Orthopäde für Pferde Alarmstufe Rot: Traditionsberuf Hufschmied vor dem Aus?

Heiko Barone kommt, wenn der Schuh bei Pferden drückt. Um rund 90 Pferde kümmert er sich regelmäßig. Gerne würde der gelernte Hufschmied aus dem Main-Tauber-Kreis noch mehr Tiere versorgen – doch der Nachwuchs fehlt.

Große weiße Rauchwolken steigen auf. Der Prozess des Aufbrennens ist für die Tiere nicht schmerzhaft, da im Horn keine Nerven verlaufen. Hilfe dabei bekommt der Hufschmied von seinem Auszubildenden Steffen Mellinger. - © Kai Kunzmann

Dunkle Wolken stehen am Himmel. Kleine nasskalte Regentropfen prasseln auf den Innenhof des Urlaubsreiterhof Trunk in Recklingen, im Main-Tauber-Kreis. Heute hat es das Wetter mit Heiko Barone nicht gut gemeint. Der Hufschmied steht vor seinem tiefschwarzen Transporter und nimmt sich völlig unbeeindruckt von der Witterung einen Schluck Kaffee aus einer hellgrünen Tasse, die im Kofferraum des Wagens zwischen unzähligen Gerätschaften steht. Die Ladefläche gleicht einer Werkstatt. Besonders hervor sticht ein viereckiger Metallkasten, der aus dem Innenraum herausragt. Hinter dem Fahrzeug sind Tiergeräusche zu vernehmen. Der 40-Jährige kümmert sich heute nicht allein um die Hufe der Pferde. Mit dabei seine zwei Auszubildenden, die bereits in der Scheune neben zwei großen dunkelbraunen Pferden stehen.

Der Weg zum Hufschmied ist kein leichter

Seit mittlerweile 17 Jahren ist Heiko Barone schon als Hufbeschlagschmied, so die offizielle Bezeichnung, tätig. Dabei war es eher Zufall als lang geplanter Berufswunsch. "Meine Exfrau hatte damals einen Hof mit Pferden, deshalb war häufig ein Hufschmied zu Besuch. Das hat mich fasziniert und deshalb habe ich beschlossen auch einer zu werden", erzählt der Werbacher. Barone konnte noch den "klassischen" Weg zum Hufschmied bestreiten. Nach einem erfolgreichen Abschluss eines handwerklichen Metallberufs legte er seine Prüfung als staatlich geprüfter Hufbeschlagschmied ab. 2005 machte er sich selbstständig. Damals noch mit Eintrag in der Handwerkesrolle. Mit Erfolg. Heute beschäftigt Barone einen weiteren Hufschmied und zwei zukünftige. Dennoch ist er trotzdem noch auf der Suche nach weiteren potenziellen Auszubildenden, denn der Bedarf ist groß. Doch heutzutage Hufschmied zu werden ist um einiges komplizierter als zu seiner Zeit.

Seitdem im Jahr 2006 in Kraft getretenem Hufbeschlaggesetz ist Hufschmied kein Ausbildungsberuf mehr, sondern eine Weiterbildung. "Viele junge Leute wissen nicht einmal mehr das es unseren Beruf gibt. Und wer sich doch dafür interessiert wird von den Kosten, die auf einen zu kommen, abgeschreckt. Ich glaube das sind so etwa 15.000 Euro, die man aus der eigenen Kasse zahlen muss", so der 40-Jährige. Wer also Hufschmied werden will, braucht zunächst eine erste abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Studium. Im Anschluss daran müssen ein Einführungslehrgang und eine zweijährige Ausbildungszeit bei einem Hufschmied absolviert werden. Erst dann ist ein Antritt zur staatlich anerkannten Hufbeschlagprüfung möglich.

Heiko Barone vor seiner mobilen Werkstatt. Auf der umgebauten Ladefläche hat er alles, was man zur Hufpflege braucht, unter anderem auch einen mobilen Schmiedeofen. - © Kai Kunzmann

Eine Entwicklung mit dramatischen Folgen. Trotz steigendem Pferdebestand ist die Zahl der Hufschmiede und Hufschmiedinnen seit Jahren rückläufig, wie der erste deutsche Hufbeschlagschmiede Verband, kurz EDHV, berichtet. Aktuell üben circa 3.500 Menschen den Beruf aus. "Irgendetwas muss sich ändern. Der Beruf muss leichter zugänglich gemacht werden", so Heiko Barone, der trotz der zwei Auszubildenden in seinem Unternehmen stetig auf der Suche nach neuen Leuten ist, an die er sein Wissen und die Erfahrung weitergeben kann.

