die Firma rund 40 Leute, die Serienuhren herstellten. "Mit Opa Kuno änderte sich das", sagt Christophe. "Kein Mensch braucht Kuckucksuhren, war dessen Überzeugung und machte ab 1981 einen Schritt zurück zu den Wurzeln." Seitdem werden in der Schonacher Werkstatt wieder ausschließlich Einzelstücke in hundert Prozent Handarbeit hergestellt.

Vater drängte zu akribischer Arbeit

Ein Erbe, das Christophe Herr mit aller Leidenschaft fortführt. Schon als kleiner Junge war er oft und gern in der Werkstatt und schaute seinem Opa und seinem Vater fasziniert dabei zu, wie sie aus vielen handgefertigten Einzelteilen wunderschöne Uhren herstellten. Das wollte er auch können, und so sah man den Jungen bald erste Bäume und Tiere schnitzen. "Bereits damals ließ mein Vater Husch-Husch nicht durchgehen, von Anfang an drängte er mich zu ordentlicher Arbeit", erinnert sich Christophe. "Dafür bin ich ihm heute unendlich dankbar", sagt er und bekennt: "Ich bin ein Perfektionist." Was für ihn bedeutet: Eine Uhr ist erst fertig, wenn jedes noch so winzige Detail exakt so ist, wie er es sich vorgestellt hat. Egal, wie lange es dauert.

Seine erste eigene geschnitzte Uhr stellte er 1991 als Zwölfjähriger als Geschenk für seine Mutter her. Heute hat sie einen Ehrenplatz in der Werkstatt. Dass nur zehn Jahre später sein Vater ihm die Firma übergeben würde, ahnte der Junge damals noch nicht. Vater und Großvater indes hatten in ihm längst das Talent und die Begeisterung für das alte Kunsthandwerk gesehen.

Der Weg zum Kuckucksuhrenbauer

Nach der Beendigung der Hauptschule ging Christophe zunächst für ein Jahr in eine Schreinerlehre, bei der er sich viele Grundkenntnisse der Holzbearbeitung aneignen konnte. Dann wechselte er auf die Berufsschule in Bad Neustadt an der Saale, wo er eine dreijährige Ausbildung zum Holzbildhauer absolvierte. Als einziger aus Baden-Württemberg. 1998 kehrte er in den elterlichen Betrieb zurück und arbeitete die nächsten zehn Jahre Seite an Seite mit seinem Großvater und seinem Vater. Inzwischen ist er allein in der Werkstatt, die der Vater dem Sohn übertrug, als der 22 Jahre alt war. Einsam fühlt er sich aber nie. Christophe Herr genießt die Ruhe, bei der er sich ganz und gar auf seine Arbeit konzentrieren kann. "Ich bin in der Werkstatt komplett entschleunigt", sagt er. Gern führt er auch Besucher durch sein "Reich“ und zeigt ihnen, wie eine Uhr entsteht.

Wie kommt der Kuckuck in die Uhr?

Denn ehe aus einem Stück Holz eine fertige Kuckucksuhr wird, braucht es viele Handgriffe und Arbeitsschritte. „Alles beginnt mit der Auswahl des Holzes", sagt der Bildhauer. Lindenholz eignet sich besonders zum Schnitzen, das er gemeinsam mit seinem Vater im Wald aussucht. Die Stämme werden in sieben Zentimeter dicke Bohlen zersägt, müssen dann mindestens zwei Jahre an der Luft trocknen, bevor sie geschnitten und zu Platten verleimt werden. "So wird verhindert, dass später Risse entstehen." Auf diese Platten werden später Schablonen für die künftigen Uhren gelegt, die Konturen übertragen und dann mit der Hand ausgesägt. Nun beginnt die Hauptarbeit bei jeder Kuckucksuhr, das Schnitzen: Tiere, Pflanzen, Bäume, verschiedene Ornamente. Später wird alles zusammengefügt, gebeizt und abschließend mit einem Wachs versiegelt, den Christophe Herr nach einer eigenen und geheimen Rezeptur herstellt.

Fehlt noch das mechanische Uhrwerk und der natürlich der Kuckuck, der zu jeder Stunde lauthals verkündet, was die Stunde geschlagen hat. Der „Schreihals“ in Christoph Herrs Uhren schlägt dabei sogar noch mit den Flügeln. Diesen "Wundervogel" hat er Firmenchef vor einigen Jahren zusammen mit einem Onkel entwickelt. Die Uhrwerke kommen ebenfalls aus Schonach, von der Firma SBS-Feintechnik, die als einzige weltweit solche traditionellen mechanischen Spielwerke produziert. Und auch nur einen Kuckucksruf entfernt stellt die Firma Kienzler die Blasebälge her, ohne die der Kuckuck keinen Ton von sich geben würde.

