Der Dachstick vereinfacht die sturmsichere Befestigung von Dachziegeln. Entwickelt wurde die neuartige Windsogsicherung im Dachdeckerbetrieb von Christoph Gruß in Thüringen.
Ulrich Steudel

Handwerksbetriebe mit eigener Forschungs- und Entwicklungsabteilung gelten als Rarität. Dass sich ein solches Engagement langfristig auszahlt, zeigt sich am Beispiel des Dachsticks, der inzwischen industriell produziert wird und der Dächer von Christoph Gruß GmbH in Gumperda bei Jena Lizenzeinnahmen in die Kasse spült.
Seit 2011 schreibt das Fachregelwerk des deutschen Dachdeckerhandwerks vor, dass Dachziegel nur mit einer sogenannten Windsogsicherung verlegt werden dürfen. In der Regel kommen Sturmklammern aus Metall zum Einsatz, die aufgrund ihrer scharfen Kanten schwer zu verlegen sind. Zudem hat sich infolge der Vielzahl verschiedener Dachziegeln am Markt eine enorme Fülle an unterschiedlichen Sturmklammern angehäuft. Christoph Gruß schätzt ihre Zahl auf drei- bis viertausend.
ZIM-Projekt des Jahres
Der Dachdeckermeister war weitsichtig genug, um schon 2008 mit der Entwicklung eines universellen Sicherungssystems zu beginnen. Zunächst experimentierten er und seine Mitarbeiter mit Klettband. Zusammen mit Innovent, einer Industrieforschungseinrichtung aus Jena, wurde das System innerhalb von drei Jahren bis zur Marktreife gebracht. Gefördert über das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) wurden die Arbeiten von Christoph Gruß und Innovent im Juni dieses Jahres vom Bundeswirtschaftsministerium als „ZIM-Handwerksprojekt des Jahres“ ausgezeichnet.
Trotzdem ist der Dachstick mit Klettverschluss über die Kleinserie nicht hinausgekommen. Eine großflächige Vermarktung scheiterte am mangelnden Zusammenspiel von Holz- und Ziegelindustrie. Denn der Flausch für den Klettverschluss muss auf der Dachlatte aufgebracht werden, während der Klettstreifen im Dachziegel zu verankern ist.
Aufgeben wollte Christoph Gruß deshalb aber nicht und begann 2011 mit der Entwicklung eines Schiebesticks. Der Dachstick der zweiten Generation sollte den Durchbruch bringen. Er besteht aus einem ausklappbaren Kunststoff-Element, mit dem sich der Dachziegel über die Dachlattung schieben lässt.
Nelskamp exklusiver Hersteller
Was sich einfach anhört, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als kompliziertes Verfahren. Schließlich muss der Kunststoffriegel im Ziegelwerk so fest mit dem Dachziegel verbunden werden, dass er über Jahrzehnte hinweg den Herbststürmen trotzen kann. „Wir haben auch die nötigen Werkzeuge entwickelt bis hin zu den Applikationen für die Maschinen im Ziegelwerk“, erklärt Christoph Gruß. Insgesamt zwölf Patente und Gebrauchsmuster schützen das Know-how des Dachsticks, der inzwischen bei den Dachziegelwerken Nelskamp gefertigt wird.
Das Familienunternehmen Nelskamp aus Nordrhein-Westfalen zählt zu den führenden Herstellern von Dacheindeckungsmaterial mit sechs Werken in Deutschland. Es darf den Dachstick zunächst exklusiv herstellen und vermarkten. Derzeit bietet es nur seinen Verkaufsschlager, das Tondachziegelmodell F12Ü Süd, mit dem Dachstick an. Weitere Dachziegel sollen jedoch folgen. Laut Christoph Gruß kann er an nahezu allen Modellen angebracht werden.
Der Einsatz des Dachsticks lohnt sich für Handwerker wie Bauherren gleichermaßen. Denn er kommt nicht teurer als eine gute Sturmklammer. Allerdings lassen sich Dachziegel mit Dachstick achtmal schneller verlegen, betont Christoph Gruß, in dessen Unternehmen rund 75 Prozent der Dächer mit Dachstick gedeckt werden.
Firmengründer am Stephansdom in Wien
Die Dächer von Christoph Gruß GmbH in Gumperda baut auf eine lange Familientradition, die Urgroßvater Vinzenz Gruß 1921 begründete. Der damalige Innungsobermeister des Sudetengaus war nach seiner Lehre zunächst in der österreichisch-ungarischen Monarchie als Wandergeselle unterwegs und arbeitete sogar am Stephansdom in Wien. Heute beschäftigt der Handwerksbetrieb rund 30 Mitarbeiter, neben Dachdeckern auch Zimmerer und Klempner sowie einen Entwicklungsingenieur.
Mit einer eigenen FuE-Abteilung setzt das Unternehmen Maßstäbe im Handwerk. Aktuell arbeitet sie unter anderem an neuen Flachdach-Halterungen, Innovationen im Holzbereich oder an Produktionstechnik für die Industrie. Mehr will Christoph Gruß nicht verraten. Auch seine Mitarbeiter müssen eine Geheimhaltungsvereinbarung unterzeichnen, wenn sie an Tests auf den Baustellen beteiligt sind.