Elon Musk und Mark Zuckerberg kennt fast jeder. Die Namen von Unternehmenslenkern im Handwerk sind dagegen weitgehend unbekannt. Falsche Schlüsse sollte daraus aber niemand ziehen. In Wahrheit spielt die Persönlichkeit von Handwerksgründern eine größere Rolle als in anderen Bereichen der Wirtschaft. Eine neue Studie zeigt: Drei Charaktereigenschaften sind für Handwerker entscheidend, um mit ihrem eigenen Betrieb erfolgreich zu werden.

"Ich mache gerne die Ansage", sagt Anja Riege schmunzelnd. "Ich bin ein super teamfähiger Mensch, entscheide aber gerne selbst." Die Friseurin aus Hamburg ist seit rund zwei Jahren selbstständig, hat mitten in der Corona-Pandemie den Sprung ins kalte Wasser gewagt — steht jetzt aber keineswegs wie ein begossener Pudel da. Die Geschäfte laufen, die Kunden kommen, ihre Zufriedenheit ist hoch, sagt sie. "Ich bin ein zielstrebiger Mensch und zuverlässig", so die Mittvierzigerin. Oft setze sie sich abends nach Feierabend noch an den Schreibtisch und gehe ihre Rechnungen durch. Selbst ihr Steuerberater müsse sie in ihrem Eifer manchmal bremsen, erzählt sie augenzwinkernd. "Ich erledige gerne die Sachen, die zu erledigen sind. Und das hilft mir", so Riege.
Für eine erfolgreiche Gründung im Handwerk bringt die Hanseatin damit das nötige Rüstzeug mit. Laut einer aktuellen Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk (IFH) an der Universität Göttingen ist Gewissenhaftigkeit speziell für Handwerker von Vorteil, mehr noch als für Gründer in anderen Wirtschaftssegmenten. Denn sie helfe, akkurat und sorgfältig zu arbeiten, Qualität zu liefern, die Kundschaft zufriedenzustellen — und damit das Überleben des Betriebs zu sichern. Darüber hinaus komme es Handwerkern zugute, selbstwirksam zu sein, also an sich und den eigenen Erfolg zu glauben — und sich auch nach Fehlschlägen nicht aus der Bahn werfen zu lassen. "Meine positive Einstellung zu allem, was ich mache, hat mir immer sehr geholfen. Ich laufe nicht weg. Ich mach’!", sagt Anja Riege mit norddeutschem Zungenschlag.
Schlüssel zum Erfolg liegt in der Persönlichkeit
Alles in allem spielt die Unternehmerpersönlichkeit im Handwerk eine noch weitaus größere Rolle als in anderen Branchen, resümieren die Göttinger Forscher. Ihre Erklärung: Handwerksbetriebe pflegen meist enge persönliche Kundenbeziehungen; ihre Chefs sind oft Teil eines familiär geprägten Betriebsumfelds und Aushängeschilder — und sie können Vertrieb und repräsentative Aufgaben nur schwerlich an andere Mitarbeitende delegieren, so wie das etwa in einem Konzern möglich ist. Der Faktor Risikobereitschaft hingegen spielt im Handwerk, anders als zum Beispiel in Tech-Startups, eine untergeordnete Rolle. Riskante Geschäftsideen mit vagen Aussichten sind im Handwerk eher selten. Vielmehr geht es meist darum, verlässliche und erprobte Geschäftsmodelle auf die Straße zu bringen und kontinuierlich abzuliefern. Der Wunsch, selbstständig zu arbeiten, ist unter Handwerksgründern weit verbreitet — weniger der Drang nach Ruhm, Geltung und dem großen schnellen Geld. Die durchschnittlichen Überlebensraten von Handwerksbetrieben sind dementsprechend größer als die von anderen Unternehmen.
"Es muss nicht jeder alles können"
"Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale machen einen Selbstständigkeitserfolg wahrscheinlicher", sagt Jörg Thomä vom IFH, einer der Studienautoren. "Extraversion ist gerade für Handwerker wichtig". Immerhin müssen sie tagtäglich Mitarbeitende anleiten, Kunden ansprechen, mit Lieferanten verhandeln, auf Banken zugehen und Kontakte ins Rathaus oder zum lokalen Zeitungsredakteur pflegen. Als extrovertiert würde sich Anja Riege nicht bezeichnen. Ein Problem? "Nein, gar nicht", meint Thomä. "Es muss nicht alles jeder alleine können." Ideale Unternehmertypen, die alle vorteilhaften Eigenschaften auf sich vereinen, die gebe es ohnehin kaum, weder im Silicon Valley noch im Dachdeckerbetrieb in der Lausitz. Im Gegenteil, auch vermeintliche Sonderlinge oder Außenseiter könnten ihr Glück durch eine Selbstständigkeit finden. "Wer gerade in einer abhängigen Beschäftigung aneckt, findet sein Glück vielleicht eher in einem Solounternehmertum, in dem er sein eigener Herr ist", sagt Thomä. Das eigene Naturell lasse sich kaum ändern, Defizite auf dem einen könne man aber durch Stärken auf einem anderen Gebiet ausgleichen. Insofern sind nicht nur einzelne Charaktereigenschaften relevant, auch ihr Zusammenwirken.
"Sonst sind die Kunden weg"
"Persönlichkeit ist nur eine Determinante von Gründungserfolg", ergänzt der Experte. Eigenschaften wie Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Selbstbewusstsein oder emotionale Stabilität sind zweifellos förderlich. Fehlen sie, bedeutet dies aber nicht, dass ein Gründer in spe seine Pläne beerdigen muss. "Wenn Social Skills fehlen, kann man über handwerkliches Können punkten", so Thomä. Oder auch über einen Mitgründer. Unternehmensgründungen mit zwei oder drei Partnern sind anderswo Usus, im Handwerk nur spärlich verbreitet. Dabei könnten auch Tischler, Elektroniker oder Fahrradmonteure Aufgaben auf mehrere Köpfe verteilen, unterschiedliche Charaktere zusammenbringen, Stärken und Schwächen dadurch möglicherweise besser ausbalancieren. "Team-Gründungen haben im Handwerk noch viel Potenzial", meint Thomä. Grundsätzlich wünscht sich der Experte, dass die Ausprägung der Persönlichkeit bei der Gründungsberatung noch stärker thematisiert werde. Dadurch könne man möglicherweise auch Gruppen für eine Handwerksgründung gewinnen, die diesbezüglich unterrepräsentiert sind, Akademiker, Migranten oder Frauen beispielsweise.
An einer Weisheit jedenfalls kommt kein Handwerker vorbei, egal wie extrovertiert oder introvertiert, gewissenhaft oder risikobereit er oder sie auch sein mag. "Das Handwerk muss sehr gut sein, sonst sind die Kunden weg", weiß Anja Riege.