Noch gibt es bei der Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln in Deutschland keinen Grund zur Sorge. Doch es kommen auch Diskussionen auf, ob es 2022 nicht Ausnahmeregelungen bedarf. Der Verband Deutscher Mühlen fordert etwa eine klare Priorisierung der Mühlen bei der Energieversorgung und betont die Wichtigkeit von Düngern und Pflanzenschutzmitteln. Bleibt die Nachhaltigkeit auf der Strecke?

Deutschland hat auch angesichts des Kriegs in der Ukraine und der damit zusammenhängenden Störung der weltweiten Lieferketten kein Problem mit der Versorgung mit Mehl und anderer Getreideprodukte – zumindest aktuell nicht. Nach Angaben des Verbands der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) liegt allein der Versorgungsgrad mit Weizen hierzulande bei 130 Prozent. Und so warnt der Verband, zu dem auch die Handwerksmüller gehören, vor Hamsterkäufen. Diese seien vielerorts beim Mehl in den Supermärkten schon sichtbar. Sie sind nach Angaben von Peter Haarbeck, dem Geschäftsführer des VGMS nicht notwendig und sogar schädlich, da sie einen Teufelskreis in Gang setzen. So werde durch das Hamstern die bereits angespannte Logistik zusätzlich belastet, was wiederum zu leeren Regalen führe.
Nahrungsmittelsicherheit: Hersteller von Grundnahrungsmitteln vorrangig mit Energie versorgen?
Um die Versorgung aber weiterhin zu sichern, muss laut Haarbeck nun aber trotzdem etwas geschehen. Denn die hohen Energiepreise belasten die Betriebe der Getreidebranche so stark, dass der VGMS einen Appell an Bundesagrarminister Cem Özdemir richtet. So solle dieser den Energieversorgern deutlich machen, dass die Herstellung von Grundnahrungsmitteln zur lebensnotwendigen Daseinsvorsorge gehöre.
Damit sollen Betriebe, die Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Haferflocken oder Nudeln herstellen – im Falle von Strom- oder Gasknappheit etwa durch einen russischen Lieferstopp für fossile Rohstoffe – vorrangig mit Energie versorgt werden. "Wir fordern Aussagen der Politik in Bund, Ländern und Kommunen hier glasklare Regelungen zu treffen. Den Haushalten hilft es nicht, wenn Sporthallen warm bleiben, Haferflocken aber nicht mehr zu bekommen sind, um Schülerinnen und Schüler zu ernähren", sagt Peter Haarbeck.
Mit Blick auf die Veränderungen der Energieversorgung auch im Zuge der Energiewende betont er, dass die Politik verlässliche, nachvollziehbare Zusagen machen müsse, damit der Markt sich beruhigt. "Und natürlich müssen wir hinsichtlich dramatisch steigender Kosten für Energie und zusätzlichen Abgaben, wie die für den Austausch von CO2, darüber diskutieren, ob man die kritische Infrastruktur nicht auch hier gesondert betrachten muss", fordert der Geschäftsführer des Verbands. Er sieht es ansonsten als gefährdet an, dass Mühlen, Cerealienhersteller und Stärkefabriken noch wettbewerbsfähig in Deutschland produzieren können. All das habe weitreichende Folgen für die Ernährungssicherung im Krisenfall, aber auch für die politisch so sehr gewollten regionalen Wertschöpfungsketten.
Klare Ansagen zu Energiepolitik und der Frage der Nahrungsmittelsicherheit
Der VGMS setzt derzeit auf klare Ansagen bezüglich der Energiepolitik und der Frage der Nahrungsmittelsicherheit. So teilt der Verband auch mit, dass es jetzt keine Tabus geben dürfe. Jede Botschaft, die das Vertrauen in eine zuverlässige Energieversorgung stärkt, helfe den Unternehmen. Und mit "Tabus" ist auch gemeint, dass bereits getroffene politische Entscheidungen revidiert werden könnten. "Die Ankündigung notfalls auch über das Aussetzen von Greening-Verpflichtungen im Rahmen der GAP nachzudenken wäre ein starkes Signal in extrem schwierigen Zeiten", heißt es dazu in einer Mitteilung des VGMS.
