Mit dem Beruf des Zweiradmechatronikers verbinden die meisten Menschen vieles – aber keine Kunst. Dabei sind der eigenen Fantasie bei der Motorrad-Anpassung nahezu keine Grenzen gesetzt. So entstehen wahre Kunstwerke auf zwei Rädern – mit donnernden Motoren, glänzenden Auspuffen und extravaganten Designs.
Im Hof des Motorradhauses Ebert herrscht reger Betrieb. Drei der Angestellten sind gerade dabei, ein Motorrad in einen Sprinter zu laden, um es an seinen zukünftigen Besitzer auszuliefern. Es nieselt, doch die Stimmung ist gut. Es ist immer ein Highlight zu wissen, dass man einen Kunden glücklich macht. Besonders groß ist die Freude, wenn das gelieferte Bike ein exklusives Einzelstück ist. Bereits seit 6 Jahren werden im Motorradhaus Ebert spezielle Kundenwünsche und einzigartige Anpassungen an den Motorrädern der Kunden und an Ausstellungsstücken vorgenommen. Diesen Prozess nennt man Modification oder auch Customizing von Motorrädern und er wird hauptsächlich von Keith "Twist" Massey - dem Künstler unter den Handwerkern dort - durchgeführt. Zu seiner "Motorradhaus Ebert"-Jacke trägt er eine lockere Jeans, Vans, Tunnels in den Ohren und Tattoos auf den Händen, dem Hals und den Armen. Somit hebt er sich nicht nur in seiner Tätigkeit als Anpassungskünstler, sondern auch rein optisch von den anderen Zweiradmechatronikern im Motorradhaus ab.
Das Motorradhaus Ebert im bayerischen Höchberg ist ein in dritter Familiengeneration geführter Betrieb. Seit 1965 befindet es sich im Besitz der Familie Ebert und wird seit 2017 von Christian Ebert geleitet. Bei Geschäftsübernahme im Jahr 1965 war der Laden noch ein Fahrradgeschäft. Durch jahrelange Affinität zu Motorrädern hat es sich mittlerweile aber zu einem reinen Motorradhaus mit Werkstatt, Verkaufsraum, Showroom und seit 2021 auch mit einer separaten Modification-Werkstatt entwickelt.
"Ohne Leidenschaft geht es nicht"
Das Hauptgebäude der Werkstatt ist an den Verkaufsraum angegliedert und besteht aus 7 Arbeitsplätzen mit mehreren Hebebühnen. Twist arbeitet hier aber nur sehr selten. Sein Arbeitsplatz ist die neue Modification-Halle, in der sich eine Hebebühne sowie unzählige Motorräder befinden, die entweder schon diverse Anpassungen hinter sich haben oder denen dies noch bevorsteht. Die Werkstatt ist sehr sauber und die Werkbank neben der Hebebühne ist ordentlich aufgeräumt. An der Wand hängen silberglänzende Auspuffrohre, die Twist von Motorrädern abmontiert und durch andere ersetzt hat. Aus einem Radio tönt rockige Musik – eine weitere Leidenschaft des Zweiradmechatronikers, der gebürtig aus den USA kommt. Denn auch die Arbeit mit Motorrädern ist für Twist pure Leidenschaft. "Ohne Leidenschaft geht es nicht – vor allem, wenn es um Modification an den Maschinen geht", erklärt er.
Es sind vor allem echte Motorradliebhaber, die sich ihre Bikes individuell an ihren Geschmack anpassen lassen. "Manche der Kunden haben ganz genaue Vorstellungen, wie das Motorrad am Ende aussehen soll, andere lassen sich im Prozess gerne beraten und vertrauen auf mein Gespür dafür", erzählt Twist. "Die Anpassungen, die ich am häufigsten vornehme, sind Kennzeichenträger, Spiegel und Blinker." Dabei ist der Anpassung theoretisch fast keine Grenze gesetzt – alles, was durch den TÜV kommt und was sich der Kunde leisten kann, ist möglich. Twist vergleicht die Leidenschaft für den Umbau eines Motorrades mit dem Tätowieren - wenn man einmal damit angefangen hat, dann wird es in der Regel immer mehr. Und noch eine Parallele zum Tätowieren gibt es bei der Motorrad-Modification: Es ist eine Kunst und man braucht definitiv eine künstlerische Ader, um als Motorrad-Anpasser erfolgreich zu sein.
