In der Sattlerwerkstatt von Anouk Wächter werden Sattel in Handarbeit auf Vordermann gebracht. Auf Spurensuche eines alten Handwerks und über Durchhaltevermögen im Traumberuf.

Graue Wolken hängen dicht gedrängt über der Kleinstadt Königsberg in Bayern. Viele kleine Regentropfen suchen sich ihren Weg auf die Dächer, Straßen und Köpfe der umhereilenden Menschen. Hier reiht sich Fachwerkhaus an Fachwerkhaus. Auf der Ecke der mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Kirchgasse ist ein ausladendes Schaufenster zu sehen – Gürtel, Armbänder und Taschen aus Leder dahinter. Darüber prangt ein Holzschild mit schwarz geschwungenen Buchstaben – "Die Sattlerei".
Im Innern des Verkaufsraums ist es warm und gemütlich. Es duftet nach neuem Leder. In einem Regal an der Wand liegen weitere Ledertaschen und bunte Halsbänder für Hunde, ebenfalls aus Leder. An der anderen Wand hängen eine Reihe von Satteln, die von roten, gelben und schwarzen Überzügen aus Stoff vor Staub geschützt werden. Vom Verkaufsraum führen drei Stufen hinauf zur Werkstatt. In der Ecke brennt ein Kamin. Feuerholz zum Nachlegen ist direkt daneben aufgeschichtet. Zwischen den zwei Fenstern hängt eine Kuckucksuhr, deren lautes und regelmäßiges Ticken die Stille durchbricht. In der Mitte des Raumes steht ein großer Tisch. Rundherum sind zwei Nähmaschinen, eine Schärfmaschine und eine Werkbank aufgereiht.
An der Werkbank auf einem dreibeinigen Hocker sitzt Sattlermeisterin Anouk Wächter. Zwischen ihren Füßen liegt ihr großer grauer Windhund "Akula" und döst. Die 56-Jährige arbeitet an einem Lederriemen, an den sie einen weiteren Riemen zur Verstärkung annäht. In der Hand hält sie eine Ahle, eine Art kleiner spitzer Schraubenzieher. Damit sticht sie ein Loch in das Leder und zieht Nadel und Faden anschließend hindurch. "Viele Dinge gehen nur in Handarbeit und man braucht in diesem Beruf relativ wenig Maschinen. Es ist ein sehr altes Handwerk."
Das Bindeglied zwischen Pferd und Reiter
Das Hauptgeschäft von Wächter besteht im Anpassen von Satteln. Sie fertigt Hundehalsbänder, Gürtel, oder Handtaschen auf Anfrage. Eine eigene Produktion hat Wächter in Königsberg nicht. "Früher habe ich Sattel auch noch selbst gebaut. Heute verkaufe ich Sattel aus dem Handel und passe diese an. Da gibt es teilweise hervorragende Qualitäten und nicht jeder kann sich eine teure Maßanfertigung leisten." Für ihre Kunden trifft sie häufig eine Vorauswahl, welche Sattel infrage kommen könnte. Als Bindeglied zwischen Pferd und Reiter, muss der Sattel sowohl dem Pferd als auch dem Reiter passen. "Einem Dressurreiter kann ich keinen Spring- oder Westernsattel anbieten." Sattel sind an der Unterseite gepolstert. Das Polster ist mit Wolle gefüllt. Dieses Polster verschiebt sich durch die Bewegung von Pferd und Reiter. Wächter erklärt, warum dieses Polster immer wieder neu angepasst werden muss: "Da kommt eine relativ große Belastung drauf durch die Bewegung von Pferd und Reiter und dadurch gibt die Wolle und das Polster nach. Oder das Pferd verändert sich und legt an Muskulatur zu oder wird älter oder krank und verliert an Muskulatur. Dann muss man das Polster wieder anpassen."

Auf dem Tisch in der Mitte der Werkstatt liegt ein Reitsattel. Die Unterseite zeigt nach oben. Wächter steht daneben und hält einen langen geschwungenen Metallstab in der Hand mit drei kleinen abgerundeten Spitzen an einem und einem Holzgriff am anderen Ende. "Mit dem Füllstecken kann ich die Wolle für das Polster im Inneren des Sattels herausziehen und auch wieder hineinschieben. Dieser Sattel braucht neue Wolle. Die alte ist zusammengestaucht und hat einige Dellen. Das ist für den Pferderücken nicht angenehm.", meint sie und nimmt eine Art Stempel zur Hand mit dem sie das Polster in die passende Form klopft: "Dieses Werkzeug nennen wir 'Schwammerl', weil es ein bisschen aussieht wie ein Pilz."
Gut Ding will Weile haben
Für Wächter ist die Sattlerei der absolute Traumberuf. Schon mit 14 Jahren ist ihr klar: Sie wird Sattlerin. Mit 16 Jahren beendet sie dafür sogar vorzeitig ihre Schulausbildung und beginnt die Lehre zur Sattlerin. Seit 1991 ist sie Sattlermeisterin. "Alles hier habe ich mir selbst aufgebaut und bin sehr zufrieden damit.", erklärt sie und lässt ihren Blick durch die Werkstatt schweifen. "Es gibt keine festgelegten Arbeitszeiten. Ich bin mein eigener Chef und das hat definitiv seine Vorteile. Ich muss, außer mit meinen Kunden, keine Pläne machen und das ist toll." Ab und an plant Wächter für sich einen Bürotag ein. "Bürotage sind nicht typisch, eher lästig, die mag ich gar nicht.", sie grinst. Es ist die Vielseitigkeit, die für Wächter ihren Beruf ausmacht. Kaum ein Arbeitstag gleicht dem anderen. "Ich habe letztes Jahr mal ein Sofa neu überzogen und das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht", sagt sie und lacht.

Früher hat Wächter in ihrem Betrieb auch Lehrlinge ausgebildet. Damals hatte sie extrem lange Arbeitstage. "Da bin ich morgens mit meinem Lehrling um 9 Uhr in die Werkstatt und als er dann um 17 Uhr Feierabend hatte, bin ich noch zu Kunden raus auf die Höfe gefahren. Angestellten kann man schwer sagen, heute arbeitest du mal bis 22 Uhr und morgen dafür aber erst ab Mittag." Die Kunden von Wächter haben häufig nur abends Zeit, weil sie selbst einem Beruf nachgehen. Daher muss sie flexibel sein, sagt sie und steht auf. Sie geht zum Kamin und legt ein Holzscheit nach.
Nicht immer hat für Wächter alles reibungslos funktioniert. Zeiten von langen Durststrecken, in denen sie keine Aufträge bekam oder im Keller bei schlechtem Licht nähte und arbeitete, kennt sie auch. Trotz allem ist sie stolz auf das, was sie erreicht hat und die Arbeit, die sie erledigt. "Ich genieß es hier sehr in meiner Werkstatt. Ich fühl mich sau wohl. Ich bin jetzt inzwischen in einer Position, wo ich sage, das ist alles Meins. Aber dafür habe ich auch 30 Jahre lang geackert." Heute würde Wächter noch immer jedem jungen Menschen empfehlen, das Handwerk der Sattlerei zu lernen, "weil es das tollste Handwerk der Welt ist. Überhaupt irgendein Handwerk zu lernen, ist toll." In der langen Zeit, in der sie Sattlerin ist, wurde ihr nie langweilig. Für sie steht fest: "Es ist mein Traumberuf und das wird sich vermutlich auch nie ändern."