Versicherer verkaufen Altverträge Was passiert, wenn meine Lebensversicherung verkauft wird?

Immer mehr Versicherungen denken über den Verkauf ihrer Lebensversicherungssparte nach. Die ersten Verkäufe gab es bereits. Was dahinter steckt und welche Risiken dabei für die Kunden entstehen.

Michael Krabs

Viele Versicherer denken über den Verkauf ihrer Lebensversicherungssparte nach. Das hat Folgen für die Kunden. - © fotomek/Fotolia.com

Die Nachricht schlug vor zwei Wochen ein, wie eine Bombe: Die ARAG verkauft Ihre Lebensversicher ungssparte an die Frankfurter Leben Gruppe. Kein Einzelfall. Auch der Schweizer Versicherer Basler hatte bereits Lebensversicher ungen im Wert von  2,6 Milliarden Euro an einen Investor verkauft. Was sich nach  ganz normalen Finanzmarkt-Transaktionen anhört, besitzt durchaus Sprengkraft. Schließlich ist es keineswegs üblich, dass man als K unde einer Versicher ung "verkauft" wird.  Was steckt dahinter?

Oft ist es eine Entscheid ung fürs Leben. Eine Lebensversicher ung ist keine kurzfristige Geldanlage. Viele K unden wählen ihre Versicher ungsgesellschaft daher mit Bedacht aus. Sie vergleichen die Angebote der über 70 verschiedenen Gesellschaften; prüfen Gebühren, Konditionen und Erfahr ungsberichte im Internet. Vertrauen spielt bei solch hohen Geldbeträgen immer eine entscheidende Rolle. Und auf einmal flattert ein Brief ins Haus, in dem mitgeteilt wird, dass ab sofort eine andere Gesellschaft zuständig ist. Als K unde fühlt man sich dann im wahrsten Sinne des Wortes "verkauft". Und sicher auch ver unsichert.

Den r und 320.000 ARAG-Lebensversicher ungs-K unden dürfte es gerade genauso ergehen. Ihre Policen wurden an die Frankfurter Leben Gruppe verkauft. Mehr noch, die ARAG trennte sich gleich komplett von der Lebensversicher ungs-Sparte und verkaufte diese an die Frankfurter Konkurrenz. Wer bei der ARAG gleichzeitig eine Kranken- oder Sachversicher ung abgeschlossen hatte, hat also künftig zwei verschiedene Ansprechpartner. Die Frankfurter Leben für die Lebensversicher ung und weiterhin die "alte" ARAG für die Sach- und Krankenversicher ung.

Der "R un-Off" bei der ARAG – Kein Einzelfall

Im Fachjargon wird der Verkauf von Versicher ungen an eine andere Gesellschaft als „R un-Off“ bezeichnet. Der Name impliziert bereit, worum es zumeist geht: Dem Ausstieg aus einem Geschäftsfeld. Ein Vorgang der normalerweise selten vorkommt und genehmig ungspflichtig ist. Zuständig für solche R un-Offs ist die B undesfinanzaufsichtsbehörde, kurz BAFIN. Die Aufsichtsbehörde muss solchen Verkäufen zustimmen und sicherstellen, dass für die K unden durch einen Wechsel keine finanziellen Nachteile – beispielsweise verminderte Ansprüche oder schlechtere Konditionen – entstehen. Also alles halb so wild?

Wäre die ARAG ein Einzelfall, dann müsste man nicht ausführlich über dieses Thema berichten. Doch die Lebensversicherer stecken seit Jahren in einer bedeutsamen Krise und so ist zu vermuten, dass weitere R un-Offs folgen werden. Experten erwarten jedenfalls eine weitere Marktbereinig ung und einen Rückgang auf Anbieterseite um bis zu 30 Prozent. Im Klartext: Es ist zu erwarten, dass sich noch weitere Versicher ungsgesellschaften entweder von Ihren Altverträgen trennen oder zumindest keine neuen Lebensversicher ungen mit Garantiezinsversprechen mehr verkaufen werden. Dies wäre auf lange Sicht das Ende der klassischen Lebensversicher ung.

Gesellschaften wie die Frankfurter Leben gelten als "R un-Off" Spezialisten. Sie sind in der Lage, die Altverträge anderer Gesellschaften zu übernehmen und gewinnbringend weiter zu betreiben. In der Regel verfügen solche Unternehmen über eine sehr leist ungsfähige IT und einen vergleichsweise abgespeckten Vertriebsapparat. Weniger Mitarbeiter, weniger Aufwand, weniger Wasserkopf - geringere Kosten. Auf diese Weise kann die garantierte Verzins ung der Altverträge leichter erwirtschaftet werden. Sie ist die Achillesferse der gesamten Branche.

