Die Bürokratie beeinträchtigt die Darlehensvergabe der Regionalbanken. Vertreter des Handwerks sind beunruhigt. Sie raten den Betrieben, sich auf härtere Zeiten einzustellen - und jetzt schon vorzusorgen für eine mögliche Kreditklemme im Mittelstand.
Steffen Range

Für Handwerksbetriebe dürfte es bald schwieriger werden, Kredite zu bekommen. Denn verschärfte Auflagen verteuern und verkomplizieren Darlehen an den Mittelstand. Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die wichtigsten Finanzpartner des Handwerks, sehen sogar ihr Geschäftsmodell bedroht.
"Wir befürchten massive negative Konsequenzen“, sagte Rainer Reichhold, Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstags bei der Vorstellung eines Positionspapiers zur Kreditversorgung des Mittelstands. Das Handwerk sei angewiesen auf eine "verlässliche Finanzierung durch lokal verankerte Institute“ und auf Banken, "die die Sprache der Betriebsinhaber sprechen“.
Drei Viertel der Handwerksbetriebe wickeln ihre Geldgeschäfte über Sparkassen oder Genossenschaftsbanken ab. International operierende Finanzkonzerne interessieren sich meist nicht für das kleinteiligen Geschäft mit dem Handwerk.
Derzeit bestehen noch keine Probleme bei der Kreditversorgung. Im Gegenteil: Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden, sieht die Betriebe in einer "recht guten wirtschaftlichen Lage": "Viele kleinere Vorhaben werden aus eigenen Mitteln bestritten. Kredite werden kaum benötigt." Franz Falk, Finanzexperte der Handwerkskammer Region Stuttgart, pflichtet ihm bei: "Gute Betriebe werden hofiert.“ Dennoch rät er dem Handwerk, sich für schlechtere Zeiten zu wappnen: "Befürchtungen sind begründet." Für schwache Kreditnehmer könne es auf mittlere Sicht schwieriger werden.
Bedrängt von der Aufsichtsbehörde
Die regionalen Institute fühlen sich vor allem durch die Bankenaufsicht bedrängt. Kleine Banken müssen teilweise die selben Auflagen erfüllen wie börsennotierte Konzerne. "Die Bankenregulierung hat eine Dimension erreicht, die nichts mehr mit Augenmaß zu tun hat“, sagte Roman Glaser, Präsident des baden-württembergischen Genossenschaftsverbands. Kleine und mittlere Institute würden überdurchschnittlich stark beansprucht. Diese Sorge teilen Experten der Handwerkskammern. "Ein gewachsenes, gut funktionierendes System wird unter Wasser gedrückt“, beklagt auch Andreas Brzezinski.
Einerseits müssen die Banken immer größeren Aufwand treiben, um den Aufsichtsbehörden Bericht zu erstatten, andererseits werden sie zu mehr Rücklagen gezwungen. Höhere Anforderungen an den Verbraucherschutz bewirken mehr Bürokratie. Das Geschäftsmodell der Regionalbanken – Geld von den Kunden einsammeln und als Kredit herausreichen – wirft in Zeiten niedriger Zinsen nicht mehr viel ab. Brzezinski sagt: "Die Regulatorik ist ein Fixkostenblock, der gerade kleineren Instituten zu schaffen macht." Drastischer drückt es der baden-württembergische Sparkassenpräsident Peter Schneider aus: "Die Regulatorik legt die Axt an ein deutsches Erfolgsmodell."
Drei Szenarien wahrscheinlich
Was bedeutet das für den Mittelstand? Experten halten drei Szenarien für wahrscheinlich: Erstens werden verunsicherte Banker risikobehaftete Firmenkredite künftig zögerlicher vergeben. Zweitens werden die Institute versuchen, Unternehmensdarlehen zu verteuern, um Ausfälle an anderer Stelle auszugleichen. Drittens werden sie dazu übergehen, den Betrieben kürzer laufende Kredite anzubieten, weil sie dafür weniger Sicherheiten erbringen müssen.
Keine guten Aussichten für den langlaufenden Firmenkredit, den deutsche Unternehmer so gerne nehmen. Brüssel dagegen verfolgt einen anderen Weg: Die EU-Kommission sähe es gern, wenn sich Mittelständler nach angelsächsischem Vorbild mehr Geld an den Kapitalmärkten beschafften, also Aktien oder Anleihen ausgeben.
Davon hält Reichhold nichts. "Anleihen lohnen sich ab einem Volumen von zehn Millionen Euro. Die typische Investitionssumme im Handwerk bewegt sich im fünf- bis sechsstelligen Bereich.“ Das Handwerk benötige keine europaweite Kapitalmarktfinanzierung. "Die Finanzierung muss sich am Bedarf der Unternehmen ausrichten.“
Unverständnis in Brüssel
Viele Fachleute beklagen, dass es in Brüssel an Verständnis für die deutsche Unternehmenslandschaft mangele . In Ländern wie Frankreich oder Großbritannien dominieren Großbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind dort unbekannt. Der Dresdner Hauptgeschäftsführer Andreas Brzezinski stellt fest: "Ich habe die Sorgen, dass die EU-Kommission unser deutsches Bankensystem mit seiner Qualität als unwirtschaftliches Relikt abtut."
Zuletzt unternahm Brüssel den Versuch, eine europäische Einlagensicherung aufzubauen. Sparkassen und Genossenschaftsbanken hätten dann mit ihren Reserven für marode Institute in Südeuropa geradestehen müssen.
Besser Vorbereiten aufs Bankgespräch
Viele Unternehmer müssen sich nach Ansicht von Finanzexperten der Handwerkskammern einen professionelleren Umgang mit den Banken angewöhnen. „Viele Betriebe denken nicht strategisch“, sagt Franz Falk von der Handwerkskammer Region Stuttgart. Sie bereiteten sich nicht gut genug auf Gespräche mit der Bank vor, die Unterlagen seien oft lückenhaft. "Sie wissen oft nicht, welche Informationen die Bank benötigt und können den Nutzen einer Investition nicht richtig vermitteln." Auch der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden, Andreas Brzezinski, wertet Kreditverhandlungen als „Herausforderung für den klassischen Handwerksmeister“. Ein Meister müsse in der Lage sein, sein Geschäft in wenigen Sätzen zu erklären. Brzezinski: "So wie man einen Kunden erobert, so muss man auch den Bankberater erreichen.“ Mehr noch: Weil immer mehr Kreditentscheidungen nicht von Menschen, sondern von Rechenformeln und Datenbanken gefällt werden, müsse sich der betrieb auf die Spielregel einlassen, "seine Unterlagen stromlinienförmiog für die Maschine aufzubereiten".
Brzezinski sieht die Meisterschulen in der Pflicht, diese Fähigkeiten zu vermitteln. Falk dagegen hält deren Ausbildung für verbesserungsbedürftig. „Viele Meisterschulen kommen dem nicht mehr nach, was heute gefordert wird.“ Eine dem komplexen Thema angemessene Vertiefung gebe es nur auf freiwilliger Basis. Falk: „Gut geeignet ist die Weiterbildung zum Betriebswirt im Handwerk.“ Andreas Brzezinski verweist auf die Betriebsberater und auf Seminare der Handwerkskammern, die die Betriebsinhaber auf das Bankgespräch vorbereiten.
Franz Falk warnt Betriebsinhaber davor, beleidigt zu reagieren, wenn ein Kredit verweigert wird. "Es gibt kein Recht auf Kredit. Dieser Gedanken ist bei vielen noch nicht angekommen." Die Banken seien in der Pflicht, "manche Leute auch vor sich selbst zu schützen".