Er war Schlosser, Industriepionier und Unternehmer: Friedrich Voith hat aus einer Werkstatt in Heidenheim ein Weltunternehmen aufgebaut. Am 17. Mai 2013 jährt sich sein Todestag zum hundertsten Mal. Zeit für ein Porträt.
Friedrich Voith hat die Zeichen seiner Zeit früh erkannt. Der Handwerker war noch jung, es waren die 1860-er Jahre, da blickte er weit in die Zukunft: Die Menschen werden mit zunehmender Verwaltung und Bildung immer mehr Papier brauchen. Und die Wirtschaft wird in der Industrialisierung immer mehr Energie brauchen.
Diese Erkenntnisse des Firmengründers Friedrich Voith sind anderthalb Jahrhunderte her. Doch die Megatrends von gestern sind noch heute aktuell: Auch im 21. Jahrhundert setzt die Heidenheimer Voith GmbH auf die Märkte Energie, Öl und Gas, Papier, Rohstoffe sowie Transport und Automotive. Schon zu Lebzeiten des Gründers wuchs seine kleine mechanische Werkstatt zu einer weltweit tätigen Firma heran. Am 17. Mai 2013 jährt sich sein Todestag zum hundertsten Mal.
Ein Stammhalter für die Schlosserei
Der kleine Friedrich wird 1840 in der Schleifmühle des Vaters Johann Matthäus Voith in Heidenheim an der Brenz geboren. Die Voiths sind eine alteingesessene Bürgerfamilie. Fast alle männlichen Vorfahren waren Schlosser.
Heidenheim ist Mitte des 19. Jahrhunderts Ort einer erblühenden Industrie. In der Nachbarschaft des Schlossermeisters Voith entsteht eine Fabrik nach der anderen. Hier eine Weberei, da eine Spinnerei, in der nächsten Straße eröffnet eine Bleicherei. Alles Betriebe, deren Maschinen auch mal kaputtgehen – und Johann Matthäus Voith repariert sie.
Friedrich Voith ist die Hoffnung des Vaters. Dieser hat endlich einen Erben und Stammhalter. Nach Volksschule und „vereinigter Latein- und Realschule“ nimmt ihn der Vater persönlich unter seine Fittiche. Er unterzieht ihn einer zweijährigen gestrengen Lehre in seiner Werkstatt.
Mit 15 Jahren ist der Zögling fertig ausgebildet und bereit fürs Studium. Das Polytechnikum in Stuttgart ruft. Auf dem Campus und vor allem danach geht es lustig zu. Friedrich wird Mitglied in der Verbindung der „Stauffia“ (Wahlspruch: „Licht – Luft – Wahrheit“). Bierselig schwören sich die jungen Männer in Zeiten von Kaiser und König „Ehrenhaftigkeit und Geselligkeit“ auf immer und ewig. Voith schließt viele Freundschaften.
Der junge Voith will mehr
Nach vier Jahren Studium ist er nun Ingenieur. Voith geht zurück nach Heidenheim und beginnt im technischen Büro der Papierfabrik Heinrich Völter. 1863 wechselt er nach Kassel und beginnt als Ingenieur in der Firma Henschel & Sohn. Es wird aber ein kurzes Gastspiel: Im Herbst 1864 erhält er die Nachricht, die Völtersche Papierfabrik sei abgebrannt, er muss zurück.
Der Vater erwartet Friedrich dringlich. Denn der Wiederaufbau der Papierfabrik bedeutet viele Aufträge für Voith. Es ist eine Gelegenheit für den jungen Voith, als Juniorchef in spe auch im eigenen Betrieb Hand anzulegen und die Arbeitsabläufe zu verbessern.
Eine historische Stunde schlägt im Jahr 1867. Der Vater reicht seine Schlosserei mit nunmehr 30 Mitarbeitern offiziell an den Sohn weiter. Es ist die Geburtsstunde des heutigen Voith-Konzerns.
