TV-Kritik: ZDFzoom zum Thema Work-Life-Balance 4-Tage-Woche, weniger Arbeit: Geht das auch im Handwerk?

Mehr Freizeit und Freiheit statt Arbeit – ist das so einfach möglich, und was bedeutet das für Wirtschaft und Gesellschaft? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Magazin ZDFzoom. Die Journalisten befragten dazu auch Handwerker auf dem Bau und in einer Tischlerei. Sie lieferten ein umfassendes, realistisches, aber auch teils ernüchterndes Bild der aktuellen Debatte.

Tischler klopft Arbeitshandschuhe aus.
Weniger arbeiten, damit mehr Freizeit und Freiheit bleibt? Ob das so einfach auch im Handwerk geht, klärte das Magazin ZDFzoom. - © Jelena - stock.adobe.com

Auf dem Bau war es schon eine Ausnahme, als die Facharbeiter Sven Hendrik Behle-Grebe und Patrick Zenke in Elternzeit gingen. Und wie die beiden da so zwischen den schweren Maschinen auf der Baustelle stehen, hat man als Zuschauer der Sendung "Weniger Work, mehr Life – geht das?" aus der Reihe "ZDFzoom: Grauzone" nicht unbedingt das Bild des Vaters mit dem Kinderwagen vor Augen. Auch wenn beide ihre Elternzeit unterbrochen haben: Sie haben klare Ansichten von dem, wofür sie ihrem Beruf nachgehen. Er möchte "auch mal was vorzeigen, meiner Familie ein sicheres Umfeld bieten können", sagt Behle-Grebe. Da wird die Verbindung zwischen dem verantwortungsvollen Familienvater und dem hart arbeitenden Handwerker auf dem Bau direkt deutlich. Sein Fazit: "Da hilft es ja nichts, wenn ich nach drei Tagen fertig bin mit der Arbeit, kann mir aber nichts mehr leisten."

Nachwuchs sei im Handwerk generell, und auf dem Bau im Speziellen derzeit kaum in Sicht. Ein bekanntes Problem, dessen Ursachen Zenke so veranschaulicht: "Es will keiner mehr anpacken, schwer heben, schwer arbeiten, wobei das auf der Baustelle mit den technischen Mitteln, die heutzutage zur Verfügung stehen, auch gar nicht mehr so ist wie es immer erzählt wird."

Wie so mancher potenzielle Bewerber aus der sogenannten Generation Z – also den etwa von Mitte der 90er- bis Mitte der 2010er-Jahre Geborenen – tickt, wird auch klar, als die Reporterin den Chef der Baufirma besucht. Gerade sei eine Mail eingegangen. Ein Azubi habe zwei Wochen vor Ausbildungsbeginn mitgeteilt, dass er nicht bei dem Unternehmen anfangen werde, weil er eine akademische Laufbahn anstrebe, erzählt der Geschäftsführer Michael Pielert: "Das spiegelt die Situation im gesamten Handwerk und dem Baugewerbe wider", sagt er enttäuscht. Aufgrund des Mangels an Nachwuchs und generell Arbeitskräften seien auch gesellschaftliche Projekte wie der angestrebte Bau von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr gefährdet.

Was will die junge Generation?

Damit war der Grundtenor der Reportage gesetzt. Aber die Frage noch immer offen, was die junge Generation genau möchte? Mehr Freizeit oder doch fleißig arbeiten? Die beiden Moderatoren hatten sich die unterschiedlichen Rollen zu eigen gemacht. Sie diskutierten sozusagen als Roter Faden der Sendung miteinander über die Vorzüge und Nachteile von mehr und weniger Arbeit. Das war ganz interessant, aber die Beispiele aus dem Leben waren noch griffiger.

Freiberuflicher Fotograf und Weltumsegler: "Nicht den Bezug zur Arbeit"

So sagte ein freiberuflicher Fotograf, den der Reporter befragte, ihm sei seine Freiheit wichtiger "als jeden Tag anzutanzen". Er habe "nicht den Bezug zu dieser Arbeit" gehabt. Und anstatt zu arbeiten, gönnte er sich eine Weltumseglung und will, so hieß es, "schon bald wieder auf Reisen gehen". Der Reporter fragte den Fotografen auch, ob er auf Geld verzichten würde für mehr Selbstbestimmung, was dieser bejahte. Allerdings mit dem Hintertürchen, dass man "natürlich eine Grundsicherung" haben müsse.

Im Gegenschnitt zu den beiden Handwerkern auf dem Bau, die für ihre Familien Verantwortung übernehmen, indem sie wertschöpfende Arbeit leisten, war der Auftritt allerdings gelinde gesagt zweifelhaft. An dieser Stelle wurde klar: wären alle so wie dieser Fotograf, dann könnte sich niemand mehr irgendetwas leisten. Die Frage, ob weniger Arbeit sinnvoll sei zur Selbstentfaltung, stellt sich eben nicht in dieser Schärfe, wenn man Verantwortung für andere Menschen trägt.

