Filmkritik zu "Jeder stirbt für sich allein" Showdown in der Schreinerei

Am 17. November startet das starbesetzte NS-Drama "Jeder stirbt für sich allein" in den deutschen Kinos. In der Verfilmung des Kriegsromans von Hans Fallada ruft ein Handwerker im Jahr 1940 mit seiner Frau zum Widerstand gegen das Hitler-Regime auf.

Lars-Christian Daniels

Daniel Brühl spielt den Kriminalkommissar Escherich, der den Quangels lange vergeblich nachstellt. - © Christine Schröder/X Filme Creative Pool

Ein Schreck, ein Schrei, ein blutender Schreiner: Schon nach wenigen Minuten trennt sich in "Jeder stirbt für sich allein" ein Facharbeiter einer großen Berliner Möbeltischlerei bei der Arbeit an der Kreissäge einen Finger ab. Doch sein vermeintlicher Arbeitsunfall in der Werkstatt, in der der gelernte Mechaniker und Werkmeister Otto Quangel (Hauptdarsteller Brendan Gleeson) täglich nach dem Rechten sieht, ist pures Kalkül: Der Mann will durch seine selbstverschuldete Behinderung mit aller Macht verhindern, eingezogen und an die Kriegsfront geschickt zu werden. Besser einen Finger verlieren, als gleich das ganze Leben.

Wenngleich Regisseur Vincent Perez in der Folge keine Leichenberge auftürmt oder Bilder vom Schlachtfeld zeigt, wird das Grauen des Zweiten Weltkriegs eindringlich deutlich: Tag für Tag rollen LKWs vom Hof der Schreinerei – beladen mit Särgen.

Ein Handwerker bläst zum Widerstand

In einem solchen Sarg liegt bald auch Quangels Sohn Hans (Louis Hofmann): In der packenden Eröffnungssequenz des Films, der im Wettbewerb der diesjährigen Berliner Filmfestspiele ins Rennen um den Goldenen Bären ging, gerät der junge Soldat in einem französischen Wald in einen Hinterhalt und wird tödlich von einer Kugel erwischt. Als die einfühlsame Postbotin Ida Kuhn (Hildegard Schroedter) seinem Vater Otto und seiner besorgten Mutter Anna Quangel (Emma Thompson) die traurige Nachricht von der Front im Westen überbringt, fasst dieser einen folgenschweren Entschluss: Trotz aller schnellen deutschen Kriegserfolge in Polen und Frankreich und der allgemein vorherrschenden Euphorie im Berlin der 40er Jahre hat Quangel endgültig genug von den Methoden und der Kriegstreiberei des Hitler-Regimes.

Mutiger Widerstand gegen die Nazis: Mechaniker Otto Quangel und seine Frau. - © Marcel Hartmann/X Filme Creative Pool

Anders als die berühmten NS-Widerständler Hans und Sophie Scholl , die etwa zeitgleich als "Weiße Rose" in München tausende Flugblätter unters Volk brachten, setzt Quangel auf Aktionen im Kleinen: Der talentierte Handwerker, der nach Feierabend in liebevoller Detailarbeit eine Holzbüste seines verstorbenen Sohns schnitzt, schreibt Postkarten mit Aufrufen zum Widerstand und platziert diese gemeinsam mit seiner Frau heimlich in den Treppenhäusern öffentlicher Gebäude. Nach und nach gelangen immer mehr Karten unters Volk – aber auch schnell in die Hände von Kriminalkommissar Escherich (Daniel Brühl), der den Quangels nachstellt. Er muss ihnen schleunigst das Handwerk legen, weil der gnadenlose SS-Offizier Prall (furchteinflößend: Mikael Persbrandt) ihm selbst im Nacken sitzt und unmissverständlich eine Frist setzt.

Die Gefahr, erwischt zu werden

Der Berlinale-Beitrag "Jeder stirbt für sich allein", der inhaltlich eng an Hans Falladas gleichnamigen Kriegsroman von 1946 angelehnt ist, entwickelt sich im Mittelteil zu einem reizvollen Katz-und-Maus-Spiel: Trotz seiner akribischen Recherchen kommt Escherich bei der Jagd meist den entscheidenden Schritt zu spät, während die Quangels jederzeit damit rechnen müssen, bei einer ihrer Protestaktionen erwischt und an die SS ausgeliefert zu werden.

Jede Fahrt mit der Straßenbahn wird zum lebensgefährlichen Wagnis, weil schon bald ein Phantombild in Umlauf gebracht wird. Auch an seinem Arbeitsplatz in der Schreinerei ist Otto Quangel irgendwann nicht mehr sicher – und als er in einem unachtsamen Moment schließlich eine verräterische Postkarte in der Werkstatt verliert, kommt es zum großen Showdown.

Trotz einiger starker Momente will in der europäischen Koproduktion aber nicht die ganz große Spannung aufkommen: Zu schematisch wirkt das Geschehen, zu glattgebügelt die Szenerie. Das halbe Dutzend deutscher Nebendarsteller wird in der Originalfassung des Films („Alone in Berlin“) zu schlechtem Englisch genötigt, was gelegentlich in unfreiwillig komischen Grußformeln gipfelt ("Good Morning, Frau Quangel!") .

Die Berliner Mittelschicht skizzieren die Filmemacher hingegen zu einseitig, ja fast beschönigend: Fast alle Nachbarn der Quangels scheinen Widerständler im Geiste zu sein, fürchten aber die Folgen des aktiven Protests. So entfaltet "Jeder stirbt für sich allein" unter dem Strich nicht ganz die emotionale Wucht der bewegenden Romanvorlage oder ähnlich gelagerter Widerstandsdramen wie Marc Rothemunds oscarnominiertem "Sophie Scholl – Die letzten Tage".