Viele Kunden sind leidenschaftliche Kuckucksuhren-Sammler

Die Kunden von Christophe Herr wollen ihre individuelle Uhr. Viele von ihnen sind Sammler und lassen sich diese Leidenschaft etwas kosten. Dabei ist der Firmenchef offen für viele Wünsche, allerdings gibt es für ihn auch Grenzen: Kuckucksuhren mit schnörkellosem, kitschbuntem Design etwa. Was nicht heißt, dass die Uhren nicht die persönlichen Wünsche der Kunden berücksichtigen. Besonders beliebt sind nach wie vor Kuckucksuhren mit aufwendig geschnitzten Jagdszenen. Wie jene, an der er gerade arbeitet. Eine besonders große und reich verzierte Uhr, die Christophe Herr für einen Kunden aus den USA herstellt.

Der hatte einen besonderen Wunsch, wollte einen Nachbau des Gesellenstücks des Holzbildhauers. "Das ist schon eine Arbeit, die mit besonderen Emotionen verbunden ist", sagt er und verpasst einem Hirsch den letzten Schliff mit dem Schnitzeisen. Die Kunstwerke aus der Firma "Robert Herr Kuckucksuhren" werden weltweit verschickt. Kunden hat der Holzbildhauer in Dubai, Australien oder in Amerika, die sich ihre Traumuhr eine Menge Geld kosten lassen und dafür auch gern eine längere Wartezeit in Kauf nehmen. Dafür aber bekommen sie ein individuelles handsigniertes Einzelstück.

Eine Kuckucksuhr für Harald Glööckler

Christophe Herr kann viele Geschichten erzählen. Zum Beispiel die von einer Familie in Südafrika, die ihr Familienwappen schickte und wünschte, das es in eine Kuckucksuhr integriert wird. Nach wochenlanger Schnitzarbeit trat die 1,50 Meter große Maßarbeit den Weg zur Familie Krüger, den Nachfahren der Begründer des Krüger Nationalparks an, die sich hocherfreut für das "absolute Meisterstück" bedankten.

Eine Uhr aber sticht besonders heraus: die Glööckler-Uhr. Christophe Herr erinnert sich noch genau an den Tag im Sommer 2020, als das Telefon klingelte und sich der Anrufer als der Modeschöpfer Harald Glööckler vorstellte. Er habe letzte Nacht davon geträumt, Kuckucksuhren zu designen, erklärte das schrille "Gesamtkunstwerk". Nach dem ersten Schreck war Herrs Neugier geweckt, man traf sich, Glööckler zeigte dem Uhrenbauer erste Skizzen und erklärte ihm, was er genau wolle: Eine Schwarzwälder Kuckucksuhr mit einem Hauch von Barock im Rokokostil – schlicht und einfach eine "pompööse" Kreation. Und genau so wurde sie: Das Ziffernblatt ist von einem verschnörkelten goldenen Rahmen umgeben, da, wo klassische Kuckucksuhren ein Dach haben, thront eine riesige goldene Krone, und sogar der Kuckuck trägt ein goldenes Krönchen. Man kann sie kitschig oder schön finden, ein Hingucker ist sie auf jeden Fall.

Herr restauriert auch alte Kuckucksuhren

Im Ladengeschäft gleich neben der Werkstatt, das Christophe Herr vor vier Jahren eröffnete, ist sie genau so zu sehen wie rund 60 andere traditionelle Kuckucksuhren. Selbstverständlich sind auch sie alle Unikate und nicht unbedingt ein Schnäppchen. Je nach Aufwand muss man für eine echte Herr-Uhr zwischen 400 und mehreren tausend Euro investieren. "Wer billige Massenware will, muss woanders kaufen", sagt der Holzbildhauer. Neben der Anfertigung von neuen Kuckucksuhren repariert und restauriert er auch alte. Sie zu erhalten ist ihm wichtig, denn jede ist ein Zeugnis der alten Handwerkskunst.

Er selbst hat inzwischen auch eine eigene Sammlung alter Uhren und ist immer wieder begeistert von dem, was die Vorfahren geschaffen haben. "Leider steht es nicht gut um den Nachwuchs", sagt er. Die Arbeit verlangt nicht nur handwerkliches Können, sondern auch Kreativität, Fantasie und viel Geduld. Das fehle vielen jungen Leuten leider und er befürchtet, dass das alte Handwerk in wenigen Jahrzehnten ausgestorben sein könnte. Er selbst hat mehrere Jahre in einer Schule seines Heimatortes die alte Handwerkskunst unterrichtet, aus Zeitgründen ist ihm das nun leider nicht mehr möglich. Aber wer weiß, vielleicht konnte er ja dem einen oder der anderen die Liebe zu den Kuckucksuhren weitergeben.