Friedrichstadt-Palast Berlin Handwerk im Theaterfieber

Wenn auf der größten Theaterbühne der Welt die Lichter angehen und die Show beginnt, werden auch hinter den Kulissen Höchstleistungen erbracht. Da heißt es "ab in die Maske", noch schnell wird ein Schuh repariert und die Techniker bereiten das nächste Bühnenbild vor. Der Friedrichstadt-Palast Berlin steht für große Revue und Glamour pur. Vieles daran ist Handwerksarbeit.

Jana Tashina Wörrle

Antje Potthast leitet die Maske und kümmert sich bei den Shows im Friedrichstadt-Palast um das Make-up und die Perücken der Solisten. - © Jana Tashina Wörrle
Schuhmachermeisterin Ines Günter kümmert sich um die Schuhe der Darsteller im Friedrichstadtpalast Berlin. Frauen sind in der Branche im Kommen. Gegenwärtig sind ein Drittel aller Lehrlinge weiblich. - © Jana Tashina Wörrle
Friedrichstadt-Palast

Wenn Ines Günter ins Theater geht, gilt ihr größtes Interesse einem ganz besonderen Detail. Ihr fachmännischer Blick wandert sofort in Richtung der Schuhe. "Ich kann das nicht lenken", sagt die 45-Jährige und zuckt mit den Schultern – "gelernt ist eben gelernt". Seit 2003 leitet die Handwerksmeisterin die Schuhmacherei im Friedrichstadt-Palast in Berlin und kümmerst sich hier um alles, was die über 100 Tänzer, Sänger und Akrobaten an den Füßen tragen. Bis zu zehn Paar Schuhe sind es pro Person.

Mit Absatz und ohne, mit Riemchen, Lackbeschichtung oder gar aus Gummi –es gibt kaum eine Art von Schuh die Ines Günter nicht kennt, nicht reparieren oder so verändern kann, dass sie perfekt zum Kostüm passt. Schon vor 2003 war sie im Ensemble des Friedrichstadt-Palastes, 1985 begann sie hier als Schuhmacherin.

Als nach der Wende die großen Umstrukturierungen begannen und der Großteil der 800 Beschäftigten des staatlichen Theaters ihre Stellen verloren, versuchte es Ines Günter zwischen 1992 und 1994 mit einem eigenen Betrieb. Doch dann zog es die Schuhmachermeisterin zurück an die Showbühne und die künstlerische Arbeit hinter den Kulissen.  Die Arbeiten in der Theater-Schuhmacherei  erledigt sie seitdem alleine.

"Tanzschuhe müssen sitzen"

Die Schuhe der Tänzerinnen im Friedrichstadt-Palast sind hohen Belastungen ausgesetzt. Schuhmachermeisterin Ines Günter muss deshalb oft Verschlüsse annähen oder Absätze tauschen. - © Jana Tashina Wörrle
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Zwar kommt sie nur noch selten dazu, selbst Schuhe anzufertigen, aber wenn nötig, ist auch das für die 45-Jährige kein Problem. "Wir hatten eine Show, bei der weiße Boxerstiefel zum Kostüm einiger Darsteller gehörten und die gab es nirgends zu kaufen", erzählt sie während sie rot-lackierte Pumps in eine Maschine spannt. Schuhe zu weiten, Verschlüsse zu versetzen und Absätze auszutauschen gehört zu ihren häufigsten Aufgaben. "Tanzschuhe müssen sitzen wie eine zweite Haut", sagt die Ines Günter, deren Arbeit sich wie bei allen anderen Theaterangestellten an den Rhythmus der Shows anpassen muss.

Das aktuelle Programm heißt "Show me" – die Idee dahinter: Was wäre, wen die drei größten Revue-Genies des letzten Jahrhunderts, Busby Berkeley, Florenz Ziegfeld und Esther Williams, mit den heutigen technischen Möglichkeiten eine Show machen würden?. Die Premiere war erst Ende Oktober und noch etwa zwei Jahre wird die Show in Berlin zu sein sehen.  Die Mitarbeiter im Friedrichstadt-Palast erleben damit immer einen Wechsel zwischen intensiven Vorbereitungsphasen und der eigentlichen Spielzeit. Ines Günter kann sich so künstlerisch austoben und bei der Umsetzung der Kostümwünsche helfen, wenn sie Schuhe zweifarbig besprühen oder mit Schleifchen besetzen soll.

