Guy Selbherr, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Bürgschaftsbanken und Vorstand der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg, spricht im DHZ-Interview über die Gefahr billiger Kredite und den richtigen Finanzierungsmix.
Frank Muck
DHZ: Herr Selbherr, Kredite sind aufgrund des Zinsniveaus derzeit sehr billig zu haben. Als Gründer oder junger Unternehmer brauche ich das Geld doch praktisch nur von der Bank holen, oder?
Selbherr: Unternehmer sollten diese Gelegenheiten auf jeden Fall nutzen. Mit Förderdarlehen lassen sich derzeit – Bonität vorausgesetzt – Vorhaben für einen Zinssatz von unter 1,5 Prozent finanzieren. Allerdings ist die aktuell günstige Refinanzierung nur ein Teil der Kalkulation. Die Bonität eines Unternehmens sowie die Höhe der Besicherung wirken sich auf die Risikomarge der Hausbank aus und bestimmen zusätzlich den Zins.
DHZ: Das heißt, in den billigen Krediten liegt auch eine Gefahr?
Selbherr: Man sollte nicht nur auf Fremdkapital schielen, weil es gerade günstig ist. Die Wachstumsaussichten und die Stabilität des Unternehmens müssen immer berücksichtigt werden, denn die nächste Krise kommt bestimmt. Wenn die Umsätze zurückgehen, sollte ein Unternehmen in der Lage sein, Verluste aufzufangen.
DHZ: Welche alternativen Finanzierungswege empfehlen Sie?
Selbherr: Es gilt, was schon immer galt: Eigenkapital ist King. Unternehmen sollten das Eigenkapital stärken. Ideal ist, wenn es zu großen Teilen über Gewinne erwirtschaftet und nicht ausgeschüttet wird. Für wachstumsstarke Unternehmen, bei Gründungen oder auch bei Sprunginvestitionen ist das jedoch nicht immer möglich. Am besten eignen sich dann stille Beteiligungen der mittelständischen Beteiligungsgesellschaften, mit denen die Bürgschaftsbanken sehr eng zusammenarbeiten.
"Es gilt, was schon immer galt: Eigenkapital ist King."
DHZ: Welche Außenwirkung hat ein hoher Eigenkapitalanteil?
Selbherr: Eigenkapital wirkt sich positiv aufs Rating aus und ermöglicht bei der Hausbank weitere Finanzierungsspielräume – und lässt den Unternehmer ruhiger schlafen.
DHZ: Eignen sich Beteiligungen nicht eher für größere Firmen?
Selbherr: Stille Beteiligungen gibt es im Programm Mikromezzanine schon ab 10.000 Euro. Diese sind also nicht nur etwas für große Unternehmen. Im vergangenen Jahr konnten wir gerade im Handwerk in Baden-Württemberg mehr Unternehmer für diese Finanzierungsform gewinnen.
DHZ: Was ist insgesamt der beste Finanzierungsmix?
Selbherr: Firmen nutzen meist das ganze Spektrum der Finanzierungsmöglichkeiten: Leasing für Fahrzeuge oder Maschinen, Förderdarlehen sowie Mezzaninekapital. Ein sinnvoller Mix könnte aus Eigenkapitalkomponenten von mindestens 10 bis 20 Prozent bestehen, einem mezzaninen Baustein von rund 20 Prozent und einer Kombination aus lang- und mittelfristigen Förderdarlehen für 60 Prozent des Kapitalbedarfs.
DHZ: Die Finanzierung einer Unternehmensnachfolge ist eine besondere Situation. Der Ruheständler will eventuell Kapital aus dem Unternehmen ziehen, was dem Nachfolger fehlt. Wie geht man im Idealfall vor?
Selbherr: Wer sein Unternehmen verkaufen möchte und bis dato nicht so gut fürs Alter vorgesorgt hat, versucht möglicherweise mit einem hohen Verkaufspreis seine Rente aufzubessern. Der Nachfolger dagegen möchte möglichst wenig bezahlen. Wir sagen immer: Ein fairer Kaufpreis tut beiden weh. Weil aber die Verpflichtungen aus dem Kaufpreis den Nachfolger nicht zu sehr belasten dürfen – er muss direkt nach der Übergabe realistischerweise immer mit einem Rückgang des Geschäfts rechnen – ist ein Puffer sinnvoll.
"Ein Unternehmen sollte immer in der Lage sein, Verluste aufzufangen."
DHZ: Umsatzrückgänge schrecken potenzielle Käufer ab. Kann man diese Belastungen mindern.
Selbherr: Wir haben sehr gute Erfahrungen mit so genannten Earn-out-Optionen gemacht, bei denen ein Teil des Kaufpreises variabel gestaltet ist und von der Geschäftsentwicklung abhängt.
DHZ: Immer wieder sind Investitionen in neue Techniken nötig, um als Handwerker das Angebot ausweiten und anpassen zu können. Wo sehen Sie derzeit Investitionsbedarf?
Selbherr: Schwierige Frage, weil das Handwerk extrem unterschiedlich ist. Per se steht der Kunde mit seinen individuellen Wünschen im Vordergrund. Deswegen sind die Betriebe bei individuelleren Produkten und Leistungen schon sehr gut positioniert. Diese Stärke sollten die Betriebe durch eine stärkere Digitalisierung der Kundenbetreuung weiter ausbauen. Metzger und Bäcker etwa lösen so etwas mit einem Webshop, über den sie auch nach Ladenschluss noch verkaufen können, oder bieten Apps und Onlinekonfiguratoren an.
DHZ: Gibt es weitere Trends?
Selbherr: Ein weites Feld ist die Haustechnik und die Kommunikation der Geräte untereinander. Die Bedienung per Apps wird sich weiter durchsetzen. Betriebe werden auch zunehmend zu Energielieferanten. Anforderungen an eine effiziente Energieproduktion verstärken diese Entwicklung in Verbindung mit Energiecontracting.
Infos unter buergschaftsbank.de
Mezzanine-Finanzierung
Zu den Mezzanine-Finanzierungen werden Nachrangdarlehen, stille Beteiligungen sowie Genussscheine gezählt.
Nachrangdarlehen
Kapitalgeber eines Nachrangdarlehens werden im Fall einer Insolvenz des Unternehmens nachrangig bedient. Sie treten hinter die Forderungen aller übrigen Fremdkapitalgeber zurück. Aufgrund dieser Nachrangigkeit hat Kapital, das durch ein Nachrangdarlehen eingebracht wird, einen ähnlichen Charakter wie Eigenkapital. Der Vorteil: Die Bonität des Unternehmens wird verbessert und der Zugang zu weiterem Fremdkapital wird erleichtert. Für Existenzgründer und Unternehmen bietet der Bund aus dem ERP-Sondervermögen das "ERP-Kapital für Gründung" an.
Stille Beteiligung
Hierbei beteiligt sich der Kapitalgeber bzw. Investor als stiller Gesellschafter an einem Unternehmen, das heißt, er tritt nach außen hin nicht in Erscheinung. Er leistet eine Einlage in das Unternehmensvermögen und erhält im Gegenzug eine Gewinnbeteiligung. An einem Verlust nimmt der stille Gesellschafter maximal in Höhe der Einlage teil.
Genussscheine
Genussscheine laufen auf einen festen Nennbetrag und sind mit einem Zins- bzw. Gewinnanspruch verbunden. Die Inhaber haben keine gesellschaftsrechtlichen Mitwirkungsrechte, wie die Teilnahme an der Gesellschafterversammlung oder Stimmrechte.
