Das Geheimnis eines guten Bogens Von Hartholz, Frosch und Pferdehaaren

Julian Dirr restauriert und baut Bögen für Streichinstrumente. Kunden aus weit entfernten Orten nehmen den Weg nach Frankfurt am Main auf sich, um seine Künste in Anspruch zu nehmen. Über ein seltenes Handwerk und was Hartholz, Frosch und Pferdehaare mit Bogenbau zu tun haben.

In seiner Werkstatt wirft Julian Dirr einen prüfenden Blick auf die Biegung einer seiner Streichbögen. - © Boris Wittgen

Julian Dirrs Werkstatt befindet sich in einer kleinen Straße direkt hinter dem Frankfurter Dom. Sie liegt im tiefsten Herzen der treibenden Stadt und doch fühlt man sich ein wenig von der Außenwelt abgeschirmt. Der riesige Dom und der neben ihm wachsende, große Baum tragen zu der Atmosphäre des Rückzugs bei. Die Bogenbau-Werkstatt ist der mittlere der 10 Läden am Weckmarkt. Wie alle anderen Geschäfte der Straße verfügt auch Dirrs Laden über ein kleines viereckiges Schaufenster. Mitten in dem Schaufenster steht eine lebensgroße Figur eines Stormtroopers aus Star Wars. Auf seiner weißen futuristischen Rüstung hat er eine edle hölzerne Violine aufgelegt. In seiner linken Hand hält er einen langen, ebenfalls hölzernen Bogen. Links neben dem Stormtrooper, am Boden des Schaufensters liegt eine weitere Violine. In ihr stecken vier metallene Messer und drei weitere liegen in ihrem näheren Umfeld. Auf dem Glas des Schaufensters steht in weißer Schrift "Julian Dirr Bogenbau" geschrieben. Dirr ist bekannt für seine außergewöhnlichen und manchmal auch stilbrechenden Schaufenstergestaltungen. Sie sind so außergewöhnlich wie sein Handwerk selbst.

Dirr sitzt an seiner Werkbank, im hinteren Teil seines Ladens. Er ist seinem Alter entsprechend jung gekleidet und trägt eine Jeans, kombiniert mit einem lässigen, weißen T-Shirt. Der hölzerne Tisch vor ihm hat bereits einige Fugen, die von der stetigen Benutzung der Werkbank zeugen. Mehrere Werkzeuge wie ein kleiner Hammer, verschiedene Variationen von Feilen und Kleberfläschchen tummeln sich auf dem Tisch. Im Hintergrund trällert das Radio klassische Musik vor sich hin. "Das höre ich nur wenn ich die Türe offen habe. Wenn ich allein bin, darfs gerne auch mal was Schnelleres, wie Billy Talent sein", meint Dirr. Er sitzt auf seinem kleinen roten Bürostuhl an der Werkbank und restauriert einen dunkelbraunen Cellobogen. Ein Teil der Kopfplatte des Bogens ist abgebrochen. "Die Restauration gehört zu meinen Hauptaufgaben im Tagesgeschäft", erklärt Dirr. Er feilt vorsichtig und doch bestimmt die Spitze des Bogens zurecht. Im Anschluss poliert er die Stelle wieder auf Hochglanz und der Bogen erscheint wie neu.

Dirrs kämmt die Pferdehaare eines Streichbogens – ein gängiger Schritt während des Bogenbezugs. - © Boris Wittgen)

