Hilfe für Schutzsuchende Ein Bäcker mit Herz

Reiner Dietl ist der Inhaber einer traditionellen Bäckerei im niederbayrischen Elisabethszell. Und doch ist er kein gewöhnlicher Bäcker. Nach dem Beginn des Ukrainekriegs backt er Brote für die ukrainische Bevölkerung und begibt sich sogar in Gefahr.

Rainer Dietel mit seinem leiblichen Sohn Felix, Adoptivsohn Sasan und Pflegesohn Ruslan aus der Ukraine.
Mit Brot schenkt Rainer Dietl den Kindern in der Ukraine Hoffnung und zaubert ihnen ein kleines Lächeln aufs Gesicht. - © privat

Beim Eintreten in die Bäckerei Dietl steigt einem bereits der köstliche Geruch nach Brezen und Brot in die Nase. Reiner Dietl, der aktuelle Inhaber, sitzt in einem kleinen Aufenthaltsraum hinten in dem Haus, das an die Bäckerei angebaut ist. Zudem hüpft ein kleiner Junge mit großen Rehaugen fröhlich durch den Raum. Dessen Eltern sind gerade bei dem kleinen Bruder, der erst vor ein paar Tagen zur Welt gekommen ist, weshalb Reiner auf das Kleinkind aufpasst.

Trotz des stressigen Tages erzählt Reiner gerne etwas über seine Bäckerei und seine Arbeit. Das Unternehmen existiert bereits seit 1863 und ist bis heute in Familienbesitz. Eigentlich hätte sein älterer Bruder die Bäckerei übernehmen sollen. Doch Reiner hat bereits als Kind davon geträumt, Bäcker zu werden. Er ist dort aufgewachsen und hat viel Zeit mit seiner Großmutter in der Backstube verbracht. Deshalb hat er sich dazu entschlossen, in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten und die Bäckerei zu übernehmen. "Dass man nur mit Mehl und Wasser immer neue Mischungen und neue Kreationen ausprobieren kann, das macht mir Spaß", sagt er. Dafür steht er bereits um 23:00 Uhr in der Backstube. Das ist eine Herausforderung, die er jedoch gerne auf sich nimmt.

Doch Reiner ist nicht nur der Besitzer einer Dorfbäckerei. Er nutzt seine Position für einen guten Zweck: Er engagiert sich in sozialen Projekten, die insbesondere Flüchtlingen dabei helfen sollen, sich besser in Deutschland zurechtzufinden. Jedoch spendet er nicht einfach an eine Organisation. "Das mit dem Spenden ist so eine Sache", sagte er dazu. "Du weißt nie, wo es ankommt." Stattdessen nimmt Reiner die Projekte zu großen Teilen selbst in die Hand.

Angefangen hat alles mit einer leerstehenden Pension. Ein Mitarbeiter hat ihm vorgeschlagen, dort ein Flüchtlingsheim einzurichten. Der erste Flüchtling, der das Haus betreten hat, war Sasan, ein Jugendlicher aus Afghanistan. Reiner hat dem Jungen nicht nur eine Ausbildung in seiner Bäckerei verschafft, er hat ihn sogar adoptiert. Das war vor acht Jahren. Mittlerweile ist Sasan ein fester Bestandteil der Familie Dietl und hat sie sogar erweitert: Der kleine Junge, der immer noch fröhlich in dem Aufenthaltsraum herumtollt, ist sein Sohn.

Doch bis dahin war es ein langer, steiniger Weg. Als Sasan nach Deutschland kam, bekam er seitens der Regierung keinerlei Unterstützung, weder Integrationskurse noch eine Arbeitserlaubnis. Zudem musste er selbst mit der Ausbildung Angst haben, wieder in sein Heimatland abgeschoben zu werden. Zusammen mit der Handwerkskammer hat Reiner Dietl dafür gekämpft, dass Flüchtlinge sowohl eine Arbeitserlaubnis bekommen als auch eine Bleibeperspektive haben. "Die, die arbeiten wollen, sollte man auch unterstützen", sagt Reiner dazu.