Lebensversicherer im Zinstief gefangen

Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 sind die Zinsen in Europa und in vielen weiteren Industriestaaten kontinuierlich ges unken. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins auf 0,00 Prozent gesenkt. In der Folge fielen auch die Zinsen für Sparguthaben, Termingelder, Unternehmensanleihen Pfandbriefe oder Staatsschuldverschreib ungen. Dies hat nicht nur für Sparer negative Folgen, sondern auch für Versicherer. Sie müssen den Garantiezins weiterhin erwirtschaften. Die deutschen Versicherer halten derzeit eine Zinszusatzreserve von 32 Milliarden Euro zurück um den Garantieversprechen auf jeden Fall nachkommen zu kommen. Eine enorme Summe. Hinzu kommen deutlich erhöhte gesetzliche Eigenmittelanforder ungen für Versicherer. Dieser Last sind auf Dauer nicht alle Gesellschaften gewachsen.

Der Garantiezins (Höchstrechn ungszins) wird vom B undesfinanzministerium festgesetzt. Versicher ungsgesellschaften dürfen weniger, aber nicht mehr Rendite garantieren. Dadurch soll ein gefährliches Wettbieten unter Versicher ungen verhindert werden. Um keine Wettbewerbsnachteile zu haben, übernehmen die meisten Gesellschaften den Garantiezins in Ihre Verträge. Erst seit neuerer Zeit werden z unehmend Lebensversicher ungsverträge ohne Garantiezins angeboten. Zwar wurde der Höchstrechn ungszins mittlerweile auf n unmehr 0,9 Prozent ab 2017 gesenkt (derzeit sind es noch 1,25 Prozent), doch gibt es noch mehrere Millionen Altverträge mit festgeschriebenen Garantiezinsen um die 3-4 Prozent. Und die müssen von der Versicher ung auch weiterhin verdient werden. Die Frage ist nur wo?

Hohe Renditen lassen sich derzeit eigentlich nur noch an spekulativen Märkten verdienen. Aktien, Termingeschäfte, Derivate, hochspekulative Schuldverschreib ungen, damit können auch in Niedrigzinszeiten attraktive Überschüsse erwirtschaftet werden. Doch die Lebensversicherer müssen eine 100 prozentige Sicherheit für das angelegte Kapital ihrer K unden bieten. Sie können daher nicht so viel riskieren wie mancher Fonds oder private Anleger. Nur ein geringer Teil der vereinnahmten Gelder darf in solch riskante Anlageformen fließen. Und mit den restlichen Anlageformen ist derzeit einfach nicht viel zu holen. Vier Prozent sind auf Märkten mit so extrem niedrigen Zinsen schon sehr viel. Viele Versicher ungsgesellschaften sind daher mit Ihrer Lebensversicher ungssparte in die roten Zahlen gerutscht. Weitere Roll-Offs und Übernahmen sind daher wahrscheinlich.

Welche Risiken bestehen für die K unden, wenn eine Lebensversicher ung verkauft wird?

Da die BAFIN allen Verkäufen zustimmen muss und die Konditionen unverändert bleiben müssen, gibt es scheinbar keine großen Nachteile für die Versicherten. Dies stimmt allerdings nicht immer. Zusätzlich zu den Garantiezinsen, erwirtschaften die Versicherer oftmals weitere Renditen die über Überschussbeteilig ungen zum Teil an die Versicherten ausgezahlt werden. Nach einem Verkauf der Policen besteht für die K unden das Risiko, dass die neue Gesellschaft weniger attraktive Überschüsse erwirtschaftet. Beispielsweise weil sie kein oder ein weniger gutes aktives Portfoliomanagement betreibt. Weitere Risiken sind schlechterer Service wie telefonische Erreichbarkeit und ein erhöhter Aufwand, beispielsweise wenn man nicht mehr alle seine Verträge unter einem Versicher ungsdach hat.

Wechsel kann auch Win-Win-Situation sein

Es kann aber auch anders laufen. Denkbare wäre ebenso, dass die neue Gesellschaft bessere Überschussbeteilig ungen erwirtschaftet als die Alte. Schließlich handelt es sich um Institute, die weniger kostenintensiv arbeiten und auf Lebensversicher ungen spezialisiert sind. Versicher ungsinhaber sollten daher eine Weile abwarten, wie sich die Rendite entwickelt. Unter Umständen entpuppt sich der Wechsel sogar als Win-Win-Situation.

Was am Ende bleiben wird, ist ein Vertrauensverlust für die Branche als Ganzes. Das Instrument eines ewig gleichbleibenden Garantiezinses erscheint überholt. Es könnte dazu führen, dass eines der beliebtesten und sichersten Anlageinstrumente der Deutschen Bevölker ung langsam aber sicher aussterben wird. Die derzeitigen Garantiezinsen sind für K unden nicht mehr attraktiv genug. Für die Versicherer stellen sie gleichzeitig ein schwer zu kalkulierendes Risiko dar.

Es ist daher an der Zeit über flexiblere Garantiezinsen nachzudenken, die regelmäßig für alle Versicherten um feste Basisp unkte erhöht oder gesenkt werden. Diese Anpass ungen könnten alle 2- 3 Jahre vom B undesfinanzministerium vorgenommen werden und müssten dann für alle Policen gelten. Auch für die Altverträge.