Osterwieck in Sachsen-Anhalt Ein Ausflug in die Geschichte

Die "Perle von Sachsen-Anhalt": Osterwieck ist eine kleine Stadt im Harz mit langer Geschichte. Rund 400 denkmalgeschützte Fachwerkhäuser machen einen Rundgang im Ort zu einem Ausflug in die Geschichte.

Rocco Thiede

Osterwieck bot auch die Kulisse für den Kinofilm "Goethe". - © Foto: Rocco Thiede

"Wer kennt das Kfz-Kennzeichen HZ?", fragt der Vater seine Kinder beim Wochenendausflug. "HZ? Nie gehört!", sagt der 14-jährige Sohn, der sich eigentlich mit Kfz-Kennzeichnen ganz gut auskennt. "HZ ­– steht für Landkreis Harz im Bundesland Sachsen-Anhalt", sagt die jüngere Schwester, die schnell in ihrem Smartphone die Abkürzung eingegeben hat. Die Familie ist unterwegs nach Osterwieck, einer geschichtsträchtigen Stadt zwischen Goslar und Halberstadt an der Bundesstraße B 82 gelegen.

Osterwieck mit seiner über 1.000-jährigen Geschichte ist heute eine kleine Stadt mit 20 Ortschaften und Ortsteilen. Knapp 12.000 Menschen leben hier. "Osterwieck ist", so betont es ein heimatverbundener Bürger, "ein Muss für jeden, der an Fachwerkbaukunst interessiert ist, weil hier bei uns alle Stilrichtungen der regionalen Fachwerkbaukunst – von der Gotik über Renaissance, dem Barock bis hin zum Klassizismus – erhalten sind."

Stadt brannte nie völlig ab

Und tatsächlich gehört das in seiner Geschlossenheit einzigartige Fachwerk-Ensemble zu den wertvollsten in den neuen Bundesländern. "Unsere Stadt darf sich dafür mit dem inoffiziellen Titel der 'Perle von Sachsen-Anhalt' schmücken", sagt der nette ältere Herr.

Erstmals erwähnt wurde das einstige Seligenstadt, dann "gemeiniglich Asterwiek" genannte Örtchen, als Karl der Große anno 780 gegen die heidnischen Sachsen die Oker überschritt. In "Salingenstede" soll Karl eine Holzkirche gegründet haben. Der heutige Name Osterwieck taucht erstmals 1073 auf. Obwohl über die Stadt auch immer wieder Feuersbrünste gingen, brannte sie nie völlig ab. Das macht den Bestand der heute denkmalgeschützten 400  Fachwerkhäuser so interessant.

Die Inschriften an den Häusern sind kultur- und religionshistorische Zeugnisse. "Got beware dis Haus", "Allein Gottes Wort ewig bsteht" oder "An Gottes Segen ist alleß gelegn" ist an Giebeln, über Türen oder unter Dachfirsten zu lesen.

Teil der Fachwerkstraße

Der teils 500 Jahre alte Fachwerkstil mit seinen Flechtbändern, Schiffskehlen, Sprüchen, unentwirrbaren Zauberknoten, Runen oder Lebensbäumen ist Beleg für eine Tradition, die Osterwieck neben Wernigerode, Celle, Quedlinburg und Goslar zum gleichberechtigten Teil der Deutschen Fachwerkstraße werden lässt.

Unbedingt sehenswert ist die Kirche St. Stephani sowie das Heimatmuseum. Ein Gang durch die Altstadt kann aber auch zum spannenden Ausflug in die jüngere Vergangenheit des 20. Jahrhunderts werden: Originale Schilder aus dem Jugendstil und Art déco wie "Conditorei" oder "Bäckerei" verweisen auf einst lebendige Handwerkszünfte. Aber: Viele Geschäfte sind verwaist. Auch andere Fachwerkhäuser stehen leer.

Hoffen auf Touristen

Wirtschaftlich ist das nördliche Harzvorland eher eine schwache Region. Im 18. und 19. Jahrhundert spielte die Handschuhindustrie hier eine große Rolle. Nach dem Mauerfall schlossen viele Betriebe, so dass heute die Hoffnungen auf dem Fremdenverkehr ruhen. Und auf regenerative Energiegewinnung, wie der nahe Windpark vor den Stadttoren unübersehbar vor Augen führt.