Allergien sind auf dem Vormarsch. Oft zwingen sie Betroffene, bewusster zu leben und zu arbeiten. Bäckermeister Jochen Baier erzählt, wie er gelernt hat, mit seiner Berufsallergie umzugehen und wie seine Bäckerei gestärkt daraus hervorging.
Barbara Oberst

Der Zusammenbruch kam 1998. Jochen Baier, damals 25 Jahre alt, hatte nicht nur seine Konditor-, sondern auch seine Bäckerausbildung als bester seines Jahrgangs absolviert und gerade den Wettbewerb zum Konditor des Jahres gewonnen. "Damals ging es unserem Betrieb schlecht. Meine Eltern arbeiteten hart, aber sie haben kein Geld mehr verdient. Und ausgerechnet in der Phase ging der große Ofen kaputt", berichtet Baier. Nur, weil der Vater mit seinem Altersvermögen bürgte, finanzierte seine Bank in Herrenberg die Modernisierung. 600.000 Mark Kredit lasteten auf dem Sohn.
Stress verschlimmert die Krankheit
Schon während seiner Ausbildung hatte Baier ein atopisches Ekzem, Neurodermitis genannt, entwickelt – eine allergische Hautkrankheit, die laufend im Körper schwelte. Dem Druck des krisengeschüttelten Jahres hielt Baier nicht Stand. Zur Neurodermitis kam Bäcker-Asthma und ein körperlicher Zusammenbruch. Der Fall ist typisch. Zwar löst ein von außen kommender Stoff die Allergie aus – in Baiers Fall in erster Linie Mehlstaub, doch Stress verschlimmert die Krankheit. Die im Alltag häufigsten Auslöser sind Pollen, Tierhaare, Hausstaubmilbenkot, bestimmte Lebensmittel oder auch Stoffe wie Latex.
Warum immer mehr Menschen Allergien entwickeln, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Neben den Erbanlagen gelten Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung als Gründe, außerdem auch veränderte Ernährungsgewohnheiten und übertriebene Hygiene. Menschen, die wie Baier Bäcker-Asthma entwickeln, haben meist eine erbliche Anlage.
Seite 2: Warum Baier nicht aufhören wollte und wie er die Krise in den Griff bekam.
Die Fallzahlen sind hoch: "Jedes Jahr werden uns 700 Verdachtsfälle von allergischem Asthma bronchiale, dem Bäckerasthma, gemeldet. 500 davon bestätigen sich", berichtet Claus Hölzel, Facharzt für Arbeitsmedizin, Notfallmedizin und Umweltmedizin bei der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN) in Mannheim. Damit ist das Bäcker-Asthma die häufigste durch einen Beruf ausgelöste allergische Asthmaerkrankung in Deutschland.
"Ich konnte und wollte nicht aufhören."
In schweren Fällen rät die Berufsgenossenschaft zur Umschulung. "Aber wir haben jedes Jahr 80 bis 100 Bäcker, die trotzdem weitermachen wollen", beobachtet Hölzel. Zu ihnen gehört Jochen Baier: "Wir hatten den Kaufvertrag für den neuen Ofen unterschrieben, wir hatten Mitarbeiter, die ich nicht auf die Straße setzen wollte. Ich konnte und wollte nicht aufhören."
Also nahm Baier am Präventionsprogramm der BGN teil. Maßnahmen im Betrieb, um Mehlstaub zu reduzieren, medizinische Unterstützung, Atemschulungen, aber auch psychologische Schulungen zur Stressreduktion gehörten dazu. "Alles umzusetzen war ein riesiger Aufwand. Hätte ich nicht noch einen Mitarbeiter gehabt, der ebenfalls Asthmatiker ist und mich unterstützte, hätte ich das wohl nicht geschafft", so Baier.
Seite 3: Jochen Baier krempelt den Betrieb um.
Die Kunden danken es ihm
Am schwierigsten waren nicht die teuren technischen Maßnahmen, sondern das Ändern der Arbeitsgewohnheiten. Rückblickend hat ihn die Zeit vorangebracht. Baier überprüfte alle Prozesse, setzte sich intensiv mit den Rohstoffen und ihrer Verarbeitung auseinander und stellte auf biologische Demeter-Mehle und alte Sorten um, die ihm ein Bauernhof aus der Region liefert.
Die Kunden danken es ihm. Bäcker Baier ist eine feste Marke in Herrenberg, der 10-Mann-Betrieb von vor 15 Jahren ist heute ein gesundes 70-Mann-Unternehmen. "Für mich war die Krise eine Chance", sagt der Chef.
Weitere Informationen unter baecker-baier.de , bgbau.de , bgn.de , bghm.de , dguv.de
Berufsallergien
Von Berufsallergien im Handwerk sind vor allem Bäcker und Konditoren, Bauarbeiter, Maler und Lackierer, Drucker, Friseure, Metallarbeiter, Schreiner und Gebäudereiniger betroffen. Die Allergien entstehen durch Einatmen oder Hautkontakt. In den Baugewerken waren Allergene früher vor allem Chromverbindungen, die die "Maurerkrätze" verursachten. Seit 2005 dürfen in Europa nur noch chromatarme Zemente verwendet werden, die Krankheit geht seither zurück. Heute führen Epoxidharze die Liste der Auslöser an. Aber auch beim Umgang mit Montageschäumen oder Klebstoffen können Allergien entstehen. Metallhandwerker sind vor allem durch Lösemittel und Kühlschmierstoffe gefährdet. Gebäudereiniger sind neben allergieauslösenden Mitteln auch durch Feuchtarbeit für Hautkrankheiten anfällig. Ähnlich geht es Friseuren. Nicht alle Hauterkrankungen sind eine Allergie. Häufig reagiert die Haut auf mechanische Beanspruchung. Auch Atemwegerkrankungen werden nicht alle durch Allergene ausgelöst, sondern auch durch Stäube, die die Lungen schädigen. Maßnahmen wie Handschuhe, Atemschutz und ein sorgfältiger Umgang helfen, eine Sensibilisierung zu vermeiden. Ist der Körper erst sensibilisiert, wird er bei jedem weiteren Kontakt reagieren. Einmal ausgelöste Allergien lassen sich nicht mehr rückgängig machen.