Am deutschen Markt ist der Kreditzugang gegenwärtig gut. Handwerksbetriebe profitieren besonders. Im DHZ-Interview erklärt KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner, was sich durch die Basel-III-Gesetze künftig für den Mittelstand ändern wird. Eine regulatorische Besserstellung ist beschlossen.
Karin Birk
DHZ: Herr Zeuner, wie leicht kommen Unternehmen derzeit an Kredite?
Zeuner: Am deutschen Markt ist der Kreditzugang gegenwärtig gut. Er hat sich im Verlauf des vergangenen halben Jahres konjunkturbedingt etwas verschlechtert, doch für die Mehrheit der Unternehmen ist er besser als noch vor einigen Jahren. Die KfW trägt mit ihren Förderprogrammen ihren Teil dazu bei.
DHZ: Gilt das für verschiedene Branchen gleichermaßen?
Zeuner: Ja, der Kreditzugang hat sich über alle Branchen kontinuierlich verbessert, auch und gerade für Unternehmen der Bauindustrie und des Handwerks. Bestehen bleiben die strukturellen Finanzierungsprobleme, etwa der kleinen Betriebe und Gründer. Die Kreditrichtlinien vieler Banken für kleine Unternehmen, also auch für große Teile des Handwerks, sind immer noch restriktiver als diejenigen für Industrie- oder Großfirmen. Allerdings sind die Abstände in den letzten Jahren deutlich kleiner geworden. Im nächsten halben Jahr dürften binnenwirtschaftlich orientierte Branchen – und dazu gehören die meisten Handwerksbranchen – von einer moderaten, konjunkturbedingten Verschlechterung des Kreditzugangs schwächer betroffen sein als große Unternehmen.
DHZ: Was ändert sich durch Basel III?
Zeuner: Die Kapitalkosten der Banken steigen durch die Eigenkapitalanforderungen. Das übt Druck auf die Konditionen aus. Allerdings dürfte der direkte Zinseffekt für viele Handwerksbetriebe klein sein. Der deutsche Kreditmarkt ist im Moment ein "Kreditnehmermarkt", deutsche Unternehmen sind willkommene Kunden bei vielen Banken. Dazu kommt, dass die regulatorische Besserstellung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) durch den so genannten "Mittelstandskompromiss" die Folgen von Basel III für KMU dämpft.
DHZ: Der "Mittelstandskompromiss"?
Zeuner: Danach müssen die Banken bei Krediten an kleine und mittlere Unternehmen etwas weniger strenge Anforderungen an ihre Risikovorsorge erfüllen, wenn das gesamte Kreditexposure gegenüber dem jeweiligen Kreditnehmer nicht höher ist als eine Million Euro – die so genannte Retailgrenze. Wünschenswert wären allerdings immer noch ein niedrigeres Risikogewicht – der Faktor für die Errechnung des Eigenkapitals, den die Banken pro Euro Kreditsumme zurücklegen müssen , und eine höhere Retailgrenze.
DHZ: Werden Kredite in den kommenden Monaten teurer?
Zeuner: Die Risikoaufschläge dürften leicht steigen. Wir rechnen aber nicht mit einem deutlichen Anstieg des Zinsniveaus.
DHZ: Welche Kreditnachfrage, welche Investitionen erwarten Sie im nächsten halben Jahr?
Zeuner: Vor dem Hintergrund der konjunkturellen Abkühlung dürfte die Kreditnachfrage etwas nachlassen, allerdings zunächst nicht besonders stark. Angesichts des niedrigen Zinsniveaus decken sich Unternehmen zum Teil auf Vorrat mit Liquidität ein, auch ohne akuten Investitionsbedarf. Der wichtigste Hemmschuh für Investitionen ist die schwache Nachfrage aus dem Ausland für exportnahe Unternehmen. Im Wohnbau dürfte die Lage aufgrund der günstigen Hypothekenzinsen allerdings gut bleiben. Für das Handwerk, das aus beiden Bereichen Aufträge entgegennimmt, ergibt sich daraus ein gemischtes Bild.
DHZ: Welches Wachstum erwarten Sie für Deutschland und Europa 2012 und 2013?
Zeuner: Für Deutschland erwartet die KfW ein kalenderbereinigtes Realwachstum von 1,0 Prozent in diesem und immerhin 1,5 Prozent im nächsten Jahr. In der Eurozone sieht es mit 0,5 Prozent 2012 und null bis 1,0 Prozent für 2013 leider deutlich schlechter aus.
