Buchtipp Pünktlich wie die Maurer: Handwerk in der Sprache

Das Handwerk erweist sich als eine wahre Fundgrube für sprichwörtliche Redensarten. Der Autor Rolf-Bernhard Essig hat sie aufgestöbert.

Buchcover
Wie das Handwerk die Sprache ­beeinflusst, beleuchtet dieses ­unterhaltsame Buch. - © Dudenverlag

Handwerker sind keine Mundwerker. Große Reden schwingen ist ihre Sache nicht. Sie lösen Probleme mit ihrem Sinn fürs Praktische und dem Geschick ihrer Hände. Und doch bereichert das Handwerk seit Jahrhunderten die deutsche Sprache mit sprichwört­lichen Redensarten. Rolf-Bernhard Essig gebührt das Verdienst, die be­­liebtesten Sprüche mit Handwerksbezug zusammengetragen und deren Hintergründe recherchiert zu haben. Herausgekommen ist ein Buch, das unter dem Titel "Pünktlich wie die Maurer" rund 350 Handwerksredensarten versammelt, garniert mit interessanten, teils witzigen und oft über­raschenden Geschichten.

Viele der Handwerksredensarten kennt jedes Kind. Aber über ihren Ursprung macht sich kaum jemand Gedanken. Wer würde schon ver­muten, dass der Spruch "Schuster bleib bei deinen Leisten" auf Apelles, einen Maler im antiken Griechenland zurückgeht? Oder dass "Jeder ist seines Glückes Schmied" in abgewandelter Form schon in der römischen Antike vom Geschichtsschreiber Sallust verwendet wurde?

Redensarten aus 36 Gewerken

Der Bogen der Redensarten in dem handlichen Büchlein spannt sich vom Altertum bis in die Gegenwart und über 36 Ge­­werke – vom traditionsreichen Maurer-, Schmiede- oder Zimmererhandwerk bis hin zur neuzeitlichen Kfz- und Elektrotechnik. Mitunter ver­mischen sich sogar die Ge­­werke, etwa wenn jemand "einen Motor frisiert".

Im Stil eines Etymologen geht Rolf- Bernhard Essig sprichwörtlichen Redensarten auf den Grund. Seit 2008 hat er zwölf Bücher zum Thema veröffentlicht, unter anderem für Kinder und Demenzkranke. Dem Dudenverlag, von dem einige der Sammlungen wie auch der aktuelle Handwerksband veröffentlicht wurden, gilt Essig als "Redensartenpapst", was der Autor lieber von sich weist, weil er sich nicht mit fremden Federn schmücken möchte. Schließlich gebe es Wissenschaftler, die viel tiefer in die Thematik eintauchen als er. Essig gelingt es dafür, die Ge­schichte hinter den Redensarten auf unterhaltsame Weise einem breiten Publikum nahe zu bringen. Damit jeder "weiß, was Phase ist".

Bewunderung und Respekt für Handwerker

Die Recherche im Handwerk war für den in Bamberg lebenden Autor eine bereichernde Erfahrung. "Meine tiefe Bewunderung für Handwerker ist weiter gewachsen, auch mein Respekt", erklärt Essig. "Besonders be­geistert mich die große Bandbreite der Tätigkeitsfelder, die von tradierten Techniken wie dem Holzhärten bis hin zur CNC-Fräse oder Smart Meter reichen." Außerdem faszinieren ihn viele Werkzeuge, die oft Schönheit und Funktion in sich vereinen würden. Als Beispiel führt Essig das Kittmesser an, dessen Anblick ihn zudem den Geruch von Leinöl in Erinnerung ruft.

Rolf-Bernhard Essig, Buchautor
Rolf-Bernhard Essig, Buchautor. - © Matthias Weinberger

Bei sprichwörtlichen Redensarten handelt es sich immer um einen bildlichen Ausdruck von übertragbarer Bedeutung. "Sie machen die Sprache schöner", ist Essig überzeugt. Aus dem Handwerk sind viele fachspezifische Ausdrücke auf diese Weise in die Alltagssprache gewandert. Der Autor sieht in seinem Buch auch eine Chance, Kinder und Jugendliche auf den Stellenwert des Handwerks aufmerksam zu machen. Es würde gut zur Imagekampagne passen.

Handwerk amüsant und liebenswert dargestellt

Dass Lehrlinge heutzutage kein "Lehrgeld zahlen" müssen, ist sicher nicht nur dem Fachkräftemangel ge­schuldet. Das war längst nicht immer so. Statt Lohn zu kassieren, mussten Lehrlinge früher ihren Meistern Lehrgeld zahlen, um bei ihnen lernen zu dürfen, woran Rolf-Bernhard Essig in seinem Buch erinnert. Wer heute Lehrgeld zahlt, tut dies immer aus Unerfahrenheit, kann also eigentlich kein gelernter Handwerker sein. 

Rolf-Bernhard Essig gelingt es in seinem jüngsten Buch, das Handwerk amüsant und liebenswert darzustellen, auch weil er den sogenannten Handwerkerspott nicht ausspart. Wer sich selbst nicht so ernst nimmt, kommt umso sympathischer rüber, selbst wenn er "Pünktlich wie die Maurer" auf Glockenschlag zum Arbeitsende die Kelle fallen lässt. Doch selbst bei dieser Redewendung findet der Autor einen positiven Ur­sprung, entstanden durch eine Be­deutungsverschiebung. Pünktlich hieß bis etwa 1500 "auf den Punkt genau". Maurer, die gigantische Kathedralen errichten konnten, mussten besonders exakt arbeiten, weshalb die Redensart ursprünglich wohl "genau sein wie ein Maurer" be­­deutete. Bei den um 1500 aufkommenden Kirchturmuhren waren die Zahlen auf den Ziffernblättern oft mit Punkten markiert, sodass pünktlich von da an einen "exakten Zeitpunkt" bezeichnete.

Das Buch ist eine Fundgrube solcher Geschichten, ausgegraben in den unterschiedlichsten Handwerkssparten. Die Nürnberger Zeitung hat Rolf-Bernhard Essig einmal als "Indiana Jones der Sprachschätze" be­­titelt. Im Handwerk gab es für ihn besonders viele Schätze zu heben.

Das Buch "Pünktlich wie die Maurer" (ISBN: 978-3-411-75667-4) ist im Dudenverlag erschienen, kostet zwölf Euro und kann zum Beispiel über den Holzmann-Medienshop bezogen werden.