Der Vorstandsvorsitzende der IKK classic, Gerd Ludwig, über Sparpotenziale im Gesundheitsweisen, die Zukunft der Versorgung und wann Individualverträge sinnvoll sind.
Frank Muck

DHZ: Was sind die Haupttreiber der Kostenentwicklung im Gesundheitswesen?
Ludwig: Schon jetzt wachsen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) jährlich um 1,5 Prozentpunkte stärker als die Einnahmen. Die alternde Gesellschaft und der medizinische Fortschritt sind die Megatrends, die uns langfristig mehr Geld kosten. Derzeit steigt die durchschnittliche Lebenserwartung pro Dekade um etwa zweieinhalb Jahre. Chronische Krankheiten, vermehrt auch psychische, prägen das Krankheitsgeschehen. Die Versorgung älterer Menschen, die von vielen Erkrankungen betroffen sind, verlangt neue Formen der Zusammenarbeit.
DHZ: Die Gesetzgebung sorgt nicht für Entlastung?
Ludwig: Die aktuelle Gesetzgebung sorgt kurzfristig für einen Kostenschub. Das Präventionsgesetz, die Krankenhausreform, das Hospiz- und Palliativgesetz, das E-Health-Gesetz und das Landärztegesetz sind Vorhaben, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden. Sie bringen teils begrüßenswerte Verbesserungen für Patienten, werden die Krankenkassen aber mit weiteren Milliardenausgaben belasten. Bis 2019 stehen den gesetzlichen Kassen dadurch Mehrausgaben von mehr als zehn Milliarden Euro ins Haus.
"Den gesetzlichen Kassen stehen bis 2019 Mehrausgaben von mehr als zehn Milliarden Euro ins Haus."
DHZ: Wo lassen sich am ehesten Wirtschaftlichkeitsreserven heben?
Ludwig: An erster Stelle stehen Über- und Fehlversorgung. Wir brauchen echte strukturelle Reformen, insbesondere bei den Krankenhäusern, aber auch bei der regionalen Verteilung der niedergelassenen Ärzte. Diese Probleme beschäftigen das System gefühlt schon ewig; hier sind ziemlich dicke Bretter zu bohren.
DHZ: Wo sehen Sie weitere Möglichkeiten?
Ludwig: Spannende Perspektiven eröffnen sich beim Thema E-Health. Der Einsatz moderner IT-Technik wäre ein Riesenfortschritt, weil sich viele Prozesse verbessern und beschleunigen lassen. Die Folgen: mehr Transparenz, mehr Sicherheit, geringere Belastungen, weniger Bürokratie und mehr Kosteneffizienz.
"Der Ansatz, stärker nach Qualität zu vergüten, ist richtig und notwendig."
DHZ: Was versprechen Sie sich von der Krankenhausreform?
Ludwig: Krankenhäuser sind der größte Kostenblock in der GKV, sie beanspruchen ein Drittel der gesamten Leistungsausgaben. Der Ansatz, künftig stärker nach Qualität zu vergüten, ist richtig und notwendig. Die Länder sind in der Pflicht, den Strukturwandel zu unterstützen. Bisher gilt bei der Krankenhaus-Finanzierung das duale Prinzip: Die Länder sind für die Investitionen, die Krankenkassen für den Betrieb zuständig. Die Länder kommen ihren Verpflichtungen aber seit Jahren nicht nach, also landen die Kosten am Ende alle bei den Kassen. Dieses Schwarze-Peter-Spiel muss aufhören.
DHZ: Bleibt das Niveau medizinischer Versorgung in den kommenden Jahren erhalten?
Ludwig: Allein durch die Folgen der aktuellen Gesetze wird sich der Umfang der Versorgung in vielen Punkten weiterentwickeln, bei der Pflege ebenso wie in der Palliativmedizin oder bei der Prävention. Die Strukturen und die Inhalte der Versorgung differenzieren sich systembedingt weiter aus. Das war immer so, auch wenn Kontroversen im Gesundheitswesen gelegentlich einen anderen Eindruck erwecken. Dass es in Wirklichkeit anders ist, dafür sorgt schon der medizinische Fortschritt, aber auch eine ausgeprägte Dynamik der wirtschaftlichen Interessen.
"Unserer handwerklichen Tradition verdanken wir ein ausgeprägtes Qualitätsdenken."
DHZ: Welche Perspektive hat die handwerkliche Krankenversicherung im GKV-Wettbewerb?
Ludwig: Unserer handwerklichen Tradition verdanken wir ein ausgeprägtes Qualitätsdenken, aber auch den Anspruch auf Wirtschaftlichkeit und eine Struktur, die auf regionale Netzwerke setzt. Ein kundennaher Organisationstyp kommt nach unserer Überzeugung den Anforderungen des Marktes entgegen. Trotz Online-Services wird der Stellenwert echter Beratung wachsen, weil die Versorgungsstrukturen komplexer werden. Darauf setzen wir und dafür sind wir aufgestellt.
DHZ: Inwieweit ist die IKK classic noch die Krankenkasse des Handwerks?
Ludwig: Unser Markenkern bleibt handwerklich. Uns verbindet über unsere Gremien ein dichtes Netzwerk mit dem organisierten Handwerk und wir richten unsere Kompetenzen und Dienstleistungen am Bedarf der Gewerke aus. Beispiele sind die Prävention, aber auch die regionale Geschäftsstellenpolitik. Unsere strategische Ausrichtung und unsere gesundheitspolitischen Positionen sind immer handwerksbezogen.
"Individualverträge sind ein Wettbewerbselement, aber im Vordergrund muss immer die angemessene Versorgung der Patienten stehen."
DHZ: Leistungserbringer wie Orthopädietechniker beklagen, dass immer mehr Krankenkassen Individualverträge abschließen, wie etwa die DAK bei der Ausschreibung der Rollstuhlversorgung. Beklagt werden fehlende Wahlfreiheit, Preisdumping und Qualitätsverlust. Verfolgt auch die IKK classic diesen Weg?
Ludwig: Manche Ausschreibungen sind gesetzlich vorgeschrieben. Und Individualverträge sind ein Wettbewerbselement, das zu mehr Wirtschaftlichkeit beitragen kann. Qualität und Wirtschaftlichkeit dürfen aber nicht in Konflikt geraten. Im Vordergrund muss immer die angemessene Versorgung der Patienten stehen. Mit unseren Partnern in den Gesundheitshandwerken haben wir bislang gute Ergebnisse erzielt, etwa bei der Hörgeräteversorgung. Bei Hilfsmitteln haben wir im Übrigen auch schon mal auf Ausschreibungen verzichtet, wenn dies aus Qualitätsgründen angezeigt war.
DHZ: Die GKV leidet unter stetig steigenden Kosten. Wird es irgendwann nur noch eine Grundversorgung geben, die durch private Zusatzangebote ergänzt werden muss?
Ludwig: Diese Gefahr sehe ich nicht. Die solidarisch getragene Krankenversicherung ist ein grundlegendes und übrigens sehr erfolgreiches Markenzeichen unseres Sozialstaats. Deshalb wird der Leistungsanspruch umfassend bleiben, auch wenn gelegentlich eine private Ergänzung für den Einzelnen sinnvoll sein mag.