Knotenkunst mit 150 Pferdehaaren

Rechts von Dirrs Werkbank hängen rund 20 Bögen an der Wand. Sie sind mit kleinen weißen Zetteln über den bisherigen Arbeitsstand am Bogen und deren Zugehörigen Inhaber versehen. Julian greift nach einem Geigenbogen und legt ihn auf seine Werkbank, bevor er sich ein Halsband um den Hals hängt. Am unteren Ende des Halsbandes hängen kürzere und längere blaue Schnüre. Im Anschluss greift er nach einem hellen Karton. Dirr öffnet den Karton, um vorsichtig zwei Bündel weißes Haar herauszuholen. "Für das Bespannen von Bögen werden Pferdehaare vom Schweif verwendet. Allerdings eigenen sich nur die der Hengste, da die Haare der Stuten durch den Urin brüchig und damit unbrauchbar werden" erklärt Dirr nebenbei. Er nimmt sich ein kleines Bündel weg und fährt mehrmals mit Daumen und Zeigefinger durch die weißen Haare. Zu grobe Haare sortiert er vor dem Verknoten der Pferdehaare vorsichtig heraus. "Nachdem ich alle rauen Haare herausgenommen habe, bleiben für die Bespannung eines Geigenbogens ungefähr 150 Haare übrig", kommentiert Dirr den Vorgang. Routiniert greift er eine der blauen Schnüre seines Halsbandes und wickelt sie mehrfach um die Pferdehaare bevor er die Schnur zuzieht und mehrmals verknotet. Früher wurden die Knoten mit den Zähnen zugezogen. Um das Gebiss zu schonen greifen er und seine Kollegen heute zu dem Halsband. Um die Pferdehaare so zu verknoten, dass sie nicht mehr verrutschen, habe er in seiner Ausbildung einen ganzen Monat gebraucht, meint Dirr.

Spannungsverlauf beim Bogenbezug

Der Bogenbestand in Julian Dirrs Werkstadt spiegelt die Vielfalt der Streichbögen wider. - © Boris Wittgen

Innerhalb kurzer Zeit schnitzt Dirr im Anschluss sorgfältig zwei kleine viereckige Keile und einen weiteren Breitkeil. "Die beiden Keile verwende ich, um die Pferdehaare im Bogen zu befestigen. Einer der Keile kommt in den sogenannten "Frosch", das Ende des Bogens. Der Zweite dient zur Befestigung im Bogenkopf." Bevor Dirr die Pferdehaare mit Hilfe der Keile befestigt, setzt er den Breitkeil in den vorderen Teil des Frosches ein. Dieser helfe ihm dabei, die Pferdehaare breit und nebeneinander angeordnet aus dem Frosch herauszulegen. Im nächsten Schritt feuchtet Julian die Haare leicht an, um sie zu verlängern. Mit einem kleinen braunen Kamm durchkämmt er die angefeuchteten Pferdehaare. Als er schließlich mit zufriedenem Gesicht auf sein Werk blickt, hat Dirr das Pferdehaar gleichmäßig verteilt und mit Hilfe des zweiten Keils im Bogenkopf befestigt.

Abschließend poliert Dirr den dunkelbraunen Violinbogen auf, um ihn zu seinem vollen Glanz erstrahlen zu lassen. Dazu verwendet er ein Tuch und eine zähe Flüssigkeit aus einem kleinen durchsichtigen Fläschchen mit einem unentzifferbaren Aufdruck. "Unser Poliermittel ist ein gut gehütetes Familiengeheimnis", erklärt Dirr stolz. Der Bogen ist bespannt, glänzt und ist bereit zur baldigen Abholung. Dirr hängt ihn zurück an die Wand zu den anderen Bögen der verschiedensten Holzfarben und Längen.

Der Bogen steht häufig im Schatten des Instrumentes. So steht in jeder Biografie eines großen Musikers welches Instrument er spielt. Über den Bogen wird nur selten ein Wort verloren. Das, obwohl ein Musiker viele Bögen ausprobieren müsse, bevor er den perfekt zu im passenden Bogen finde. "Manche bevorzugen eine harte Bogenstange, andere eine flexible, um den Ton besser modulieren zu können", weiß Dirr aufgrund seiner Erfahrung. Aufgrund eben dieser Erfahrung kommen seine Kunden heute aus aller Welt, um ihre Bögen bei ihm restaurieren zu lassen.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.