Die ersten Papiermaschinen
Voith baut die einstige Schlosserei zu einer Maschinenfabrik um. Auf eigene Rechnung entwickelt Voith Holzschleifer. Der nächste Schritt vom Holzschleifer zur Papiermaschine ist für Voith naheliegend. Mehr und mehr schwebt ihm eine komplette Maschine zur Herstellung von Papier vor. 1881 liefert Voith die erste Papiermaschine an die Papierfabrik Bezner & Co in Gemmrigheim aus.
Die Erfindung bringt Friedrich Voith Aufträge rund um den Erdball. Von morgens um fünf bis abends um acht Uhr wird bei Voith gearbeitet, um die Auftragsbücher abzuarbeiten. Das bebaute Gelände der Firma wird immer größer, die Mitarbeiterzahl steigt stetig.
Wasserturbinen in aller Welt
Friedrich Voith hat sich aber schon längst ein weiteres Wachstumsfeld ausgeguckt: Wasserturbinen. Die Entwicklung dieses Geschäftsbereichs läuft parallel. 1870 baut er die Turbine Nr. 1, eine 100 PS starke Jonval, für einen Herrn Greifenhagen in Schröbersdorf. Die Turbinenbestellungen häufen sich fortan, Voith muss sein Werk für diese Sparte gleich mehrmals in den Anfangsjahren erweitern.
Einen Durchbruch auf diesem Gebiet erreicht Voith mit der berühmten Francis-Turbine. Die erste Voithsche Francis-Turbine geht an die Weberei Ploucquet in Heidenheim, es ist die siebte Turbine von Voith überhaupt. Heute steht die Turbine im Deutschen Museum in München.
„Der Fritz kommt!“
Friedrich Voith ist ein penibler Chef. Seinen Schreibtisch räumt er jeden Abend blitzblank auf, täglich wird Kassensturz gemacht. Unordnung und Bummelei kann der Herr Kommerzienrat gar nicht leiden.
Der Kontrolleur Voith geht oft persönlich durch die Werke, jederzeit kann er irgendwo unerwartet auftauchen. Deshalb steht ab und an einer der Arbeiter Schmiere, der im Notfall warnt: „Der Fritz kommt!“
Friedrich Voith ist auch in sozialen Belangen Pionier: Das Unternehmen ist eines der ersten in Deutschland, das eine eigene Krankenversicherung einführt. Mit der Pensionskasse sichert er die Zukunft seiner Arbeiter und Angestellten ab.
Lustige Feierabende
Immer wieder gibt es Anlässe zum Feiern im Werk. Die Ingenieure und Arbeiter haben ihre Vereine und Stammtische, jedes Jahr wird groß die Kirchweihjagd zelebriert.
Voith ist wahrlich nicht nur Unternehmer. Er liebt die Ausflüge mit der Familie, mit Verwandten und Freunden. Wenn sonntagmorgens der Kutscher im Livree den Pferdewagen startklar macht, die Frauen das Proviant verstauen, die Kinder aufgeregt toben, die Männer über der Landkarte fachsimpeln, ist er am glücklichsten. Es geht über die Alb, nach Bayerisch-Schwaben und ins Oberschwäbische hinein.
Hochzeit mit der Pfarrerstochter
Friedrich Voith hat gleich nach der Übernahme der Firma geheiratet. Adelheid Hartmann heißt die Erwählte und kommt aus bestem Heidenheimer Hause. Doch sie stirbt nur ein Jahr nach der Hochzeit samt dem Neugeborenen.
Später vermählt sich Friedrich erneut. Helene geborene Crusius entstammt einem ehrwürdigen sächsischen Pfarrhause. Die Pastorentochter ist bescheiden, häuslich, liebenswürdig, gelehrt. Helene ist darüber hinaus die Schwester der zweiten Frau des Unternehmers Albert Niethammer, mit dem Voith seit geraumer Zeit geschäftlich verbunden ist.