Technikwunder: Warum es so schwierig ist, für die Handwerksarbeiten an der größten Theaterbühne der Welt, Nachwuchskräfte zu finden.>>>

Dann im Arbeitsalltag kann sie zeigen, was sie handwerklich drauf hat. "Der Verschleiß an den Tanzschuhen ist hoch, da muss man sich immer wieder etwas einfallen lassen", sagt die Schuhmachermeisterin. Und damit meint sie nicht nur die vielen Tänze und Sprünge auf hohen Hacken. Da die größte Theaterbühne der Welt neben dem klassischen Holzboden auch wahlweise aus einer Scheibenpyramide, einem Wasserbecken und einer Sandarena besteht, tauchen die Tanzschuhe auch mal ab oder werden durch den Sand gewirbelt.

"Wir brauchen richtige Handwerker"

Bühnenmeister Peter Müller ist verantwortlich für den Auf-und Abbau der Bühnenbilder und den kompletten Ablauf hinter der Bühnen. Er "fährt die Show", nennt man das in der Theatersprache. - © Jana Tashina Wörrle
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Zuständig für dieses Technikwunder, das bislang weltweit in seiner Größe noch immer ungeschlagen ist, ist unter anderem Bühnenmeister Peter Müller.  Auch er arbeitet seit 1985 – kurz nach Wiedereröffnung im Neubau in der Friedrichstraße 107 – im Friedrichstadt-Palast und kennt jeden Winkel der 2.800 Quadratmeter großen Bühnenfläche. 16 Leute hat er in seinem Team und momentan sind sie auf der Suche nach zwei neuen Mitarbeitern. Doch das ist gar nicht so einfach.

"Unser Beruf nennt sich heute Veranstaltungstechniker, aber die jungen Leute lernen dabei vor allem Licht- und Tontechnik", sagt Müller, "wir brauchen aber richtige Handwerker, die auch etwas vom Tischlern und der Elektrik verstehen." Peter Müller ist selbst gelernter Schlosser und Stück für Stück zu seiner heutigen Leitungsfunktion aufgestiegen. Als er genug Berufserfahrung gesammelt hatte, hat er nochmals die Schulbank gedrückt und die Prüfung zum "Bühnenmeister" abgelegt.

Mit seiner heutigen Position trägt er gemeinsam mit einem Kollegen, der die gleichen Qualifikationen hat, die Verantwortung für den  technischen Ablauf während der Show. Dazu muss er Arbeitszeiten am späten Abend und an den Wochenenden in Kauf nehmen. Acht Mal in der Woche steht die Show auf dem Spielplan – samstags und sonntags oft jeweils zwei Mal. Von November bis Januar kommt fünf Mal in der Woche die Aufführung der Show des jungen Ensembles "Ganz schön anders" dazu.

Im Hintergrund die Strippen zu ziehen

"Wir richten die Bühne ein, sorgen für einen reibungslosen Ablauf während der Show und danach richten wir gleich alles für die nächste Aufführung ein", sagt Peter Müller ganz ruhig und gelassen, obwohl bis zur ersten Show des Tages nur noch rund eine Stunde Zeit ist. Dann setzt er sein Headset auf und legt los: Alle Requisiten auf Position? Die Elektrik nochmals überprüft? Alle Gänge frei, so dass die Feuerwehr den Beginn der Show freigeben kann? Dann übergibt er an den sogenannten Caller, ein Mitarbeiter der die Show über einen Monitor überwacht und die Anweisungen an alle Beteiligten weitergibt.

Peter Müller und sein Team haben dann genug damit zu tun, das Bühnenbild in den kurzen Pausen der Show auf- und abzubauen und für die bewegten Bilder im Hintergrund 'die Strippen zu ziehen'. Da der Bühnenaufbau extrem kompliziert ist, sind die Aufgaben untereinander ganz genau verteilt: Da gibt es das Hydraulikteam, Mitarbeiter, die nur den Wasserfall steuern und andere, die die großen Scheinwerfer "fahren" – wie man es in der Theatersprache nennt.

