Einkommensunterschiede bei Frauen und Männern Frauen verdienen weniger, weil sie zu selbstkritisch sind

Warum Frauen weniger verdienen als Männer, hat viele Gründe: Branche, Betriebsgröße, Position oder Arbeitszeit. Eine neue Studie der Internationalen Hochschule Bad Honnef, Bonn (IUBH) hat nun einen weiteren Faktor aufgedeckt: Frauen sind zu selbstkritisch.

Die IAB-Studie hat verschiedene Faktoren identifiziert, die für Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen verantwortlich sind. - © Fotolia/ goodluz

Frauen bewerten ihre Stärken selbst weit niedriger als ihr direktes Umfeld diese einschätzt. Sie bewerten sich im Berufsleben zu kritisch. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle Studie der Internationalen Hochschule Bad Honnef, Bonn (IUBH). Die Studie bestätigt damit den Gender-Gap in Bezug auf die Selbsteinschätzung beruflicher Leistungen von Frauen.

Frauen neigen zu Selbstkritik, Männer zu Selbstüberschätzung

Die Daten zeigen, dass grundsätzlich sowohl Männer als auch Frauen bei der Einschätzung ihrer beruflichen Kompetenzen zur Selbstkritik neigen – bei Frauen ist diese Neigung aber deutlich höher. Sie stufen sich insbesondere in Bereichen, die extrovertiertes und strategisches Verhalten erfordern – zum Beispiel in den Kompetenzen Verhandlungsgeschick, Verkauf/Abschlusstechnik oder Gesprächsführung – selbstkritischer ein als ihre männlichen Kollegen. Männliche Teilnehmer neigen dagegen in kommunikativen Bereichen wie Einfühlungsvermögen oder Kunden- und Dienstleistungsorientierung zur leichten Selbstüberschätzung.

Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung

Die Selbstkritik der Teilnehmenden scheint unbegründet: Insbesondere Frauen werden von ihrem direkten Umfeld, zum Beispiel von Kollegen und Vorgesetzten, positiv wahrgenommen – die Differenz zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung ist bei ihnen um rund ein Drittel höher als bei Männern. Auch ihre tatsächlichen Kompetenzen wurden in der Studie deutlich höher gemessen, als sie diese selbst einschätzten.

© IUBH_Infografik_Delveo-Studie_IUBH

Selbstkritik kann zu Einbußen bei Gehalt und Karriere führen

Frauen können sich durch unbegründete Selbstkritik auf ihrem Karriereweg im Weg stehen, meint Prof. Dr. Kurt Jeschke, Prorektor der IUBH Corporate Programmes: " sie ihre Kompetenzen selbst eher niedrig einstufen, halten sie sich bei Gehaltsverhandlungen oder bei der Bewerbung um Führungspositionen stärker zurück als ihre männlichen Kollegen."

Die möglichen Folgen des Gender-Gaps belegen weitere Zahlen: Frauen verdienen nachweislich weniger bei formal gleicher Qualifikation und Tätigkeit (Statistisches Bundesamt, 2014) und besetzen nur zu knapp 15 Prozent Führungspositionen in deutschen Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitern (Statista, 2015).

Auch im europäischen Vergleich stehen deutsche Frauen nicht gut dar. In Deutschland verdienen Frauen im Durchschnitt rund ein Fünftel weniger als Männer, so die Ergebnisse der IW-Studie.  Das ist einer der schlechtesten Werte in Europa.

In 3 Schritten den Gender-Gap im eigenen Unternehmen schließen

Den Gender-Gap zu überwinden hilft nicht nur weiblichen Mitarbeitern, sondern auch den Unternehmen selbst, sagt Jeschke: "Unternehmen, die die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Mitarbeitern minimieren, folgen nicht nur den ethischen Standards der Chancengleichheit, sondern haben auch Vorteile im Wettbewerb um talentierte Fachkräfte. Eine entsprechende Personalpolitik steigert die Attraktivität der Arbeitgebermarke und verbessert die Chancen, talentierte Fachkräfte zu rekrutieren". Er nennt daher drei Handlungsempfehlungen für Personalverantwortliche, mit denen man dem unternehmenseigenen Gender-Gap begegnen kann:
  • Lassen Sie regelmäßig die Kompetenzprofile durch Vorgesetzte und Mitarbeiter erfassen, bewerten und diskutieren.
  • Identifizieren Sie die Unterschiede zwischen Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung und tatsächlichen Kompetenzen. Damit können Mitarbeiter zielgerichtet gefördert und weiterentwickelt werden.
  • Entwickeln Sie individuelle Maßnahmen zur Personalentwicklung vor allem für weibliche Mitarbeiter, die insbesondere die Selbsteinschätzung und Umsetzung der Leistungsfähigkeiten im betrieblichen Umfeld ermöglichen.