Kleiner Knopf – große Wirkung

Gerade montiert Twist eine neue Auspuffanlage an eine Indian "Scout" Maschine auf der Hebebühne. Das Besondere an der Auspuffanlage: Sie ist elektronisch verstellbar und der Fahrer kann mithilfe eines Knopfes den Geräuschpegel des Auspuffes regulieren. Mit Keramikpaste, Sprühfett, Schrauben- und Drehmomentschlüssel wird der alte Auspuff vom Motorrad genommen und der neue, verstellbare montiert. Anschließend schließt Twist die Elektronik fachmännisch an und bringt den zuvor abgenommenen Tank sowie den Sitz wieder an das Motorrad an. Dabei werden nicht alle der Modifikationen eigenhändig von Twist in der Werkstatt des Motorradhauses durchgeführt. Größere Arbeiten an der Karosserie oder Komplettlackierungen werden von anderen Betrieben übernommen. Twists Kernkompetenz liegt vor allem im "Designen" der einzigartigen Motorräder.
Als die sogenannte Jekill und Hyde Auspuffanlage fertig montiert ist, wirft Twist den Motor des Motorrades an. Die Musik, die bisher im Hintergrund zu hören war, wird vom Grollen der Maschine übertönt. Er drückt einen Knopf, welcher sich am Lenker des Motorrades befindet und das Grollen wird merklich lauter. Beim Spielen am Gashahn dröhnen tiefe, wummernde Motorengeräusche durch die Werkstatthalle. Es riecht nach Benzin. "Jetzt kommt das Beste", grinst Twist als der Motor wieder verstummt ist und schiebt das Motorrad in den Hof. "Die Probefahrt." Nach jedem Umbau wird das Motorrad kurz Probe gefahren, bevor es zurück an den Kunden gegeben wird.
Der Fantasie freien Lauf lassen

Zusätzlich zur neuen Werkstatthalle gibt es auch einen Showroom im Motorradhaus Ebert, in dem eindrucksvolle, einzigartig angepasste Motorräder ausgestellt werden. Der Showroom ist über eine Metalltreppe an der Seite des Motorradhauses zu erreichen und liegt dort im zweiten Stock. Glänzende Motorräder, schwere Ledercouches, rockige Bilder und Merchandise von verschiedenen Motorradmarken prägen den Raum. Es läuft "Born To Be Wild" von Steppenwolf im Hintergrund. Während Twist einen Kaffee an der Bar trinkt, erzählt er von einem seiner liebsten Modification-Projekte: "Das war eine BMW R18 "Saphire", die wir komplett angepasst haben. Das Projekt haben wir intern, also ohne eine Kundenbeauftragung durchgeführt." Ab und an kann er seiner Fantasie freien Lauf lassen. Dann passt er ein Motorrad ganz nach seinem Geschmack an. Solche Modelle befinden sich im Showroom und dienen hauptsächlich dazu, den Kunden zu zeigen, was alles möglich ist. Das Motorrad ist türkis lackiert, hat einen tiefen Solo-Sitz und einen breiten Lenker. Silberne Details runden sein Aussehen ab. Alles ist funkelnd poliert und sieht nagelneu aus.
"In meinem Beruf ist die Leidenschaft alles", wiederholt Twist, während er in seiner Mittagspause eine Leberkäsesemmel zusammen mit einer Dose Doctor Pepper verzehrt. "Ohne Leidenschaft für geile Maschinen und ein Auge für Details, ist Modification von Motorrädern nichts für dich." In diesem Moment rollt der Sprinter zur Auslieferung von Motorrädern erneut in den Hof. Zeit, den nächsten Kunden glücklich zu machen!
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.
