In der Diskussion um längere Lebensarbeitszeiten heißt es oft, Handwerker könnten ihre körperlich fordernden Berufe in höherem Alter nicht mehr ausüben. Professor Stephan Gronwald erklärt im Interview, warum der Fokus trotzdem nicht nur auf körperliche Aspekte gelenkt werden sollte.
Barbara Oberst

DHZ: Herr Professor Gronwald, Sie beraten Handwerksbetriebe in Personalfragen. Was fällt Ihnen dort – gerade in Bezug auf ältere Mitarbeiter – auf?
Gronwald: Ich habe noch nie so hohe Motivations- und Compliancewerte wie im Handwerk erlebt. Diese Solidarität, Treue und Begeisterung ist unerreicht. Aber viele Inhaber können das gar nicht nutzen.
DHZ: Woran liegt das?
Gronwald: Im Handwerk gibt man nicht gerne Schwächen zu. Ältere wollen sich durchaus entwickeln. Wenn ihnen aber Neuerungen zu schnell gehen, entsteht eine hohe psychische Belastung.
DHZ: Sind nicht die körperlichen Belastungen schwerwiegender?
Gronwald: Muskel- und Skeletterkrankungen sind in Deutschland nach wie vor der Hauptgrund für Krankschreibungen. Aber Hauptgrund für Frühverrentungen sind psychische Belastungen! 60 bis 80 Prozent der von uns in einer Studie befragten Handwerker sagten, die psychische Belastung wirke sich auf ihre Arbeit aus, während die körperlichen Beschwerden sie weit weniger beeinträchtigen. Sehr viele klagten über Schlafstörungen, was einen sehr bedrohlichen Einstieg in die psychische Problematik ausdrücken kann.
DHZ: Wie können Chefs damit umgehen?
Gronwald: Durch bessere Kommunikation. Wir müssen uns angewöhnen, die Sichtweisen jedes einzelnen Menschen einzubeziehen. Das braucht Zeit und auch den Mut, Themen zur Sprache zu bringen, statt pauschal alles als schlecht abzutun.
DHZ: Wird dieser Beratungsansatz denn im Handwerk akzeptiert?
Gronwald: Ja. Wenn Chef und Mitarbeiter die Sinnhaftigkeit dahinter sehen, packen sie es an. Nirgendwo sonst werden Projekte so schnell umgesetzt, wie im Handwerk.
Stephan Gronwald ist Professor an der Technischen Hochschule in Deggendorf und Prozessberater bei "Unternehmenswert Mensch“.