Überregulierung bei Wertpapierberatung "Wir sind inzwischen schon mehr als überreguliert"

Helmut Schleweis ist Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV). Mit der DHZ sprach er über eine Überregulierung der Wertpapierberatung, das kleiner werdende Filialnetz, die Risiken einer europäischen Einlagensicherung und die Vorteile von Digitalisierung im Bankgeschäft für Handwerker.

Karin Birk, Frank Muck und Steffen Range

Helmut Schleweis im Gespräch mit der DHZ - © Santiago Engelhardt

DHZ: Herr Schleweis, so mancher Handwerker ärgert sich, dass seine Bankfiliale um die Ecke zumacht und er gleichzeitig mehr für Geldabheben, Girokonto oder andere Dienstleistungen bezahlen soll. Vergrätzen die Sparkassen damit nicht ihre treuesten Kunden?

Schleweis: Diese beiden Entwicklungen haben unterschiedliche Ursachen. Das Girokonto ist heutzutage ein Powerpaket mit immer mehr unterschiedlichen Dienstleistungen. Die müssen auch fair bepreist werden. Die Anpassung des Filialnetzes folgt dem sich ändernden Kundenbedarf. Immer mehr Menschen möchten Basisdienstleistungen - wie etwa Überweisungen - bequem von zu Haus aus erledigen. Für komplexere Beratungsbedarfe, wie eine Baufinanzierung oder einen Unternehmenskredit, wünschen sie aber eine kompetente Beratung. Das hat Auswirkungen auf die Struktur des Filialnetzes.

DHZ: Wie wollen die Sparkassen auch weiter für eine ausreichende Versorgung der Bürger mit Bankdienstleistungen vor Ort sorgen?

Schleweis: Sparkassen haben das dichteste Filialnetz in Deutschland – das bleibt auch so. Wir wollen unsere Filialen sogar mit noch mehr Kompetenz aufladen, um möglichst alle Bedürfnisse auch an einer Stelle befriedigen zu können. Und dort, wo eine kleine Filiale geschlossen werden muss, sorgen die Institute in aller Regel für entsprechende Ersatzangebote. Das kann die rollende Geschäftsstelle sein oder auch ein Bargeld-Service, der das Geld direkt nach Hause bringt. Zudem besuchen die Berater gewerbliche Kunden auch oft zu einer vorher vereinbarten Zeit vor Ort. Die festgelegten Beratungszeiten, so wie es sie früher einmal gab, gehören doch längst der Vergangenheit an.

DHZ: Wenn der Kunde also auf professionelle Beratung nicht verzichten muss, wie passt es dann zusammen, dass sich manche Sparkassen-Filiale aus der Wertpapierberatung zurückzieht?

Schleweis: Der Beratungsaufwand ist durch etliche regulatorische Eingriffe gerade im Wertpapiergeschäft enorm gestiegen. Das gilt selbst für einfache Anlageprodukte wie einen Wertpapiersparplan. In diesem Bereich schießt der Verbraucherschutz weit über das Ziel hinaus. Dennoch bieten alle Sparkassen Wertpapierberatung an. Ich bin der Meinung, dass jeder Kunde ein Recht auf Wertpapierberatung hat. Verbraucherschutz sollte nicht dazu führen, dass der Kunde vor der Beratung geschützt wird. 

DHZ: Dass man nach der Finanzkrise die Banken stärker kontrollieren wollte, ist mehr als verständlich. Aber kommen wir nun zehn Jahre später in die Situation einer Überregulierung?

Schleweis: Wir sind inzwischen schon mehr als überreguliert. Wenn heute eine kleinere Sparkasse mit einer Bilanzsumme von 250 Millionen Euro und 50 Mitarbeitern alleine acht Mitarbeiter für die Abarbeitung der Regulierungsanforderungen abstellen muss, dann erzeugt das einen enormen Druck in den Instituten. Im Ergebnis steigt die Zahl der Fusionen bei Sparkassen. Früher gab es Zusammenschlüsse, weil die Wirtschaft in der jeweiligen Region kräftig gewachsen ist und es sinnvoll war, entsprechend größere Einheiten vorzuhalten. Heute werden Fusionen dagegen oft durch die Regulierungsdichte verursacht. Ich halte das für eine gefährliche Entwicklung.