Wirtschaftswissenschaftler: "Wo nehmen Sie die ganzen Überlasteten her?"

Auch Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, kam in der Reportage zu Wort. Er plädierte anstelle einer Verkürzung der Arbeitszeit für deren Verlängerung auf bis zu 42 Stunden pro Woche. Ansonsten verlöre man bis 2030 altersbedingt bis zu 4,2 Milliarden Arbeitsstunden. "Wenn die fehlen und die Produktivität nicht entsprechend springt, dann haben wir ein Problem", so Hüther. Die Hoffnung, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit automatisch die Produktivität steigen ließe, habe sich schon bei den Arbeitszeitverkürzungen der 80er-Jahre nicht bewahrheitet. "Das Bruttoinlandsprodukt fällt dann geringer aus", konstatierte Hüther.

Er brachte den jungen Reporter auf die Palme. "Vertretern meiner Generation ist das Bruttoinlandsprodukt nicht so wichtig, sondern es ist eher wichtig, leben zu können", sagte er. Er fragte Hüther, ob er nachvollziehen könne, dass Menschen vor den Kopf gestoßen seien, wenn es heiße, ihr seid zwar schon überfordert, aber jetzt arbeitet doch noch mehr. Hüther setzte einen etwas süffisanten Blick auf. Er sagte, er wisse gar nicht, wo der Reporter die ganzen überforderten Menschen immer fände. Dieser rief daraufhin aus: "Ich bin einer von denen!" Hüther: "Ach so, ja schon in den jungen Jahren. Das ist erstaunlich. Es ist ja nicht so, dass die jungen Menschen freiwillig Lohnabschläge hinnehmen. Die haben schon ganz klare Vorstellungen, welches Einkommen sie gerne hätten, und diese Einkommen sollen marktgerecht sein. Dann ist irgendwie auf einmal marktgerecht wieder richtig." Das saß.

Freitags immer frei: Tischlerei als positives Beispiel

Dass es funktionieren kann, wenn Arbeitszeit gesenkt und clever neu verteilt wird, zeigte das Beispiel einer Tischlerei. Im Betrieb auf der Insel Reichenau im Bodensee haben alle freitags frei. Das hört sich zunächst nach weniger Arbeit an. Aber im Gegenzug wurde die tägliche Arbeitszeit an den verbleibenden vier Tage um eine halbe Stunde erhöht und der Urlaubsanspruch abgesenkt. So kann der Betrieb auch junge Leute anlocken, die Abitur haben und ansonsten womöglich eine akademische Laufbahn eingeschlagen hätten. Der Umsatz sei gleichgeblieben, hieß es. Und der Geschäftsführer betonte, dass die Erholungsphasen auch angesichts der Tatsache, dass die Mitarbeiter immer älter würden, bei drei freien Tagen am Stück wesentlich größer seien.

Ein junger Mitarbeiter sagte in die Kamera, dass ihm vor allem der Spaß am Job wichtig sei. Er nehme dafür ein etwas geringeres Gehalt im Handwerk als in einem akademischen Job in Kauf. Das positive Beispiel der Tischlerei belegte die These, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit zu mehr Produktivität führen kann. Aber nur teilweise, weil auch andere Stellschrauben dafür angezogen wurden, etwa beim Urlaub. Wirtschaftswissenschaftler Hüther schränkte zudem mit Blick auf die Volkswirtschaft als Gesamtes ein, dass all dies weniger Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen und damit weniger Möglichkeiten in der Sozialpolitik und Umweltpolitik bedeute. Eine Vertreterin der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung indes betonte, dass durch kürzere Arbeitszeiten etwa die Teilhabe von Frauen am Erwerbsleben erhöht werden könne. Da diese im Vergleich zu Männern deutlich mehr, wie es hieß, "Betreuungsarbeit" leisteten. Und etwa 42 Stunden Arbeit pro Woche so nicht darstellbar wären.

Es gibt Spielräume, aber nur mit Maß und Mitte

Angesichts der dargestellten Ansichten dürfte so mancher aus dem arbeitenden Mittelstand am Ende der knapp 30 Minuten ein wenig nach Luft gerungen haben. Vor allem mit Bezug auf weniger Arbeit bei gleichem Lohn. Aber die Handwerker am Bau und in der Tischlerei zeigten, dass es fleißige jüngere Menschen auf dem Arbeitsmarkt gibt. Und bei entsprechender Motivation und dem Einhalten von Maß und Mitte durchaus Spielräume für eine neue Organisation der Arbeit – solange nicht zu viele Leute auf die Idee kommen, sich auf einer Weltumseglung selbst zu verwirklichen.

>>> Die vollständige Sendung in der ZDFmediathek nachschauen: "Weniger Work, mehr Life – Geht das?"