Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon ärgert die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Der Dumme sei der Sparer. Doch eine solide Sparkultur ist notwendig.
Karin Birk

DHZ : Herr Fahrenschon, die Europäische Zentralbank hat den Leitzins auf ein historisches Niedrigniveau gesenkt. Erstmals gibt es sogar negative Zinsen. Was heißt das für die Sparer?
Fahrenschon: Wir haben die große Sorge, dass dieser Kurs der Europäischen Zentralbank die Sparerinnen und Sparer weiter verunsichert. Eine solide Sparkultur ist aber notwendig, denn der Einzelne ist zum Beispiel bei der Altersvorsorge immer stärker selbst gefragt. Die Entscheidung der EZB trägt dazu bei, dass Vermögenswerte zerstört werden. Das geht gegen die Interessen von Millionen von Sparerinnen und Sparern in Deutschland und in Europa.
DHZ : Lohnt es sich da überhaupt noch, für das Alter zu sparen, zum Beispiel mit Lebensversicherungen?
Fahrenschon: Die Niedrigzinsphase ändert nichts daran, dass jeder Bürger ein finanzielles Polster haben sollte. Und jeder Einzelne ist bei der Altersvorsorge immer stärker selbst gefordert. Deswegen brauchen wir auch weiterhin eine solide Sparkultur, auch wenn das Ersparte nicht mehr so schön anwächst wie bislang. Die beliebtesten Produkte zur Altersvorsorge sind nach wie vor die Lebens- und Rentenversicherung, die eigenen vier Wände und Spareinlagen. Wir sehen nicht, dass sich daran etwas ändern wird.
DHZ : Können sich wenigstens die Kreditnehmer freuen?
Fahrenschon: Diejenigen, die einen Kredit neu aufnehmen, profitieren klar von dem historisch niedrigen Zinsniveau. Wir warnen aber davor, die Entscheidung für den Erwerb einer Immobilie allein vom niedrigen Zinsniveau abhängig zu machen. Der Kauf muss insgesamt passen. Man sollte auch an die Zeit nach Ablauf der Zinsbindung denken. Wenn in fünf oder zehn Jahren die Anschlussfinanzierung ansteht, kann das Zinsniveau ganz anders sein.
DHZ : Wird die Leitzinssenkung die Kreditvergabe nach Südeuropa wie erhofft ankurbeln?
Fahrenschon: Die bisherigen Leitzinssenkungen haben nicht diesen Effekt gehabt und man kann davon ausgehen, dass allein die neue Zinssenkung ebenfalls die Verstopfung nicht lösen wird. Häufig fehlen in den krisengebeutelten Euro-Staaten lokal verankerte Geldhäuser wie Sparkassen, die die Kreditversorgung aufrechterhalten. Solche strukturellen Probleme zu lösen, ist jedoch Aufgabe der nationalen Regierungen und nicht der EZB.
DHZ : Sehen Sie die Gefahr einer Blasenbildung an den Märkten für Immobilien und Aktien?
Fahrenschon: Die Zentralbank erzeugt zunehmend gefährliche Nebenwirkungen. Das überreichliche Geld quillt schon jetzt aus allen Ritzen und sucht sich immer riskantere Anlagemöglichkeiten. Am deutschen Immobilienmarkt gibt es ganz punktuelle Überhitzungen, aber keine Immobilienblase. Wir sehen allerdings einen anderen Effekt sehr kritisch. Denn dauerhaft niedrige Zinsen belasten zunehmend das Geschäft der realwirtschaftlich orientierten und stabilen Kreditinstitute. Die daraus entstehenden Gefahren muss die Zentralbank stärker berücksichtigen.
DHZ : Wie lange wird die Europäische Zentralbank das Gaspedal noch durchdrücken und diese Politik beibehalten? Wann kommt es zu einer Gegenreaktion?
Fahrenschon: EZB-Präsident Mario Draghi hat angekündigt, die Schleusen noch eine ganze Weile weit offen zu lassen. Wir hätten uns gewünscht, dass er einen Ausstieg aus der Niedrigzinsphase skizziert. Denn je länger es die Droge des billigen Kredites gibt, desto schwieriger wird der Entzug. Wir brauchen demnach eine wohl überlegte und behutsam durchgeführte Zinswende.