DHZ: Die Handwerksorganisation hat schon 2017 davor gewarnt, dass die starke Regulierung zu einer erschwerten Kreditvergabe führen könnte, weil die Regeln zu starr und zu streng sind.

Schleweis: Hier muss man zwei Faktoren berücksichtigen. Zu viel und vor allem auch falsche Regulierung kann die Geschäftstätigkeit natürlich negativ beeinflussen. Auf der anderen Seite sind die Institute schon wegen der Niedrigzinsphase angehalten, mehr Geschäft mit ihren Kunden zu machen. Die vergangenen Jahre und auch das erste Quartal 2018 haben gezeigt, dass die Kreditvergabe an Unternehmen und Selbständige stabil auf einem sehr hohen Niveau liegt. Da muss sich niemand Sorgen machen – es droht keine Kreditklemme.

DHZ: Kommen wir zur Einlagenseite: Kreditinstitute kündigen Verträge, die oft der Vorsorge dienen. Das gilt etwa für Sparverträge, die hoch verzinst sind. Trägt man das Problem der Zinsmisere damit nicht auf dem Rücken der Kunden aus, die sich auf diese Produkte verlassen haben?

Schleweis: Für Sparkassen gilt, dass sie vertragstreu sind. In den von Ihnen erwähnten Einzelfällen geht es um besondere Fallkonstellationen bei Prämiensparverträgen, die im Einzelnen betrachtet werden müssen. Betroffene Kunden werden von den Instituten angesprochen, ihnen werden in aller Regel Ersatzangebote gemacht. Wichtig ist, dass die jeweilige Sparkasse, wenn es um diese Sonderfälle geht, den Kontakt zum Kunden und das Einvernehmen mit ihm sucht. 

DHZ: Sie haben die Digitalisierung angesprochen. Was bringt die Digitalisierung im Bankgeschäft einem mittelständischen Handwerker?

Schleweis: Digitalisierung hilft dabei, Bankgeschäfte für unsere Kunden einfacher und bequemer zu machen. Im Juli dieses Jahres führen die Sparkassen die Echtzeit-Überweisung ein. Damit kann man in Sekunden Geld von einem Konto zum anderen transferieren. Von Smartphone zu Smartphone ist das heute schon mit unserer App-Anwendung Kwitt möglich. Das hat zum Beispiel für Handwerker den großen Vorteil, dass sie nicht mehr wochenlang auf einen Rechnungseingang warten müssen.

DHZ: Andere Fintechs wie Paypal schlafen auch nicht. Die von Banken und Sparkassen entwickelte Online-Bezahlfunktion Paydirekt steckt dagegen immer noch in den Kinderschuhen. Laufen Sie nicht Gefahr Marktanteile zu verlieren?

Schleweis: Es war von Anfang an klar, dass die Einführung von Paydirekt ein Langstreckenlauf sein würde. Die deutsche Kreditwirtschaft hat den Fehler gemacht, dass wir zu früh zu große Erwartungen bei Paydirekt geweckt haben. Es braucht einfach Zeit, ein E-Commerce-Zahlsystem am Markt durchzusetzen. Und hier hat Paypal mit 20 Jahren Vorsprung natürlich einen größeren Marktanteil. Andererseits ist der Marktanteil von E-Commerce am gesamten Zahlungsverkehr noch gering - auch wenn der Anteil zugegebenermaßen wächst. Letztendlich entscheidet der Kunde, welches Zahlungssystem sich am Markt durchsetzt. Es wird immer eines sein, das dem Kunden die Zahlung möglichst einfach macht.

DHZ: Und eines, das sicher ist.