Rainer Dietel mit seinem leiblichen Sohn Felix, Adoptivsohn Sasan und Pflegesohn Ruslan aus der Ukraine.
Rainer Dietel mit seinem leiblichen Sohn Felix, Adoptivsohn Sasan und Pflegesohn Ruslan aus der Ukraine. - © privat

Zum Glück hat sich die Situation mittlerweile verbessert. Nun haben Flüchtlinge zumindest die Möglichkeit, ihre Ausbildung zu beenden, ohne sich darum sorgen zu müssen, abgeschoben zu werden.

Das sind jedoch nicht die einzigen Projekte. Nach dem Überfall auf die Ukraine hat Reiner bei Space Eye, einer Hilfsorganisation in Regensburg, angerufen und wollte wissen, wie er helfen könne. Als die Hilfsorganisation um Nahrungsmittel bat, schloss Reiner sich mit mehreren Bäckern zusammen und backte tausend Brote. Leider gab es niemanden, der in die Ukraine fahren wollte, um die Brote dorthin zu bringen. Kurzerhand ergriff Reiner die Initiative, charterte drei Fahrzeuge und fuhr selbst in das Kriegsgebiet. Zuerst fuhren sie zu einem Auffanglager an der polnischen Grenze. Der Anblick, der sich dort bot, sei erschreckend gewesen: Zahlreiche verwaiste und schutzlose Kinder Kinder aus der Ukraine. Niemand hätte sich um sie gekümmert.

"Jeder hätte diese Kinder mitnehmen können." Reiner senkt den Blick. "Das kriegst du nicht mehr aus dem Kopf." Nach diesen Bildern war jedem, der an der Hilfsaktion beteiligt war, klar, dass sie diesen Menschen auch in Zukunft helfen mussten. Auch Reiner. Er plante die Fahrten in die Ukraine komplett alleine und wird sich auch weiterhin ins Kriegsgebiet begeben. An Weihnachten wurden zum neunten Mal Pakete gepackt und verteilt. "Da sind Tränen geflossen", berichtet Reiner. Sowohl Freudentränen als auch Tränen der Angst und Verzweiflung. Während er mit seinen Helfern die Pakete verteilt hat, ging plötzlich der Fliegeralarm los. "In einer solchen Situation weißt du nicht, was du machen sollst", sagt Reiner. Glücklicherweise schafften alle es heil nach Deutschland zurück.

Die Pakete sind gepackt und bereit, um in die Ukraine gebracht zu werden.
Die Pakete sind gepackt und bereit, um in die Ukraine gebracht zu werden. - © privat

Die Tür öffnet sich und eine Frau mit dunklen Haaren kommt kurz herein und holt sich etwas aus dem Aufenthaltsraum. "Das war Ruslans Mama", sagt Reiner Dietl später. Ruslan ist sein Pflegesohn aus der Ukraine. Auf einer seiner Fahrten in die Ukraine hat er einen 16-jährigen Jungen mitgenommen. Er hätte ihn irgendwo in Deutschland aussetzen sollen, doch das hat Reiner nicht übers Herz gebracht. Stattdessen hat er ihn bei sich aufgenommen.

Die Mutter des Jungen war jedoch noch in der Ukraine.

Die letzte Fahrt war also nicht nur da, um Hilfsgüter zu verteilen – Reiner wollte auch Ruslans Mutter nach Deutschland holen, um die Familie wieder zu vereinen. Nun leben die beiden bei den Dietls.

Die Fahrten in die Ukraine sind nicht ungefährlich. In einem Kriegsgebiet ist die Sicherheit niemals garantiert. Doch Reiner Dietl nimmt diese Gefahr in Kauf. Er kann nicht anders. "Wenn du die schreienden Kinder siehst, wird dir anders. Das vergisst du niemals." Die Kinder sind es auch, die ihm besonders am Herzen liegen.

"Hoffen wir, dass alles gut geht", murmelt Reiner. Er nimmt die Hand seines kleinen Enkels, der fröhlich mit einem Textmarker in sein Bilderbuch kritzelt, und drückt sie sanft.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.