TV-Kritik: Mördersuche im Bestattungsinstitut "Tatort" am Sonntag: Ist dieser Handwerker ein Serienmörder?

Am vergangenen Sonntag lief der spektakulärste Tatort seit Jahren – und er spielte ausgerechnet in einem Handwerksbetrieb. In unserer TV-Kritik lesen Sie, warum Sie den Krimi aus Dortmund unbedingt anschauen sollten.

Ein Handwerker gerät in "Tatort" unter Verdacht: Hat Bestatter Thomas Ihle (Jan Krauter) womöglich zwei Frauen ermordet? - © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

Wer schon einmal einen "Tatort" aus Dortmund geschaut hat, der weiß: Wenn die Hauptkommissare Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Jan Pawlak (Rick Okon) und Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) die Ermittlungen übernehmen, wird dem TV-Publikum selten ein seichter 08/15-Krimi geboten. Vielmehr geht es im Ruhrpott so hitzig, so düster und so emotional zu wie in kaum einer zweiten Tatort-Stadt – und das war am 20. Februar um 20:15 Uhr nicht anders.

Packender Tatort zum 10-jährigen Jubiläum des Dortmunder Teams

Dabei beginnt der Film vergleichsweise friedlich: In einem ruhig gelegenen, malerischen Bestattungswald wird bei herrlichem Frühlingswetter eine stark verweste Leiche gefunden, die dort nicht hingehört. Der Mörder einer Frau im mittleren Alter wollte sein Opfer heimlich verschwinden lassen.

Als kurz darauf ein zweiter Leichnam entdeckt wird, ergibt sich für die Tatort-Ermittler schnell ein Muster: Die Dortmunder Kommissare haben es offenbar mit einem Serienmörder zu tun, der einen bestimmten Typ Frau ins Auge gefasst hat und jedes Jahr Anfang Juni zuschlägt. Aber warum?

Ein Bestatter unter Verdacht

Um diese Frage zu klären und den nächsten Mord zu verhindern, begeben sich die Ermittler direkt in einen Handwerksbetrieb: Im Bestattungsinstitut von Thomas Ihle (Jan Krauter), das dieser zusammen mit seiner Frau Julia (Marlina Mitterhofer) und zwei Angestellten – Julias introvertiertem Bruder Nils Schmelzer (Henning Flüsloh) und dem ungehobelten Armin Röder (Björn Jung) – betreibt, laufen die Fäden zusammen. Der Täter hat dort unter falschem Namen die Grabstellen reserviert, in denen er die Frauenleichen verschwinden lassen wollte – und hat natürlich in bar dafür bezahlt.

Tatort im Bestattungsinstitut: Kommissare verhören Angestellte
Ermittlungen im Bestattungsinstitut: Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger, 2.v.r.) und Jan Pawlak (Rick Okon, 1.v.r.) befragen Thomas Ihle (Jan Krauter, 1.v.l.) und seine Frau Julia (Marlina Mitterhofer, 2.v.l.). - © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

Der Facettenreichtum des Bestatterhandwerks wird im Film authentisch eingefangen und kommt vor der Kamera nicht zu kurz: Die Kommissare platzen bei ihren Ermittlungen mehrfach in den laufenden Betrieb. Wir werden etwa Zeuge dessen, wie Schmelzer und Röder einen Sarg von innen auskleiden, während Ihle ein Kundengespräch über Grabsteine führt, eine Trauerfeier vorbereitet oder sorgsam die Haare einer Verstorbenen kämmt. Bei den Befragungen gibt er sich aber ahnungslos: Sagt er die Wahrheit oder birgt er womöglich ein düsteres Geheimnis? Und was wäre sein Tatmotiv?

Die Bönisch und ihr SpuSi-Gspusi

An dieser Stelle wird natürlich nichts über die Auflösung verraten, schließlich macht das Miträtseln vorm Fernseher sonst keinen Spaß – wer den Krimi aufmerksam verfolgt, findet aber auch in der Bildsprache wichtige Hinweise auf spätere Wendepunkte.

Gute Beobachter genießen gegenüber den Kommissaren einen Wissensvorsprung, während die Kommissare unter erschwerten Bedingungen ermitteln: Weil Bönisch ihrem Ex-Gspusi Sebastian Haller (Tilmann Strauß), der für die KTU arbeitet, im letzten Dortmunder Tatort den Laufpass gegeben hat, hält der frustrierte Kollege diesmal wichtige Erkenntnisse der "SpuSi" zurück – und das hat eklatante Folgen. So konventionell und beschaulich der Krimi beginnt, so erschütternd ist das Finale.

Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) und Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) steigen aus Fabers Wagen aus
Seit zehn Jahren ein eingespieltes Team: Die Dortmunder Ermittler Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Schudt). - © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

Auf dem Weg dorthin ziehen die Filmemacher die Spannungsschraube kontinuierlich an, denn der Whodunit wandelt sich zum Serienkiller-Thriller und die routinierte Ermittlungsarbeit des Auftakts weicht einer fiebrigen Fahndung, bei der den Kommissaren die Zeit davon rennt.

Vor allem Herzog, die in diesem Tatort ihrer Mutter Susanne Bütow (Rosa Enskat) begegnet, gerät in akute Bedrängnis. Und just in der Sekunde, als wir uns in trügerischer Sicherheit wiegen und gedanklich auf den Abspann mit dem berühmten Tatort-Fadenkreuz einstellen, zieht man uns brachial den Boden unter den Füßen weg: Einen solch dramatischen Schlussakkord hat es in der über 50-jährigen Geschichte der Krimireihe nur selten gegeben.

>>> In der ARD-Mediathek können Sie "Tatort: Liebe mich!" bis zum 20. August 2022 noch anschauen.