Handwerker und Bestseller-Autor Frank Goldammer Spiegel-Bestseller: "Bei mir ist das schon ein bisschen Manie"

Tagsüber arbeitet Frank Goldammer in seinem Beruf als Maler- und Lackierer. Doch nachts wird er zum Bestsellerautor. Im vergangenen Jahr schaffte es der Dresdener mit seinem Roman "Der Angstmann" in die Bestsellerlisten. Im DHZ-Interview spricht er darüber, warum Schreiben für ihn eine Manie ist und wie ihn die Lebensgeschichte seines Großonkels zu seinem Erfolgsbuch inspirierte.

Maler- und Lackierermeister Frank Goldammer aus Dresden schrieb mit seinem Kriminalroman "Der Angstmann" einen Bestseller. - © dtv/Dieter Brumshagen

DHZ: Herr Goldammer, müssen Sie oft Bücher signieren, wenn Sie bei Ihren Kunden sind?
Frank Goldammer: Bei unseren Kunden kommt das nicht allzu oft vor. Aber bei manchen Stammkunden gibt es schon richtige kleine Fangruppen. Die kennen mich als Maler- und Lackierermeister und als Autor. Da kommen ab und zu mal Anfragen.

DHZ: Sie schreiben seit 20 Jahren. Hat sich Ihr Stil in dieser Zeit verändert?
Goldammer: Man lernt viel durch das Schreiben und man sammelt Erfahrungen mit verschiedenen Lektoren und Lesermeinungen. Wenn ich durch ältere Bücher blättere, finde ich einige Stellen, die ich heute anders schreiben würde. In gewisser Art und Weise ist Schreiben auch ein handwerklicher Beruf. Man braucht Kreativität, aber auch einen großen Teil Handwerkliches. Man arbeitet an einem Text und an seinen Sätzen. Das ist so eine Art Feilen und Schleifen.

DHZ: Und man braucht Disziplin. Sie schreiben ja immer am Abend bis in die Nacht.
Goldammer: Bei mir ist das schon ein bisschen Manie. Ich muss das machen, ich habe gar keine andere Wahl. Wenn ich nicht schreiben kann, bin ich wirklich ungehalten. Wenn mir längerfristig etwas dazwischenkommt, dann plane ich das ein und kompensiere es in den Tagen vorher.

Das Buch

"Der Angstmann": Kriminalinspektor Max Heller ermittelt in einem brutalen Mord an einer Krankenschwester. Es ist kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs und Dresden steht die verheerende Bombennacht noch bevor. Hunger, Kälte und nächtlicher Fliegeralarm zehren an der Bevölkerung. Trotzdem setzt Heller alles daran, den Mörder zu finden. Eindringlich schildert Frank Goldammer wie es nicht nur am Nötigsten fehlt, auch gewissenhafte Polizeiarbeit ist schier unmöglich: keine kriminaltechnische Ausrüstung, keine Mitarbeiter, kein Gerichtsmediziner, keine Fahrzeuge. Der Kriminalkommissar will aber nicht aufgeben, will diesen Mörder nicht davonkommen lassen, weil Krieg und Chaos herrschen. Hellers Vorgesetzter schiebt die Schuld auf den geschiedenen, jüdischen Mann der Toten. Erst als ein zweiter Mord geschieht, darf Max Heller seine Suche nach dem "Angstmann" wieder aufnehmen.

DHZ: Wenn Sie zwischen Ihrem handwerklichen Beruf und der Schriftstellerei wählen könnten – für was würden Sie sich entscheiden?
Goldammer: Ich würde mich sofort für die Schriftstellerei entscheiden. Nicht, dass ich meinen Beruf nicht mag. Es ist eher der Stress, den ich mir ersparen würde. Heute herrscht großer Leistungs- und auch Termindruck. Alles muss immer ganz schnell gehen. Das macht es oft unangenehm.

DHZ: Wenn Sie arbeiten, haben Sie dann schon im Kopf, was Sie abends schreiben?
Goldammer: Konkret wird etwas erst beim Schreiben. Wenn ich im Schreibprozess bin, dann gibt es Stellen, über die ich länger nachdenken muss. Das mache ich dann während der Arbeitszeit.

Zur Buchreihe

"Der Angstmann" belegte im vergangenen Jahr Platz 14 in den Bestsellerlisten. - © dtv

Frank Goldammer: Der Angstmann, dtv, 23. September 2016, ISBN 978-3-423-21696-8, 10,95 Euro
Mehr Informationen unter dtv.de

Ab Herbst löst Kriminalinspektor Max Heller einen neuen Fall in Dresden.
Frank Goldammer: Tausend Teufel, dtv, 13. Oktober 2017, ISBN 978-3-423-26170-8, 16,90 Euro
Mehr Informationen unter dtv.de

Mehr über den Autor unter frank-goldammer.de

DHZ: Wie würden Sie Kriminalinspektor Max Heller aus "Der Angstmann" beschreiben?
Goldammer: Über Max Heller habe ich eine Weile nachgedacht, wie er als Kommissar sein soll. Letztendlich, denke ich, ist mir ein ganz guter Charakter gelungen. Aufgrund seiner Prinzipientreue und Geradlinigkeit stößt er immer wieder an seine Grenzen. Er weiß, was er eigentlich tun müsste, muss dann aber trotzdem so handeln, wie es die Situation gerade gebietet.