Vom lahmenden bis zum gesunden Gang – die Arbeitsschritte der Hufbearbeitung

Ein lautes Zischen ertönt, als Barone einen Knopf auf dem Metallkasten drückt. Hellblaue Flammen schlagen aus dem Inneren des gasbetriebenen Schmiedeofens empor, die sich erst hell- und dann dunkelrot färben. Mittlerweile hat er sich eine schwarze Lederschürze umgeschnallt. Die zahlreichen kleinen Taschen an den Seiten sind mit allerlei Arbeitswerkzeug gefüllt. In der Zwischenzeit haben die beiden Auszubildenden die alten Hufeisen der beiden Pferde entfernt und die Hufe gereinigt. Mit einer großen Raspel und langen kräftigen Zügen bearbeitet einer der Auszubildenden das Horn des Pferdes. Kleine weiße Späne prasseln auf den Stallboden. "Das ist in etwa so wie bei uns das Fingernägelschneiden", erklärt der angehende Hufschmied Steffen Mellinger.

Barone schnappt sich vier neue Hufeisen und packt diese in den vor Hitze strahlenden Metallkasten. Bereits nach kurzer Zeit glühen die noch zuvor dunklen Hufeisen hell. Mit einer Zange schnappt er sich eines der Eisen und bringt es mit präzisen kräftigen Hammerschlägen in Form. Das immer noch zum Teil glühende Glückssymbol drückt er anschließend auf die Hufe des Pferdes. Hilfe bekommt er dabei von Mellinger, der das Bein des Pferdes mit einem kräftigen Griff kurz über dem Boden fixiert. Weißer Rauch steigt auf und ein unangenehmer, beißender Geruch breitet sich im Inneren des Stalls aus. Barone und Melllinger wiederholen diesen Prozess, bis der Schmiedeofen leer ist. Passen die Hufeisen, können sie aufgenagelt werden. Sitzen sie noch nicht perfekt, müssen sich nochmals mit dem Hammer bearbeitet werden.

Orthopädie für Pferde

Heiko Barone überprüft, ob das Hufeisen festsitzt. Schließlich soll es dem Pferd einen guten halt geben und nicht von allein abfallen. - © Kai Kunzmann

Der Hufschmied kramt kurz in einer Kiste und kommt mit einer Hand voller Nägel wieder. Sechs Nägel. So viele braucht es, um das Glückssymbol an den Hufen zu befestigen. Tapfer lässt das Pferd die Prozedur über sich ergehen. Währenddessen streichelt Barone immer wieder über die Flanke des Tiers, wenn es unruhig wirkt. "Für sensible Tiere gibt es eine extra Behandlung", scherzt der 40-Jährige. Gerade das ist es, was den Hufschmied an seiner Arbeit besonders begeistert – der direkte Umgang mit den Tieren.

Nach dem Aufnageln nimmt sich Barone eine Zange. "Das Werkzeug hat sogar einen Spitznamen. Krokodilzange heißt die bei uns", so der Hufschmied. Der besonders geschwungene Kopf erinnert an das geöffnete Maul eines Krokodils. Damit drückt er die noch herausstehenden Nagelköpfe bogenförmig um und presst sie in die Hufe. Dadurch sitzt das Eisen sicher und fest am Huf und Verletzungen des Tieres am Nagel können verhindert werden.

"Ich vergleiche meine Arbeit öfters mal mit der eines Orthopäden. Nur halt bei Tieren. Wir basteln so lange herum, bis das Pferd ein bequemes Schuhwerk hat und vernünftig laufen kann", erklärt der 40-Jährige. Im letzten Arbeitsschritt werden die Hufe noch eingeölt. Zur Kontrolle lässt sich das Team um Heiko Barone das Pferd vorführen. Mit fokussierten Blicken verfolgen sie den Gang des Reittieres, das mit jedem Schritt auf dem geteerten Boden des Innenhofes ein dumpfes Geräusch erzeugt. "Sehr gut, passt", teilt der Hufschmied mit zufriedenem Grinsen der Inhaberin des Reiterhofes mit.

Seit dem ersten Schluck Kaffee ist mittlerweile knapp eine Stunde vergangen. So lange braucht die Hufpflege eines Pferdes im Durchschnitt. Mit frischen Sohlen wird das Tier zurück in den Stall gebracht und kann sich nun endlich ausruhen. Anders Heiko Barone und sein Team. Für sie geht es heute noch weiter zu einem anderen Hof. Ehe sie in sechs bis acht Wochen wieder in Recklingen zu Besuch sind. Beim nächsten Mal hoffentlich bei strahlendem Sonnenschein.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.