Zinspolitik Fed erhöht Leitzins: Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Die US-Notenbank hat die Leitzinsen erhöht, doch die Wirtschaft dürfte das weder in Amerika noch in Deutschland belasten. Zum einen ist die Weltwirtschaft generell auf einem guten Kurs. Zum anderen werden unter dem künftigen Präsidenten Donald Trump vermutlich die Staatsausgaben steigen und die Steuern sinken.

Jürgen Lutz

Die US-Notenbank hat die Leitzinsen erhöht und die Wirtschaft verträgt´s. - © blvdone/Fotolia.com

Der wüste Wahlkämpfer Donald Trump wird neuer Präsident der USA – das war für die meisten Bürger und Anleger hierzulande ein Schreckens-Szenario. Zudem hatten viele Finanzexperten Schlimmes für die Aktienmärkte befürchtet, wenn Trump gewählt werden sollte. Diese Meinung entpuppte sich als kolossaler Irrtum: Vom Wahltag bis Mitte Dezember hat der Aktienmarkt in den USA rund sechs Prozent zugelegt. Auch in Europa und speziell in Deutschland sind Euro Stoxx 50 und DAX seither mit einem Plus von sechs bzw. sieben Prozent auf der Gewinnerseite. Deutlich schlechter als den Aktienmärkten der Industrieländer erging es zwei anderen Anlageklassen: sicheren Staatsanleihen und Gold. Amerikanische, aber auch deutsche Schuldpapiere mit 20 Jahren Restlaufzeit haben vier Wochen nach dem Wahltag je rund fünf Prozent verloren, was im Gegenzug die Renditen bzw. die Zinsen steigen ließ.

Märkte sehen Trumps Schokoladenseite

Für Karl-Heinz Geiger von der SVA Vermögensverwaltung Stuttgart zeigt dies: "Die Investoren schauen derzeit vor allem auf Trumps Schokoladenseite. Sie gehen davon aus, dass er die für die Wirtschaft positiven Dinge – Ausbau der Infrastruktur und Steuersenkungen – umsetzt und negative Maßnahmen unterlässt." In der Tat dürften die als positiv bewerteten Maßnahmen das Wirtschaftswachstum kräftig ankurbeln: Während die Infrastruktur-Projekte für eine ungewohnt hohe Nachfrage durch den Staat sorgen und so Gewinne und Einkommen steigen lassen würden, ließe die massive Steuerreform Unternehmen mehr für Investitionen und Bürgern mehr für ihren Konsum – was zu neuen Gewinnen und Einkommen führt.

Industrie- und Energieaktien liegen vorn

An den Aktienmärkten schlägt sich das neue Szenario bereits in einem Favoritenwechsel nieder: Bis in den Sommer hinein lagen defensive Sektoren wie Versorger- und Konsumaktien an der Spitze – wenig aufregende Papiere, aber attraktiv wegen der konstanten, hohen Dividenden. "Seit der Wahl Trumps sind zyklische Industrie- und Energieaktien sowie Bankaktien vorne. Vor allem Industrie- und Energieunternehmen dürften von einer stärkeren Konjunktur profitieren, und Banken erzielen insbesondere dank höherer langfristiger Zinsen mehr Gewinne", sagt Claus Walter, Geschäftsführer von Freiburger Vermögensmanagement in Freiburg.

Dollar ist so stark wie lange nicht

Während der Anstieg der Aktienmärkte die Hoffnung spiegelt, dass die US-Wirtschaft bald spürbar stärker wachsen wird, zeigt der Rückgang der Anleihekurse: Die Anleger rechnen mit anziehender Inflation und wollen deshalb höhere Zinsen, wenn sie dem Staat Geld leihen. Zudem gehen sie davon aus, dass die US-Notenbank alles im Griff hat – sprich, dass sie die Leitzinsen stets so weit erhöht, dass die Inflation nicht aus dem Ruder läuft. „Wäre das anders, würde der Goldpreis steigen“, erklärt Geiger. In der Tat hat die Federal Reserve soeben die Leitzinsen um einen viertel Prozentpunkt erhöht und angekündigt, wachsam zu bleiben.

