Altersrobuste Strukturen im Betrieb Ältere Mitarbeiter: Stärken richtig nutzen

Ältere Mitarbeiter sind unverzichtbar. Mit kleinen Veränderungen im Betrieb bleibt ihr Potenzial lange erhalten. Das zeigt das Modellprojekt "Der erfolgreiche Handwerks­betrieb".

Barbara Oberst

Das Be- und Entladen der Fahrzeuge von Dachdeckermeister Ulrich Kleinschumacher (links stehend) war immer eine große körperliche Belastung. Heute  hilft ein Gabelstapler, gefahren von Junior Christian Kleinschumacher, dem Team. - © Foto: privat

Morgens schnell alles zusammenpacken und dann nichts wie los zur Baustelle: Für viele Handwerker beginnt der Druck schon vor der eigentlichen Arbeit. Wenn dann noch Material fehlt, ist das für alle blanker Stress. So ging es auch Dachdeckermeister Ulrich Kleinschumacher und seinem Team. "Unsere Leute kamen abends heim von der Baustelle und sagten uns, dass etwas nachbestellt werden musste. Wie sollten wir das um 17 Uhr bis zum nächsten Tag beschaffen?", schildert die mitarbeitende Ehefrau Regina Kleinschumacher das Problem.

Dann beteiligte sich der Dachdeckerbetrieb aus Viersen am Niederrhein an einem Projekt der Innungskrankenkasse IKK classic und der Initiative "Neue Qualität der Arbeit". 39 Handwerksbetriebe wurden dabei genau unter die Lupe genommen: Erst interviewten die Teams den Betriebsinhaber, dann die Mitarbeiter. Sie analysierten die Arbeitsbedingungen, erarbeiteten mit allen Beteiligten in Workshops Lösungen, um im Betrieb neue Strukturen zu schaffen, und übten neue Verhaltensweisen ein.

Einfache Ideen, große Wirkung

Ziel des ganzen Projekts war, "altersrobuste Strukturen" zu schaffen. Schließlich gibt es im kleinen Handwerksbetrieb kaum Möglichkeiten, Mitarbeiter, die eine Aufgabe nicht mehr ausführen können, anderweitig einzusetzen. Folglich müssen die Arbeitsbedingungen so gestaltet werden, dass jeder möglichst lange fit bleibt.
Regina Kleinschumacher ist begeistert, wie gut die Angestellten beim Projekt mitgearbeitet haben: "Unsere Leute hatten selber die Idee, dass wir in unser Lager Kärtchen stecken. Immer, wenn einer das letzte Teil aus dem Fach genommen hat, bringt er mir das Kärtchen. Dann können wir das Material gleich nachbestellen“, beschreibt sie eine der Maßnahmen. Mit minimalem Aufwand hat der 12-Mann-Betrieb einen wichtigen Stressfaktor beseitigt.

Ähnlich starke Wirkung zeigte die Rückenschule, die die Mitarbeiter des Dachdeckerbetriebs absolvierten. "Wir haben eindeutig weniger Krankmeldungen wegen Rückenschmerzen seither", beobachtet Kleinschumacher. "Unsere Leute haben ganz viele Tipps behalten, wie sie ihren Körper schonen können. Außerdem haben wir einen Gabelstapler gekauft, um die Belastung beim Be- und Entladen der Fahrzeuge zu verringern", berichtet sie. Rücken- und gelenkschonendes Arbeiten sind eine der Hauptsäulen, um die Arbeitskraft lange zu erhalten.

Mentale Belastungen senken

Wichtig ist aber auch die Psyche. Zwar führen Muskel- und Skeletterkrankungen weiterhin die Liste der häufigsten Ursachen für Arbeitsausfälle im Handwerk an. Doch registrieren die Krankenkassen einen deutlichen Anstieg psychischer Diagnosen. Schon in den Vorstufen einer solchen Erkrankung sinkt die Arbeitsfähigkeit deutlich, gerade bei Älteren. Anspannung führt bei ihnen nicht nur auf mentaler, sondern auch auf körperlicher Ebene zu geringeren Leistungen. Es besteht sogar der Verdacht, dass chronischer Stress Demenz fördert.

Dabei ist Stressreduktion kein Hexenwerk. Kleine Änderungen in den Arbeitsabläufen, wie in der Dachdeckerei Kleinschumacher, haben große Effekte. Regina Kleinschumacher lacht, wenn sie sich daran erinnert: "Vorher haben unsere Leute das Stressbewältigungsseminar belächelt und gefragt, was sie bei dem Quatsch denn lernen sollen. Und dann hat der Trainer sie so in seinen Bann genommen, dass es uns richtig viel gebracht hat."

Wie Handwerksbetriebe effektiv Stress reduzieren können und die Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten erleichtern, steht in der Projektbroschüre "Der erfolgreiche Handwerks­betrieb", die unter inqa.de im Bereich "Publikationen" kostenlos herunterzuladen ist.