Mit Puderquaste und Haarnadeln: Vor welchen Herausforderungen die Mitarbeiter der Maske bei Make-up und Haaren der Künstler stehen. >>>

Und diese Theatersprache spricht auch Antje Potthast, die Leiterin der Maske im Friedrichstadt-Palast Berlin. Wie die anderen ist auch die 44-Jährige schon viele Jahre Teil der großen Crew hinter den Kulissen des Theaters. 17 Jahre sind es und noch immer liebt sie die besonderen Herausforderungen, die ihr jede neue Show bietet. "Für 'Show me' mussten wir ein Make-up finden, mit dem die Künstler aussehen wie auf einem Schwarz-Weiß-Foto", erklärt die gelernte Friseurin und studierte Maskenbildnerin.

Handarbeit und Glamour pur

Beim Auftritt dürfen Kostüm und Perücke nicht verrutschen. Damit alles zusammenhält steckt Antje Potthast den Kopfschmuck mit Haarnadeln fest. Hier bei Linda Räthel, die in der Kindershow "Ganz schön anders" die Rolle der Lolly Lakritze spielt. - © Jana Tashina Wörrle
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Dazu kamen unzählige neue Perücken, die Antje Potthast gemeinsam mit ihren zehn Mitarbeitern für "Show me" und "Ganz schön anders" per Hand geknüpft hat und in der Maske täglich wieder neu stylt. Auf Styroporköpfen stehen sie in einer langen Reihe auf Regalbrettern in der Maske und es wirkt so, als würden sie darauf warten, dass endlich jemand kommt, sie aufsetzt und der große Auftritt beginnen kann. Und so spielen die aufwendigen Kostüme, das Make-up und die Frisuren der Darsteller auch eine ganz besondere Rolle bei den Shows.

Nicht nur, dass die Künstler auf einer derart großen Bühne besonders bunt, auffallend und glamourös geschmückt sein müssen. Die Kostüme müssen auch die besonderen Belastungen der Aufführung aushalten – von der Akrobatik am Hochseil bis zur Dusche unter dem Wasserfall. Und so sind die Maskenbildner während der Show ständig am Nachschminken, Nachtoupieren und wieder Auffrischen des gewollten Looks. Für das speziell Schwarz-Weiß-Make-up greift Antje Potthast sogar zur Airbrush-Pistole und besprüht die Tänzer am ganzen Körper.

Neben diesen drei Handwerksbeispielen arbeiten hinter den Kulissen aber noch viel mehr Mitarbeiter. Insgesamt sind es mit dem Ballett über 250 festangestellte Arbeitnehmer. Allein in den Kostümwerkstätten arbeiten je sechs Damenschneider und sechs Herrenschneider mit jeweils einem Lehrling. Dazu kommen zwei Mitarbeiter im sogenannten Kopfputz, also der Abteilung, die sich um die Hüte, Mützen und Accessoires kümmern. Gemeinsam fertigen sie rund 1.000 Kostüme pro Jahr an, nähen um, reparieren und flicken die Kleider, wenn mal etwas kaputt geht. Glamour pur – ohne Hand(werks-)arbeit kaum möglich.

Die größte Theaterbühne der Welt

Die Geschichte des Friedrichstadt-Palasts Berlin beginnt im Jahr 1919 mit der Eröffnung eines neuen großen Schauspielhauses durch den Intendanten Max Reinhardt. Schon damals wurden hier große Revuen, aber auch politische Stücke, aufgeführt. 1980 musste der alte Friedrichstadt-Palast schließen, da das Gebäude baufällig war. Am 27. April 1984 fand die Neueröffnung an der Friedrichstraße 107 statt. Damit wurde der letzte große Prachtbau, der damals schon langsam versinkenden DDR, eingeweiht. Noch heute beherbergt das Schauspielhaus die größte Theaterbühne der Welt, die durch ihre besonderen Ausmaße von insgesamt 2.800 Quadratmetern bisher ungeschlagen ist. Konkurrenz macht momentan nur ein Bühnenbauprojekt in Shanghai, das von der gleichen Dresdner Firma geleitet wird, die in den 1980er Jahren  die Bühne des Friedrichstadt-Palasts gebaut hat. Jedes Jahr besuchen rund 700.000 Gäste den Berliner Show-Palast. Als große Abendshow läuft derzeit die Revue "Show me". Weitere Informationen zum Friedrichstadt-Palast Berlin und zum aktuellen Programm erhalten Sie hier.