Der deutsche Mittelstand ist vielschichtig und hat gleich mehrere Wesen. Das wird vor allem beim Sparverhalten deutlich, wie eine neue Studie zeigt. Wissen Sie, wozu Sie gehören?

50 Jahre alt mit einem Haushaltseinkommen von 2.368 Euro im Monat. Das ist charakteristisch für die deutsche Mittelschicht. Rund 60 Prozent der Haushalte in Deutschland zählen dazu. Und das schon seit den 80er Jahren. Von einem Schrumpfen des Mittelstandes kann also keine Rede sein. Dabei machen Rentner und Pensionäre rund ein Drittel des Mittelstands aus.
Sparverhalten beeinflusst von Lebensstil
Das ist allerdings nur eine grobe Einteilung. Die deutsche Mittelschicht ist nämlich viel bunter. Das hat eine Studie des Handelsblatt Research Institute unter der Leitung von Bert Rürup herausgefunden.
Dafür wurden erstmals die verschiedenen Milieus der deutschen Mittelschicht analysiert und in fünf Gruppen aufgeteilt. Dabei reicht die Bandbreite von der Sicherheit liebenden Nachkriegsgeneration der Traditionellen bis hin zu den Hedonisten, die sich gegen alle Konventionen stellen.
Die Studie im Auftrag der Fondsgesellschaft Union Investment hat mehr über die einzelnen Milieus und ihren Umgang mit Geld herausgefunden. Sie zeigt, dass das Sparverhalten keineswegs mit dem Einkommen zu tun hat, sondern mit dem jeweiligen Umfeld und Lebensstil der einzelnen Milieus.
Haushalte mit ähnlich hohen Einkommen und ähnlichem Bildungsstand gehen ganz unterschiedlich mit ihrem Geld um. Während es manche für die Erben sparen, investieren es die anderen lieber in eine Urlaubsreise oder in ein neues Auto. Dann wiederum gibt es laut Studie auch Gruppen, die überhaupt nicht sparen. Wer zu welcher Gruppe gehört, hängt von Wertorientierungen und Lebenszielen, aber auch Alter und Umfeld ab.
Die einzelnen Milieus im Detail
Traditionelle Mitte
Die traditionelle Mitte ist laut Studie mit durchschnittlich 68 Jahren die größte der fünf Gruppen. Sie machen rund 15 Prozent der deutschen Bevölkerung aus und haben ein durchschnittliches Nettoeinkommen von 1.893 Euro.
Zur Traditionellen Mitte gehört vor allem die Nachkriegsgeneration, die viel Wert auf finanzielle Sicherheit legt. Darüber hinaus zählen laut Studienergebnissen das Kleinbürgertum sowie die Arbeiterkultur dazu.
Altersvorsorge steht bei dieser Gruppe nicht mehr im Fokus, da drei Viertel aller Befragten sich ausreichend abgesichert fühlen. Charakteristisch für die traditionelle Mitte ist auch, dass mehr als ein Drittel im Eigenheim wohnt und sichere Geldanlagen im Vordergrund stehen.
Die Bürgerlichen
Die bürgerliche Mitte kennzeichnet dagegen ein sehr stetiges und regelmäßiges Sparverhalten. Fast alle Sparformen sind verbreitet. Es werden überdurchschnittlich viele Kapitallebensversicherungen fällig und Bausparverträge frei. Damit stellt sich das Problem der Wiederanlage – bevorzugt in sichere Anlagen.
Die Sozialökologischen
Ähnliches gilt für die Haushalte des sozialökologischen Milieus, das durch besonders viele Akademiker und Beamte geprägt ist. Hier ist breit vorgesorgt und der Immobilienbesitz überdurchschnittlich hoch. Auffällig ist der relativ hohe Anteil an Fondsbesitz.
Die Adaptiv-pragmatischen
Die Haushalte des adaptiv-pragmatischen Milieus und der Hedonisten sind die jungen Milieus der Mittelschicht. Die Adaptiv-pragmatischen wollen ihre Kapitalanlagen optimiert wissen. Flexibilität ist Trumpf. Sie sind offen für Beratung und streben den Besitz von Immobilien an, die sie als Altersvorsorge sehen. Hinzu kommt ein überdurchschnittliches Interesse an Investmentfonds.

Die Hedonisten
Für die mehr spaßorientierten Hedonisten steht Wohlstandssicherung noch nicht im Fokus - Bildungssparen schon eher. Das Anlageverhalten ist wenig zielorientiert. Sie haben eine risikofreudigere Anlageneigung und interessieren sich für Börsendaten. Gemeinsam mit den Adaptiv-pragmatischen sind sie die potenziellen Aktiensparer von morgen.
Brücken zu Anlagen bauen
"Die Studie zeigt, dass in vielen Haushalten Anspruch und Wirklichkeit bei der Vermögensbildung auseinanderklaffen", erläutert Rürup. Jüngere Haushalte würden sich stärker für Wertpapiere wie Aktien interessieren als die konservativen, in einem traditionellen Milieu verhafteten Haushalte.
Hier komme es laut Rürup vor allem darauf an Brücken, zu den ertragreicheren Anlagen zu bauen. Die jüngeren Milieus der Adaptiv-pragmatischen und Hedonisten würden stärker werden und an Einfluss gewinnen. Man würde deshalb Sparprodukte benötigen, die die unterschiedlichen Lebenslagen und die zunehmend vielschichtiger werdenden Wertvorstellungen der Menschen berücksichtigen.
Für die Studie wurde auf Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) zurückgegriffen – einer jährlichen Befragung des Heidelberger Sinus-Instituts. Als Zugehörige der Mittelschicht wurden dabei Haushalte gewertet, die ein Nettoeinkommen zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Monatseinkommens vorweisen können. cle