Augenprothesen vom Ocularisten Wo das Glasauge erfunden wurde und noch heute gefertigt wird

Ein Vorfahre von Tobias Müller-Uri erfand 1935 das Kunstauge aus Glas. Auch heute sorgt der Ocularist dafür, dass Patienten mit der richtigen Prothese Selbstvertrauen und soziale Akzeptanz wiedergewinnen.

Glasbläser bei der Arbeit
Tobias Müller-Uri ist Ocularist und hat das Handwerksunternehmen von seinem Vater, Firmengründer Frank Müller-Uri, übernommen. - © Doris Hein

Gleich mehrere auffällige Schilder ziehen am Haus Hüttenplatz 3 in Lauscha die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. "Ende 16./Anfang 17. Jahrhundert Wohnhaus der Glasmacherfamilie Christoph Müller, Mitbegründer der Glashütte Lauscha" steht links vom Eingang zu lesen. Rechts gibt das Pendant von Lothar R. Richter, eines der typischen blau-weißen Lauschaer Geschichtsschilder, ausführlich Auskunft. Etwa, dass dieses Gebäude 1595 erbaut wurde und den südwestlichen Abschluss des Hüttenplatzes mit freier Sicht auf die Dorfglashütte bildete. Schild Nummer drei zeigt das Wappen der Müllers von anno 1596. Das letzte, schlicht gehaltene Schild in Weiß und Grau weist schließlich mit einem stilisierten Auge auf die heutige Nutzung des altehrwürdigen Gebäudes hin.

"Bei uns kommt es auf jeden Millimeter an."

Tobias Müller-Uri

Seit mehreren Jahren werden hier nämlich Kunstaugen aus Glas gefertigt. "Müller-Uri Ocular-Prothetik" heißt das Handwerksunternehmen, das hier sowohl Augenprothesen fertigt als auch einen Teil der Kunden empfängt und berät. "Denn Ocularisten", so Firmenchef Tobias Müller-Uri, "stellen Kunstaugen nur in Ausnahmefällen als Versandartikel nach Muster her."

Blick in die Geschichte

Im September 2021 wäre Ludwig Müller-Uri, ein Vorfahre von Tobias Müller-Uri, 210 Jahre alt geworden. Grund genug, den großen Sohn Lauschas und seine Erfindung, die noch heute weltweit Grundlage der modernen Augenprothetik ist, zu würdigen. Der Kontakt mit dem Würzburger Arzt Professor Dr. Heinrich Adelmann und die Entwicklung des Kryolithglases in der Lauschaer Dorfglashütte sowie seine große handwerkliche Begabung als Glasbläser ließen Ludwig Müller-Uri 1935 zum Erfinder des deutschen Kunstauges aus Glas werden.

Die Produkte von Müller-Uri zeichneten sich damals durch einen enormen Qualitätssprung aus. Sie konnten der Muskulatur des Augapfels angepasst werden, waren gut verträglich und optisch kaum von gesunden Augen zu unterscheiden. Von wesentlicher Bedeutung für den Erfolg seiner Neuerung war das verwendete Glas. Es sollte nicht nur eine der menschlichen Sklera, der äußeren Umhüllung des Augapfels, möglichst nahekommende Farbe aufweisen. Viel mehr war auch wichtig, dass es der Tränenabsonderung dauerhaft standhalten konnte und eine geschmeidigere Verarbeitung ermöglichte. Im Ergebnis einer diesbezüglichen Zusammenarbeit von Augenkünstlern, vor allem von Friedrich Adolf Müller-Uri mit den Glasmeistern Septimius Greiner-Kleiner, Christian Müller-Pathle und August Greiner-Wirth, wurde das sogenannte Kryolithglas erfunden, das bis heute in Lauscha speziell für die Ocularisten hergestellt und von diesen für die Augenherstellung verwendet wird.

Glasaugen
Kunstaugen geben Lebensqualität zurück. - © Doris Hein

Ocularisten haben einen Job, bei dem es auf viele Details gleichzeitig ankommt. Im Normalfall arbeiten sie direkt am Patienten, für ein passgenaues Ergebnis, was sowohl die Größe, Form und Farbe des künstlichen Auges betrifft als auch die Zufriedenheit der Patienten. Sie sollen schließlich nicht nur mit dem Auge "zurechtkommen", sondern Selbstvertrauen und soziale Akzeptanz wiedergewinnen mit einer Prothese, der man im besten Fall nicht ansieht, dass es sich um eine solche handelt.

Generationsübergreifende Erfahrung, eine handwerkliche Ausbildung, Kreativität und Einfühlungsvermögen in die Arbeit mit Patienten machen das Familienunternehmen zum kompetenten Ansprechpartner für die Versorgung mit einer Augenprothese. Jedes Auge ist ein Unikat. Tobias Müller-Uri, der das Handwerksunternehmen von seinem Vater, Firmengründer Frank Müller-Uri, übernommen hat, bekommt dabei Unterstützung von drei Mitarbeitern, die hauptsächlich die Einarbeitung der Farben übernehmen, während er selbst die Form anpasst.

Ehefrau Lucie und Schwester Nadine managen den verwaltungstechnischen und organisatorischen Teil. Dazu gehört auch die Vorbereitung von Reisesprechtagen, denn Müller-Uri betreut seine Patienten auch in Halle, Chemnitz, Meiningen, Gera, Wettin-Löbejün und Teutschenthal. Der Augenmacher und sein Team nehmen regelmäßig an Weiterbildungen teil. Als anerkannter Ausbildungsbetrieb sorgt die "Ocular-Prothetik" aber auch für den Er­halt des traditionsreichen Gewerbes.

Viele Arbeitsschritte

Ausgangsmaterial für die Glasaugen sind Glasrohre aus der Lauschaer Farbglashütte. Das Kryolithglas hat einen geringeren Schmelzpunkt als anderes Glas. Einen kleinen weißen Ball mit einem Spieß zum Festhalten hat Tobias Müller-Uri vorbereitet. "Es wird am Ende ein kleines Kunstwerk", erklärt Müller-Uri, "allerdings eines, bei dem es im Gegensatz zu einem Kerzenständer auf jeden Millimeter ankommt."

Angenehmes Tragen und gutes Aussehen

Das Auge soll angenehme Trageeigenschaften mit dem richtigen Aussehen verbinden. Nach dem Auftragen der Grundfarbe für die Iris sorgt ein farbloser Überfang für die natürliche Reflexion. Glas erhitzen, auftragen, wegziehen, einbrennen, abkühlen lassen, wieder erhitzen – viele Arbeitsschritte wechseln einander ab, die meisten davon wiederholen sich. "Wichtig ist, ein Gefühl für den Glasfluss zu haben", betont der Meister. Unzählige Variationen sind möglich bei der Irisgestaltung, je nach Augenfarbe des Patienten. Am teuersten von all den verwendeten Farbstäben ist der rote, mit dem feinste Äderchen aufgesetzt werden, denn dieses Rot erhält man nur durch Zusatz von Gold in die Ausgangsmasse.

Auf die Erstversorgung nach einer Operation oder Erkrankung folgt, im Durchschnitt vier Wochen später, die Erstanfertigung einer Prothese. Nach rund einem Jahr sollte, wegen der Abnutzung, ein neues Auge gefertigt werden. "Die Qualitätskontrolle macht am Ende der Patient. Er muss sich damit wohlfühlen", so Müller-Uri.