Hinter dem Trend zum "Craft Beer" stecken experimentierfreudige, handwerklich engagierte und kreative Brauer. Doch nicht alles muss einem deswegen auf Anhieb schmecken.
Burkhard Riering
Wir sind in Berlin auf ein Bier verabredet. Doch dort, wo wir einkehren, wird das Bier nicht getrunken, es wird degustiert. Was hier im Glas schäumt, ist nicht das Produkt eines Braukonzerns, sondern ein Bier ganz von Hand gemacht. Ein "Craft"-Bier. Nur handwerklich hergestellte Tropfen gehen hier über den Tresen. Folgerichtig heißt das Lokal "Das Meisterstück".
Bier mit Koriander – Prost
Die Liste der Biere im "Meisterstück" ist lang – und etwas gewöhnungsbedürftig. "Craft"-Biere sind ein bisschen exzentrisch. Wir sollen unbedingt das "Colonia" testen, ein obergäriges Bitterbier "mit cremiger Textur mit Zitrus und Ananasaromen". Oder warum nicht einmal das "Nora" probieren, meint der Kellner, ein Gewürzbier "mit Honig-Aroma gefolgt von einem würzigen Geschmack nach Koriander und Nelken"? Das Bier wird auch nicht als "Halbe" serviert, sondern im wohlgeformten 0,2-Liter-Glas, im Degustationsglas, um es wie einen guten Wein zu genießen.
Getrunken wird es vorn hinter dem Gaumen – und nicht etwa heruntergestürzt. So jedenfalls erklärt es uns Frank Waldecker. Der Gastronom hatte die Idee zu dem Lokal, er ist Bierkulturmensch durch und durch. "Es gibt weltweit einen Trend zum ,Craft-Beer‘, etwa in den USA oder in Belgien. Die Branche ist höchst kreativ und handwerklich bravourös", sagt der Bayer. In den vergangenen zwei Jahren flog Waldecker durch die Welt und schaute sich in der "Craft-Beer"-Szene um, bevor er das "Meisterstück" aufmachte.
Liebe zum Bier und Handwerk
Wie definiert man "Craft Beer"? Eine Erklärung: "Während eine große industrielle Brauerei Biere mit dem Ziel braut, eine möglichst große Konsumentenschicht zu erreichen, verfolgt eine Handwerksbrauerei das Ziel, möglichst aromatisches Bier zu brauen. 'Craft Brewing' ist mehr eine geistige Grundhaltung, die die Liebe zum Bier und seinen Rohstoffen beinhaltet, als ein technisch zu definierender Begriff", meint Autor Robert Pazurek von Bier-Index.de.
In Deutschland ist der Trend zum handwerklichen Bier ohnehin nicht aufzuhalten – hier kommt das Bier schließlich her. Allerdings sind die Biere hier weniger exzentrisch und traditioneller. "Wir deutschen Brauer verstehen unter dem angelsächsischen Ausdruck 'Craft Beer' eine Braukunst, die seit jeher in unserer stark mittelständisch und handwerklich geprägten Branche gepflegt wird", betont Peter Hahn, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes.
In Deutschland würden immer mehr Brauereien den Gedanken wieder aufgreifen und solche Spezialitäten für die verwöhnten Bierfreunde anbieten. Dadurch bereichern die deutschen Brauereien laut Hahn nicht nur den ohnehin schon großen Biermarkt mit rund 5.000 verschiedenen Marken. Sie steigern zugleich das Image des Biers und das der ganzen Branche.
Trend zum "Handwerksbier"
Der Trend ist auch ein Gegentrend zu der immer stärkeren Konzentration durch globale Großkonzerne. "Just Craft. Real Taste" ("Einfach Handwerk. Echter Geschmack") – so wirbt neuerdings die Ratsherrn Brauerei in Hamburg. Direkt neben der Braumanufaktur steht die "Craft Beer Tavern". Der Begriff "Craft Beer" – "Craft" heißt Handwerk – ist allerdings wenig geläufig hierzulande. Manche versuchen es mit "Gourmet-Bier", andere mit "Jahrgangsbier", häufig ist einfach von "Bierspezialitäten" die Rede. Alles nicht wirklich befriedigend. Wir plädieren schlicht und einfach für "Handwerksbier".