Aïcha des Gazelles: Viola Hermann und Vanessa Wagner steuern den Mercedes Vito bei der Frauenrallye durch die Wüste von Marokko auf den dritten Platz und werden als beste Neueinsteigerinnen ausgezeichnet
Cornelia Thane
Vorsichtig, aber dennoch zielstrebig bahnt sich der Mercedes-Benz Vito seinen Weg durch eine Landschaft aus Fels und Sand. Aus gutem Grund. Das Gelände ist anspruchsvoll, der Reifendruck entscheidend. Ist er zu niedrig, drohen Reifenplatzer auf den Geröllfeldern. Ist er zu hoch, versinkt das Fahrzeug in der nächsten Sanddüne.
Bei Viola Hermann ist dieses Wissen in Fleisch und Blut übergegangen. Routiniert steuert die 44-jährige Goldschmiedemeisterin den Zweieinhalb-Tonner durch die marokkanische Wüste, stets im Hinterkopf, dass jeder Fahrfehler verheerende Folgen haben kann.
Auf der letzten Etappe der diesjährigen Rallye Aïcha des Gazelles, einer acht Tage andauernden Fahrt quer durch die Sahara, steuert Mercedes-Benz auf einen Dreifacherfolg zu. Daran hat auch das Handwerksteam seinen Anteil. Im Ziel werden Viola Hermann und Vanessa Wagner mit ihrem Vito den dritten Platz belegen, hinter dem US-amerikanischen Team Alyssa Roenigk und Chrissie Beavis im Sprinter, gefolgt vom hauseigenen Mercedes-Team mit Andrea Spielvogel und Julia Salamon.
Leistungsdruck und Schlafmangel
2.500 Kilometer haben die Teams hinter sich gebracht, die Nächte fernab jeglicher Zivilisation campiert. Noch liegen die letzten 120 Kilometer vor den Handwerkerinnen. Hochkonzentriert wechselt Vanessa Wagners Blick zwischen Fenster, Landkarte und Kompass. Ihre Augen brennen, Schweiß tropft von ihrer Stirn. Im Wagen ist es brütend heiß. Die Klimaanlage streikt schon seit Tagen, auch die Lüftung hat vor Kurzem ihren Dienst quittiert.
Doch das hindert die 37-Jährige nicht daran, ihre Aufgabe so gut wie möglich zu absolvieren: Den kürzesten Weg von einem Checkpoint zum anderen zu finden und das Team wohlbehalten ins Camp zu lotsen. „Es ist Wahnsinn, welcher Druck täglich auf mir lastet“, erzählt die selbstständige Sanitär- und Heizungsbauerin, die oft noch spät nachts über ihren Karten brütet.
Ideallinie statt Tempo
Die Fahrerinnen, von denen einige sogar auf Motorrädern und Quads unterwegs sind, meistern jede Hürde. Reifen werden selbst gewechselt, Luftfilter gereinigt und versunkene Fahrzeuge eigenhändig wieder freigeschaufelt – mit etwas Glück leisten andere Teams sogar Schützenhilfe.
Dies ist bei der Rallye Aïcha auch kein Problem. Denn anders als im Motorsport üblich, setzt das Reglement nicht auf den Faktor Zeit. Vielmehr gilt es, mittels Karte und Kompass möglichst dicht an der Ideallinie zu navigieren. Zusätzliche Kilometer werden mit Strafpunkten geahndet, die meisten gibt es für verpasste Checkpoints. Gefestigte Navigationskenntnisse sind daher ebenso gefragt wie langjährige Fahr-Erfahrung in schwierigem Gelände.
In zwei Monaten zum Rallyeteam
Vanessa Wagner und Viola Hermann fehlt beides, als sie Ende Januar als Sieger des Auswahltrainings der Deutschen Handwerks Zeitung und von handwerk magazin hervorgehen. Beide besitzen zwar eine
hohe Affinität zu Autos und Motorrädern – an einer Rallye hat jedoch keine der beiden Handwerksmeisterinnen bisher teilgenommen.