Über die Studie der IUBH

Bei der Studie wurden die branchenübergreifend die Kompetenzen von mehr als 1.000 Mitarbeitern in verschiedenen Funktionen untersucht.

Individuelle Faktoren entscheiden über Einkommensunterschiede

Weitere Studien haben sich ebenfalls mit den Einkommensunterschieden zwischen Frauen und Männern beschäftigt und zusätzliche Faktoren ermittelt. So lässt sich der Unterschied beim Durchschnittseinkommen von Frauen und Männern in Deutschland aus Sicht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) mit folgenden Faktoren erklären:

  • Branche
  • Betriebsgröße
  • Position ( Frauen nehmen seltener Führungsaufgaben wahr)
  • Arbeitszeit ( Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit als Männer)

So seien gut drei Viertel aller Stellen in den eher niedrig entlohnten Bereichen Erziehung und Unterricht sowie im Gesundheits- und Sozialwesen von Frauen besetzt, heißt es in der IW-Studie. In der Industrie, in der die Löhne eher höher sind, seien es weniger als drei von zehn. Ohne diese Parameter habe es im Jahr 2013 lediglich eine Lohnlücke von rund 6,6 Prozent gegeben – das sei einer der niedrigsten Werte in der EU. Die Forscher des IW weisen darauf hin, dass die Unterschiede beim Gehalt sich vor allem aus individuellen Entscheidungen ergeben. Daher könnten die Unterschiede auch nicht per Gesetz behoben werden.

Eine andere Studie, veröffentlich vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), ist vor kurzem zu ähnlichen Ergebnissen wie das Institut der deutschen Wirtschaft gekommen. Die Ergebnisse lassen einen tieferen Einblick in die Erklärungsfaktoren zu.

Frauen haben weniger Humankapital

Im Jahr 2010 betrug der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen vollzeitbeschäftigten Frauen und Männern in Westdeutschland 24 Prozent (bezogen auf den Tageslohn)*.

Einen Teil dieser Lohnunterschiede erklären die Wissenschaftler mit dem Humankapital (hierzu zählen zum Beispiel Alter und Dauer der Schulbildung). Menschen mit einem höheren Humankapital haben in der Regel ein höheres Einkommen. Während der gesamte Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen im Jahr 2010 bei 24 Prozent lag, betrug er bei gleicher Qualifikation und bei gleichem Alter sieben Prozentpunkte weniger.  

Frauen arbeiten oft in Niedriglohnberufen 

Dass Männer mehr verdienen, als Frauen, wird oft auch damit erklärt, dass Männer in Hochlohnberufen arbeiten. Im gleichen Beruf verdienten Frauen laut Studie durchschnittlich 19 Prozent weniger als Männer.  

Der Zusammenhang zwischen dem Lohn in einem Beruf und dem Anteil von Frauen in diesem Beruf, ist nach Angaben der Experten komplexer als oft vermutet. So wird in typischen Männerberufen, wie zum Beispiel im Sicherheitsgewerbe oder bei Paketdienst ein geringerer Lohn bezahlt. Zudem gibt es typische Frauenberufe, etwa kaufmännische Berufe, in denen ein immerhin durchschnittliches Einkommen erzielt werden kann. Allerdings sind Berufe, in denen Spitzeneinkommen verdient werden, etwa im Ingenieurwesen oder im Management, wiederum männlich dominiert.

Frauen arbeiten in kleineren Betrieben 

Die Lohnunterschiede lassen sich zu einem Teil auch dadurch erklären, dass Frauen häufiger in kleinen Betrieben arbeiten, die durchschnittlich weniger Lohn zahlen. Aber auch, wenn Frauen im gleichen Betrieb arbeiten, verdienen sie weniger. Laut den Ergebnissen der Studie verdienen Frauen selbst bei gleicher Qualifikation und gleichem Alter im gleichen Beruf und im gleichen Betrieb etwa 12 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Dieser Unterschied hat sich im Zeitraum von 1993 bis 2010 nicht verändert.

Frauen arbeiten weniger 

Die Experten des IAB gehen in ihrer Studie davon aus, dass auch die tatsächliche Arbeitszeit einen Teil des Lohnunterschiedes erklären kann. Grund: Männer machen mehr Überstunden als Frauen.  

Als wichtiger wird aber die Frage der Hierarchien innerhalb der Berufe betrachtet. Männer steigen in der betrieblichen Hierarchie und damit auch in bessere Verdienstpositionen schneller auf als Frauen. Sie haben öfter Schwierigkeiten, in Familiengründungsphasen Privat- und Berufsleben miteinander zu vereinbaren. Ein beträchtlicher Teil des Lohnunterschiedes geht laut den Experten letztlich auf Erwerbsunterbrechungen oder Teilzeitbeschäftigung zurück, zum Beispiel durch Erziehungspausen oder Pflegezeiten. jb

Dieser Artikel wurde aktualisiert am 03.08.2016.