Es wird eine glückliche Ehe. Helene schenkt ihrem Mann drei gesunde Söhne und drei Töchter. Walther (1874 – 1947), Hermann (1878 – 1942) und Hanns (1885 – 1971) werden sich einmal um das Unternehmen kümmern; 1912, kurz vor Voiths Tod, steigen sie als Mitinhaber in das Unternehmen ein.
Abenteuer mit Freund Gottlieb
Ein guter Freund wird ihm Gottlieb Daimler. Manche kleine Anekdote zwischen Gottlieb Daimler und Friedrich Voith schildert Sohn Hanns in seinen Lebenserinnerungen „Im Gang der Zeiten“:
Eines Tages kommt Gottlieb Daimler mit der „Victoria“ bei den Voiths vorbei, einem vierrädrigen Modell, das er 1897 fertig gestellt und das später als erstes motorenbetriebenes Taxi weltberühmt werden wird. Daimler holt Friedrich Voith, Sohn Hanns und einen Monteur ab. Es soll ins zehn Kilometer entfernte „Rößle“ gehen. Der Rest der Familie fährt mit dem Pferdewagen. Doch schon nach drei Kilometern, im nächsten Dorf, gibt das Auto den Geist auf. Die Dorfbevölkerung spottet und lacht, und der ohnehin argwöhnische Voith fühlt sich bestätigt in seiner Skepsis gegenüber diesem komischen Gefährt.
Am Ende doch ein Auto
Es ist also kein Wunder, dass der Perfektionist Friedrich Voith bei derartigen Motor-Pleiten lieber dem Wagen mit Pferd treu bleibt. Bis 1908. Da, eines schönen Tages, fahren die Voith-Söhne Hermann und Hanns mit einem 40-PS-Mercedes nach Lindau und besuchen den Vater. Der Chauffeur wird noch schnell freundlich vorgestellt, und schon geht es los auf eine erste Spritztour auf den von Voith geliebten Heiligenberg. Die Fahrt verläuft reibungslos. Von diesem Tag an besteigt Friedrich Voith bis zu seinem Tod keine Eisenbahn mehr..
Hochphase der Produktivität
Schwäbische PioniereGesamtwirtschaftlich sind es Hochzeiten. Voith lebt immer mehr vom Export, im Ausland spielt die Musik. Friedrich Voith ist das Auslandsgeschäft schon immer wichtig gewesen. So wichtig, dass er sich einmal sogar zu einer wahren Weltreise aufmacht: 1893 fährt der Unternehmer zur Weltausstellung nach Chicago – völlig unüblich zu damaligen Zeiten. Vor dem Start der Schiffsreise versammelt er die Prokuristen der Firma und den Notar in seinem Zimmer, um feierlich bei Kerzenschein sein Testament zu unterzeichnen. Er wird heil wieder zurückkommen.
Auch in Voiths letzten Jahren treibt der Unternehmer seine Firma immer weiter voran. Seine Strategie ist die stete Verbesserung seiner Maschinen. Zum Zeitpunkt von Voiths Tod hat das Unternehmen 3000 Mitarbeiter und zählt längst zu den größten Firmen Württembergs. Friedrich Voith, Ehrenbürger der Stadt Heidenheim, Unternehmer, Arbeitgeber, Familienmensch, stirbt an einem Samstag, den 17. Mai 1913.
Voith heute
Das Unternehmen Voith handelt heute immer noch im Sinne Friedrichs Voiths. Die Firma befindet sich auch nach fast 150 Jahren im Familienbesitz. Aus dem Maschinenbetrieb Voith ist ein weltumspannender moderner Konzern geworden.
Der Text ist gekürzt dem Porträt-Buch "Schwäbische Pioniere. Von der Werkstatt zum Weltunternehmen" von Burkhard Riering entnommen.