Gerade einmal acht Wochen bleiben den beiden, um sich die nötigen Fertigkeiten anzueignen und sich kennenzulernen. Neben Fahr- und Navigationstrainings werden Fachbücher gelesen, französische Sprachkenntnisse aufgefrischt, Sporteinheiten absolviert. Sofern es die Zeit zulässt, telefonieren die Frauen miteinander. „Es ist erstaunlich, wie schnell zwei sich völlig fremde Menschen zu einem Team zusammenwachsen“, freut sich Viola Hermann.
Aber nicht nur die Rallye, sondern auch ihre dreiwöchige Abwesenheit von zuhause muss von den Unternehmerinnen vorbereitet werden. Während Vanessa Wagners Vater Werner den gemeinsamen SHK-Betrieb im hessischen Hattersheim alleine führt, hat Viola Hermann ihr Schmuck-Atelier geschlossen. „Ich wollte den Kopf frei haben, nicht übers Geschäft nachdenken.“
Grenzsituationen gemeinsam meistern
Wie wichtig ein klarer Kopf ist, erfährt das Team mit der Nummer 318 mehrfach. Immer wieder geraten die Frauen in Situationen, die zunächst aussichtslos erscheinen. „Unseren Tiefpunkt hatten wir an einem Abhang“, verrät Vanessa Wagner. „Wir saßen auf einem großen Stein fest. Da kann einem schon komisch zumute werden.“ Doch statt in Panik zu geraten, setzen sich die beiden mit einer Flasche Wasser in den Schatten und überlegen. „Letztendlich haben wir versucht, das Auto mit dem Air Jack anzuheben und den Stein zu untergraben“, führt Viola Hermann fort. Der Plan geht auf. Der Stein verschwindet in einem Loch und der Wagen kommt wieder frei.
„Gerade in solchen Extremsituationen haben wir gemerkt, wie gut wir als Team funktionieren“, so Vanessa Wagner. „Immer wenn eine von uns Nervenflattern bekam, hat die andere umso nüchterner agiert.“ Dem stimmt Fahrerin Viola Hermann zu: „Wir hätten uns beide keinen besseren Partner wünschen können. Es war perfekt. Nicht einen einzigen Streit hat es gegeben.“
Teamgeist zahlt sich aus
Der Zusammenhalt zahlt sich aus. Die zwei Unternehmerinnen behaupten auf der letzten Etappe ihren dritten Platz. Die Mercedes-Mechaniker sind schon siegessicher. Sascha Belca: „Die Mädels sind echt Bombe! Das Auto sieht trotz des ständigen Offroadfahrens noch aus wie neu. Und gemessen an ihrer Kilometerzahl, haben wir mit Viola Hermann und Vanessa Wagner das bisher erfolgreichste Handwerkerinnenteam im Rennen. Wir sind total happy.“
Generell gibt es in diesem Jahr beim Stuttgarter Autohersteller jede Menge Grund zur Freude. Denn was sich bereits die letzten Tage abzeichnete, wird im Ziel Gewissheit. Die Teams von Mercedes-Benz belegen in der Kategorie Crossover die Plätzen eins bis drei. Viola Hermann und Vanessa Wagner haben noch einen besonderen Grund zum Feiern. Sie werden als beste Neueinsteiger geehrt. „Dieser Preis bedeutet uns sehr viel“, sagt Viola Hermann. „Er unterstreicht noch einmal, wie tapfer wir uns zwischen den ganzen erfahrenen Teams geschlagen haben.“
Eine Tatsache, die den beiden auch bei ihren Mechanikerkollegen viel Anerkennung einbringt. Stolz fährt Belca „seine Mädels“ bei der finalen Parade über den Strand von Essaouira. Die beiden Frauen tanzen unterdessen ausgelassen auf dem Dach des Vitos.
Zuhause angekommen zieht Vanessa Wagner ihr Fazit: „Mittendrin habe ich mir oft gedacht: einmal und nie wieder. Ständig dieser Druck und der permanente Schlafmangel. Doch jetzt, wo ich ein wenig Schlaf nachgeholt habe, könnte ich sofort wieder los. Irgendwie hab ich mich wohl mit dem Rallye-Virus infiziert. Wenn ich könnte, würde ich nächstes Jahr sofort wieder teilnehmen.“
