Der Fachkräftemangel ist nicht gleichmäßig verteilt. Zwar zeigt eine Analyse des Bundeswirtschaftsministeriums, dass vor allem Mitarbeiter mit abgeschlossener Berufsausbildung fehlen und nicht in erster Linie Akademiker. Doch einige Berufe haben weniger Bewerber als freie Stellen und andere schneiden besser ab.

Auf der Suche nach geeigneten Mitarbeitern haben es Betriebe aus einigen Branchen derzeit eindeutig schwerer als andere. Nicht mehr die Akademiker werden am dringendsten gesucht, sondern die Fachkräfte, die eine duale Ausbildung absolviert haben. Unter den Top-10-Engpassberufen, bei denen es mehr freie Stellen gibt als potenzielle Bewerber, befinden sich neun Berufsgattungen, zu denen Einzelberufe zählen, die eine Berufsausbildung voraussetzen.
Problematisch wird es zusätzlich, da man davon ausgehen kann, dass nicht jede freie Stelle auch mit jedem potenziellen Bewerber sofort besetzt wird. 100 freie Stellen mit 100 Arbeitslosen zu besetzen, klappt nur in der Theorie und zeigt, dass ein Engpass auch dann bestehen kann, wenn es noch ein wenig mehr Bewerber gibt als offene Stellen.
Hörgeräteakustik: Engpassberuf Nummer eins
Die Top 10 der Engpassberufe führen die Hörgeräteakustiker an. Hier kamen auf 100 gemeldete offene Stellen lediglich 34 Arbeitslose bzw. potenzielle Bewerber, die über die geforderten Qualifikationen verfügen (Stand März 2014). Auf Platz zwei folgte die Fachkraft für Kältetechnik mit 39 Arbeitslosen, auf Platz die Altenpflege mit 41. Das sind die zentralen Ergebnisse der Studie "Fachkräfteengpässe in Unternehmen", die das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung heute veröffentlicht hat.
Top 10 der Engpassberufe für Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung
- Hörgeräteakustik
- Kältetechnik
- Altenpflege
- Triebfahrzeugführung Eisenbahn
- Bauelektrik
- Mechatronik
- Brandschutz
- Sanitär, Heizung, Klimatechnik
- Elektrische Betriebstechnik
- Luftverkehrs-, Schiff-, Fahrzeugelektronik
Besonders problematisch sehen die Autoren der Studie die Entwicklung in den medizinisch-technischen Berufen – darunter auch Berufe aus dem Handwerk wie Augenoptiker, Zahntechniker und Orthopädietechniker – und in den sogenannten MINT-Berufen an wie die Bereiche Bauelektrik, Mechatronik oder elektrische Betriebstechnik. Unter allen Engpassberufen für Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung, die die Studie identifiziert hat, befanden sich 25 MINT-Berufe, davon vier unter den Top 10.
Um den Fachkräftemangel zu bekämpfen empfehlen die Autoren vor allem eines: selbst auszubilden. Doch auch das ist für die Betriebe einiger Engpassberufe nicht einfach, da die Bewerber auch hier fehlen. Im Handwerk sind bundesweit noch immer rund 30.000 Lehrstellen im neuen Ausbildungsjahr nicht besetzt.
Mehr Ausbildungsstellen
Einige Branchen haben aufgrund der Engpässe die Zahl der Ausbildungsstellen aufgestockt und versuchen mit gezielten Aktionen mehr Jugendliche für eine Ausbildung zu gewinnen. Es ist auch bereits ein leichter Trend zu spüren, dass sich Jugendliche mehr für die Engpassberufe begeistern lassen.
Die Studie des Wirtschaftsministeriums zeigt, dass die Unternehmen in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren ihr Ausbildungsangebot in Berufen mit Fachkräfteengpässen um knapp 22.000 Plätze erhöht haben. Zudem haben sich in 32 von 49 dual ausgebildeten Engpassberufen die Bewerberzahlen erhöht. Doch das genügt noch nicht.
Die Zahl der Bewerber um Ausbildungsplätze ist insgesamt um 0,8 Prozent gesunken. In den Engpassberufen war der Rückgang mit 2,6 Prozent etwas stärker. Dazu kommt eine ungleichmäßige Verteilung. So existieren Ausbildungsberufe, die einen Bewerberüberschuss aufwiesen. Dazu zählen beispielweise Berufe in der Fotografie oder der Tierpflege.
Fachkräfte im Ausland gewinnen
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel kommentierte die Ergebnisse optimistisch: "Die Studie belegt erstmals den Zusammenhang zwischen der angespannten Fachkräftesituation in einigen Berufen und dem Ausbildungsengagement der Wirtschaft." Den Weg der Ausrichtung auf Engpassberufe müssten die Unternehmen konsequent weiter verfolgen. Doch er sieht auch, dass es weiterhin an Beratung und Information über die Berufe bedarf.
Ein weiterer Weg der Fachkräftesicherung, den die Studie vorschlägt, ist die Gewinnung von ausländischen Fachkräften – sowohl Menschen mit Migrationshintergrund, die bereits in Deutschland leben, aber noch nicht in den Arbeitsmarkt integriert sind, als auch Fachkräfte aus dem Ausland. dhz