Schleweis: Sicherheit spielt eine große Rolle. Die Kunden erwarten zu Recht, dass ihre Daten sicher sind. Und sie machen immer öfter die Erfahrung, dass die großen Internetdienstleister Kundendaten als Währung nutzen und diese Daten auch verkaufen. Gerade für Sparkassen bietet sich hier eine große Chance. Unsere Kunden können sicher sein, dass wir sehr verantwortungsvoll mit ihren Daten umgehen. Sparkassen schützen die Daten der Kunden und verkaufen sie nicht.

DHZ: Kommen wir zur Politik: Befürchten Sie, dass die schwarz-rote Regierung mit einem SPD-Finanzminister weniger Bedenken gegen eine europäische Einlagensicherung hat?

Schleweis: Nein, ich habe den Eindruck, dass er auch mit diesem Thema sehr problembewusst umgeht. Aber natürlich müssen wir über das europäische Projekt einer zentralen Einlagensicherung reden und die Menschen darüber informieren. Unsere Kunden wollen, dass ihre Einlagen sicher sind. Wir haben seit Jahrzehnten funktionierende Einlagensicherungssysteme in Deutschland. Niemand würde bei uns auf die Idee kommen, die unterschiedlichen Töpfe von Privatbanken, genossenschaftlichen Instituten und Sparkassen zu vergemeinschaften. Und auch auf europäischer Ebene wäre ein solches Vorgehen nicht hilfreich. Es macht einfach keinen Sinn, Mittel die zur Absicherung der Einlagen vor Ort dienen, in andere europäische Länder zu transferieren. Das sieht im Übrigen auch die Bundesregierung so. Sie hat im Koalitionsvertrag in diesem Zusammenhang richtigerweise das Prinzip verankert, dass Risiko und Haftung zusammenbleiben müssen.

DHZ: Da steht aber auch, dass wir Europa stärken wollen .

Schleweis: Die Sparkassen unterstützen Europa, keine Frage. Auch wir sind für ein Europa des Friedens, der Freizügigkeit im Schengen-Raum und des freien Warenhandels. Es gibt doch schon seit 2015 einheitliche europäische Standards für die jeweiligen Einlagensicherungssysteme. Für darüber hinausgehende Maßnahmen besteht schlicht keine Notwendigkeit. Das Volumen der Problemkredite in den Bilanzen vieler europäischer Banken ist zu hoch. Die Haftung für diese Risiken muss in den jeweiligen Ländern bleiben und darf nicht umverteilt werden. Hinzu kommt, dass das Insolvenzrecht innerhalb der EU noch sehr unterschiedlich ist. In manchen Ländern müssen Gläubiger sieben oder noch mehr Jahre warten, um Sicherheiten verwerten zu können. 

DHZ: Gleichwohl ist die Lage in Italien ziemlich verzwickt.

Schleweis: Das stimmt. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass Italien die Zeit, die EZB-Chef Draghi über die niedrigen Zinsen in den vergangenen Jahren den Ländern beschert hat, nicht nutzen konnte. Die Staatsverschuldung Italiens ist in diesen Jahren sogar noch angewachsen. Die Probleme Italiens müssen endlich gelöst werden. Die Vereinheitlichung der Einlagensicherungssysteme wäre hier aber das falsche Signal. Wenn ein Schiff in Seenot ist, öffnet man nicht noch alle Schotten um zusätzlich Wasser einzulassen, sondern ist froh, wenn nur einzelne Abschnitte geflutet werden. Das erhöht die Chance, dass das Schiff nicht untergeht.

DHZ: Wenn Sie persönlich nächstes Jahr einen Kreditbedarf hätten, würden sie sich dann heute das aktuelle Zinsniveau sichern?

Schleweis: Generell rate ich davon ab, Investitionsentscheidungen in erster Linie von der Höhe des Zinses abhängig zu machen. Wenn es aber darum geht, sich das relativ niedrige Zinsniveau für fünf oder zehn Jahre zu sichern, dann würde ich persönlich zehn Jahre wählen. Und natürlich bietet sich an, jetzt eine höhere Tilgung zu vereinbaren, damit die Anschlussfinanzierung nicht zum Problem wird.