DHZ: Gab es in den letzten Kriegstagen 1945 wirklich Polizeiarbeit?
Goldammer: Natürlich, die gab es. Ich stoße bei der Recherche immer wieder auf erstaunliche Dinge. Man muss sich selbst immer wieder klar machen, wie falsch man über diese Zeit denkt. Eine meiner Recherchequellen sind die Tagebücher von Victor Klemperer. Er schreibt von der Krebserkrankung seiner Frau und wie sie mit einer Strahlentherapie behandelt wurde. Da hält man kurz inne, weil man gar nicht daran gedacht hat, dass es das schon gab.

DHZ: Krieg und Nachkriegszeit bedeuten viel Elend.
Goldammer: Es ist umso erschreckender, wenn man recherchiert und liest, wie manche Familien jahrelang gewartet und gehofft haben, dass ihre Angehörigen doch noch heimkommen. Sie wussten ja nicht, sind sie tot, verwundet oder gefangen. Es gibt herzergreifende Aufnahmen, als die allerletzten Kriegsgefangenen 1955 heimkehrten. Da standen immer noch Menschen mit Schildern auf dem Bahnhof, die ihre Angehörigen suchten und ganz verzweifelt waren, weil sie ihre letzte Hoffnung eben verloren hatten.

DHZ: Wurde bei Ihnen in der Familie über den Krieg gesprochen?
Goldammer: Direkt über Kriegserlebnisse wurde in meiner Familie nichts erzählt. Umso erstaunlicher war dann für mich die Lebensgeschichte meines Großonkels Werner, die er mir kurz vor seinem Tod erzählt hat. Ich habe mehrere Stunden Gespräch mit ihm aufgezeichnet. Das war vor sechs oder acht Jahren. Seine Geschichte ist so interessant, dass ich sie zu einem Roman verarbeitet habe, der allerdings noch nicht erschienen ist.

DHZ: Sind diese Erzählungen in Ihren Roman "Der Angstmann" eingeflossen?
Goldammer: Vor allem seine Erlebnisse in der Nachkriegszeit. Er war zum Beispiel ein Jahr bei der Volkspolizei, deshalb durfte er früher aus der Gefangenschaft nach Hause kommen. Aufgrund seiner guten Russischkenntnisse wurde er immer zu randalierenden und betrunkenen Sowjetsoldaten gerufen, um sie aus Gaststätten herauszukomplimentieren.

DHZ: Betrunkene russische Soldaten – das erinnert an die Figur des Saizev in Ihrem Roman. Vor dem kann man Angst haben.
Goldammer: Das war auch so gedacht. Man glaubt immer, die einen stehen auf der richtigen Seite und die anderen auf der falschen Seite, aber so einfach ist das nicht. Alexej Saizev stand jedes Recht zu, die Deutschen zu hassen, was wiederum nicht richtig war, denn es waren ja nicht alle Deutschen böse. Es kommt auf die eigene Betrachtungsweise an. Max Heller ist das bewusst. Er ist gegen die Nazis, aber letztendlich hat er mit seiner Arbeit doch das System unterstützt.

DHZ: Gab es eine reale Vorlage für die Morde zu dieser Zeit in Dresden?
Goldammer: Der Krimi ist fiktiv. Aber nach meiner Buchpremiere letztes Jahr in Dresden kam eine alte Dame auf mich zu. Ich konnte sehen, dass sie sehr mitgenommen war. Sie hat die Bombennacht 1945 miterlebt und sich für meinen Roman bedankt. Sie fragte mich, ob ich mich an einem realen Fall orientiert hätte. Damals gab es wohl einen Mann, der junge Frauen in die Keller gelockt und dort umgebracht hat. Ich habe dazu allerdings keine Informationen gefunden.

DHZ: Wenn Sie jetzt schon Band 2 und 3 geschrieben haben, haben Sie dann irgendwann nochmal den Wunsch, etwas ändern zu wollen?
Goldammer: Wenn ein Buch abgeschlossen ist, habe ich das ganze Hadern und Zweifeln schon hinter mir. Dann bin ich mit der Story zufrieden. Es folgt die Angst, dass es den Lesern nicht gefällt.

DHZ: Der Bogen der Reihe soll ja bis zum Mauerbau 1961 gespannt werden.
Goldammer: Ja, dann geht Max Heller in Rente und gleichzeitig wird die Mauer gebaut. Es kommt wahrscheinlich zur letzten großen Gewissensfrage für ihn. Aber da will ich nicht zu weit vorgreifen.

DHZ: Spielen die Söhne dann auch mal eine Rolle?
Goldammer: Durchaus. Die Familie ist jetzt schon bis zum Schluss durchgeplant. Ich will, dass sich in der Familie ein bisschen das deutsch-deutsche Schicksal widerspiegelt. Der eine Sohn ist ja in russischer und der andere in amerikanischer Gefangenschaft. Damit ist der Grundstein schon gelegt.

DHZ: Sie haben im vergangenen Jahr mit dem "Angstmann" Platz 14 in den Bestsellerlisten eingenommen? Wie haben Sie das gefeiert?
Goldammer: Wenn man wie ich jahrelang davon träumt, dann sagt man sich: Wenn ich das geschafft habe, mache ich eine Party. Aber habe ich eine Party gemacht? Nein. Wenn das passiert, ist man immer schon wieder einen Schritt weiter. Ich habe mich zwar gefreut, aber mich auch gleich wieder gefragt, ob ich den Anforderungen gerecht werde.