Angesichts dessen zeigt sich auch der Dollar sehr stark. Der US-Dollar-Index, der den Wert des Dollars gegenüber einem Korb bedeutender Währungen misst, notiert so hoch wie zuletzt vor 13 Jahren. "Das Vertrauen, dass die Vereinigten Staaten zur Lokomotive für die Weltwirtschaft werden können, ist so groß wie lange nicht mehr. Offenbar billigt der Markt Trump einen Reagan-Reloaded-Bonus zu", so Walters Einschätzung – wobei "der Neue" trotz hoher Schulden den Vorteil hat, dass die Zinsen für Neukredite viel niedriger sind als in Reagans Amtsperiode.

Schaden höhere Zinsen der Wirtschaft?

Stellt sich die Frage, ob die Investoren sich da nicht ein arg rosiges Bild malen. Zum einen ist ja nicht gesagt, dass Trump welt- und handelspolitisch kein politisches Porzellan zerdeppert. Zum anderen stellen steigende Zinsen nach einer Daumenregel an der Börse eine Gefahr für die Wirtschaft und damit den Aktienmarkt dar. Walter ist jedoch zuversichtlich, dass die Aktienmärkte erst nach einer Reihe von Zinserhöhungen ins Trudeln kommen könnten. Der Grund: "Nicht die Zinserhöhungen allein sind ausschlaggebend, sondern die Differenz zwischen lang- und kurzfristigen Zinsen", so der Vermögensverwalter (siehe Interview).

In dieser Hinsicht sieht es derzeit gut aus. Zum einen sind in den USA die langfristigen Zinsen bereits deutlich gestiegen, was die Zinsdifferenz erhöht hat und die US-Wirtschaft zum Brummen bringt, weil die Banken dort nun lieber Kredite vergeben. Zum anderen kauft die Europäische Zentralbank zwar weiterhin Anleihen auf. Doch die Zinsen am langen Ende sind durch Trump auch in der Eurozone gestiegen, während der Leitzins weiterhin bei null Prozent liegt – und das ist gut für die hiesigen Banken. Die deutsche Wirtschaft und das Handwerk profitieren also von einer steigenden Nachfrage aus dem Ausland, während im Inland das Geld wegen niedriger Zinsen für Konsum- und Baukredite weiterhin locker sitzt.

Dieses Zinssignal ist für die Wirtschaft wichtig

Interview mit Claus Walter, Freiburger Vermögensmanagement

Claus Walter, Freiburger Vermögensmanagement. - © V-Bank

Herr Walter, die Anleger sind sich einig: Die US-Wirtschaft wird während der Trump-Präsidentschaft kräftig wachsen, wie die Aktienmärkte bereits zeigen. Inflation und Zinsen dürften zudem steigen. Gefährden höhere Zinsen nicht den Aktienaufschwung?

Walter: Das hört man oft, aber es stimmt nur bedingt. In den sechs großen Haussen in den USA seit 1970 sind die Aktienkurse nach der ersten Zinserhöhung durchschnittlich gut drei weitere Jahre gestiegen. Und bis zu ihrem Höchststand haben sie in dieser Zeit im Durchschnitt weitere 80 Prozent an Wert hinzugewonnen.

Heißt das: Die Zinsen spielen kaum eine Rolle?

Walter: Das wäre falsch. Richtig ist: Entscheidend ist nicht die Höhe der Leitzinsen, sondern der Abstand zwischen den langfristigen Zinsen und den Leitzinsen, die die Notenbank festlegt. Je höher diese Differenz, desto besser ist das für die Wirtschaft – dann verdienen die Banken mehr bei der Vergabe von Krediten. Durch den Anstieg der langfristigen Zinsen nach der Wahl Trumps hat sich dieser Abstand deutlich erhöht – übrigens auch in Euroland.

Hilft diese Zinsdifferenz, frühzeitig Ungemach an der Börse zu erkennen?

Walter: Wenn die Leitzinsen höher sind als die langfristigen Zinsen, war das ein zuverlässiger Hinweis, dass Börse und Wirtschaft auf schwere Zeiten zusteuern.