Peter Haarback präzisiert diese Aussage gegenüber der Deutschen Handwerks Zeitung. Auf die Frage, ob der Verband die in den vergangenen Jahren erarbeiteten Beschlüsse zur Reduktion von Dünger und Pflanzenschutzmitteln auf den Äckern kritisiert, antwortet er wie folgt: "Wir brauchen Dünger und Pflanzenschutzmittel, um gesundes, hochwertiges Getreide zu produzieren und Ernteerträge zu sichern." Das wie vorgesehen einfach pauschal zu reduzieren hat seiner Meinung nach unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit.
Auch Maßnahmen, die Agrarpolitik bereits umgesetzt hat oder noch vorsieht, bedeuten aus Sicht des VGMS-Geschäftsführers in jedem Fall weniger Ertrag. Er meint damit beispielsweise auch die Reduzierung der Ackerfläche und der Ausbau der Biolandwirtschaft. "Sehr schnell kann das auch bedeuten, dass Deutschland wieder Getreide importieren muss, wie dies vor Jahrzehnten gewesen ist", sagt er.
Nahrungsmittelsicherheit: Wie angespannt sind die Getreidemärkte?
Der Ukraine-Krieg verstärkt die bereits angespannte Lage auf dem Getreidemarkt noch zusätzlich. Das macht deutlich, dass sichere Versorgung nicht selbstverständlich ist. "Überall auf der Welt haben die Landwirte weniger als üblich geerntet. Die Lager sind nur knapp gefüllt. Bestimmte Getreidequalitäten sind auch in Deutschland schwer zu bekommen", beschreibt er die Situation, die auch die Folgen des Klimawandels mit sich bringen. Daher fordert der VGMS den eingeschlagenen Weg, der mit dem Green Deal, Farm-to-Fork oder der europäischen Agrarpolitik eingeschlagen worden ist, konkret und auf den Beitrag zur Ernährungs- und Versorgungssicherheit hin zu prüfen und neu zu bewerten.
Das Bundesagrarministerium hat allerdings erst kürzlich klargestellt, dass nun in der Debatte um die Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln nicht verschiedene Ziele gegeneinander ausgespielt werden dürfen. "Nahrungssicherung und Ressourcenschutz bedingen einander." Das betont Bundesagrarminister Cem Özdemir im Zusammenhang mit dem Beschluss, dass es 2022 Ausnahmeregelung für Anbauflächen in Deutschland geben werde. Doch das betrifft nicht Getreide oder andere Nahrungsmittel, sondern lediglich Futtermittel. Denn nur die Versorgung damit sieht das Ministerium gefährdet. So dürfen Landwirte in diesem Jahr auf Äckern, die eigentlich ökologischen Vorrangflächen der Kategorien "Brache" und "Zwischenfrüchte" Futterpflanzen anbauen.
Nahrungsmittelsicherheit braucht nachhaltige und naturverträgliche Landwirtschaft
Abweichungen zu Beschlüssen hinsichtlich der Dünge- und Pflanzenschutzmittel stellt er nicht in Aussicht. Stattdessen erklärt er, dass auch die Klimakatastrophe und das Artensterben real existierende Probleme seien, die wir lösen müssen. "Alles, was wir heute aufschieben, rächt sich morgen doppelt und dreifach", heißt es in der Bekanntmachung des Ministeriums. Diese nimmt auch Bezug darauf, dass der Einsatz der chemischen Mittel Umwelt und Tiere stark belastet.
Ähnlich sehen dies auch Naturschutzverbände wie der BUND. Er hat ein Maßnahmenpaket zum Thema "Energie und Ernährung sichern" angesichts des Ukraine-Kriegs veröffentlicht. Darin heißt es sogar, dass man zum Beispiel den Stickstoffdüngereinsatz jetzt als Sofortmaßnahme verringern sollte. Mittelfristig sollten die Landwirte den Anbau von Pflanzen aussetzen, aus denen Agrarkraftstoffe bestehen. Und langfristig sollte Deutschland auf eine nachhaltigere und naturverträglichere Landwirtschaft setzen, um die Nahrungsmittelsicherheit zu gewährleisten.