Paralympics Mensch und Maschine

Bei den Paralympics haben Dutzende Orthopädietechniker dafür gesorgt, dass die Athleten Spitzenleistungen bringen konnten. 13 Tonnen Ausrüstung und 15.000 Ersatzteile wurden nach Großbritannien verfrachtet. 78 Orthopädie- und Rollstuhltechniker aus aller Welt arbeiteten hier in einer Londoner Werkstatt. Ein Vor-Ort-Bericht.

Mal Feinarbeit, mal Schwerstarbeit: Orthopädietechniker bearbeiten eine Beinprothese in der Werkstatt im Paralympischen Dorf. - © Burkhard Riering

Deniz Acar hat einen platten Reifen. Der Rollstuhl-Basketballer kommt gerade in die Service-Werkstatt im Paralympischen Dorf und gibt sein Gefährt ab. Rollstuhltechniker Andreas Mäder kennt das Spielchen, er weiß, was zu tun ist: Er löst mit einem Handgriff die Steckachse des Rollstuhls, nimmt das Rad ab, öffnet das Ventil, pumpt auf, lässt Luft hinein und findet das Loch. Der Schlauch kommt raus, wird am Loch aufgeraut, es folgen Kleber und Flicken. Zwei Minuten in den Schraubstock, damit der Flicken hält, und dann das Ganze wieder dranmontiert. "Das geht schnell und muss auch schnell gehen", murmelt Andreas Mäder. Der Türke Acar kann zurück zum Training.

Andreas Mäder bleibt nur noch, den Bearbeitungsbogen auszufüllen und die verbrauchten Materialien einzutragen, und weiter geht es. Die nächsten Athleten warten schon im Vorraum.

Es ist was los in der Ottobock-Werkstatt. Ottobock ist die niedersächsische Medizintechnikfirma, die die Werkstatt in London und viele Athleten sponsert. Dafür wird ein Riesenaufwand betrieben: 13 Tonnen Ausrüstung und 15.000 Ersatzteile wurden nach Großbritannien verfrachtet. 78 Orthopädie- und Rollstuhltechniker aus aller Welt arbeiten hier in der Werkstatt drei Wochen lang von frühmorgens bis spätabends, um die Sportler zu versorgen.

Schweißen, löten, hämmern

Andreas Mäder hat es diesmal noch leicht gehabt mit einem Platten. Andere Arbeiten sind da viel komplizierter. Da sind Rollstuhl-Achsen gebrochen, Reifen sitzen schief, es wird geschweißt, gehämmert, gelötet. Die Prothesen müssen immer wieder gewartet und justiert werden. Das sind keine Holzbeine mehr, es sind Hightech-Geräte aus Karbon. Und es geht schließlich nicht um irgendwas: Es geht um Gold, Silber und Bronze, die Behindertensportler sind da nicht weniger erfolgshungrig als die Athleten bei den Olympischen Spielen.

Paralympics haben ihre Stars

Die Paralympics sind mit den Spielen in London in eine neue Dimension aufgestiegen: Soviele Athleten wie noch nie aus so vielen Ländern wie noch nie. So viel Aufmerksamkeit wie noch nie, im Fernsehen, in den Zeitungen, im Netz.

Der Hochleistungs-Behindertensport hat sogar plötzlich seine Stars: Da sind Typen wie der Südafrikaner Oscar Pistorius, der "Blade-Runner", der auch bei den Olympischen Spielen angetreten ist. Da sind deutsche Stars wie Markus Rehm – er ist selbst Orthopädietechniker – und Sprinter Heinrich Popow. Sie sind nicht nur Sportler, sondern haben auch eine ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Und unbedingt erfolgreich wollen sie sein – Behinderung hin oder her. Solche Storys mag das Pub­likum.

Wulff ist da, Gauck nicht

In der vollen Werkstatt geht es inzwischen zu wie auf dem Weltkongress der Orthopädietechnik. Die Handwerker aus 20 Ländern fachsimpeln und diskutieren auf Englisch und mit den Händen. Klaus-Jürgen Lotz, Präsident des Bundesinnungsverbands für Orthopädietechnik, ist auch da. "Durch die Prominenz der Paralympics rückt auch unser Handwerk mehr in den Mittelpunkt", freut er sich natürlich. Lotz wirbt in London für die Orthopädietechnik. Als Innenminister Friedrich samt Gefolge vorbeikommt, schnappt er ihn sich gleich.

Bundespräsident Gauck kommt nicht, er ist zwar in London, aber die Werkstatt schafft er nicht mehr. Dafür ist Bettina Wulff da, Frau des früheren Bundespräsidenten, sie ist seit kurzem Ottobock-Botschafterin. Die PR-Frau setzt sich gleich dazu. Sie sagt, sie fände es spannend, was hier passiere, und sie arbeite sich gerade in das Thema Orthopädietechnik und Behindertensport ein. Über anderes reden wir nicht, die Atmosphäre ist gut und positiv.

Die Werkstatt ist jetzt voll mit Leuten. Jens Nörthemann hat sich hinten in einer Ecke ein bisschen Freiraum geschaffen. Der gelernte Werkzeugmacher gehört zum Team der Konstrukteure bei Ottobock, die ihre Athleten auch übers Jahr persönlich betreuen. Er mache "alles ab Schaft nach unten", sagt er. Für Journalisten drückt er sich einfach aus.

Videoanalysen zeigen Bewegungsablauf

Nörthemann ist unter anderem für Heinrich Popow zuständig. "Es ist eine stetige Zusammenarbeit", sagt er. Gewicht, Härtegrad, Längen, Komponenten, darum geht es, davon erzählt er jetzt. Wenn sie sich treffen, machen sie zum Beispiel Videoanalysen. Dann wird der untere Teil des Bildschirms, wo die Prothesen zu sehen wären, zugedeckt, um zu prüfen, ob sich der Oberkörper Popows möglichst natürlich wie bei einem Nichtbehinderten bewegt. Popow läuft die 100 Meter unter 13 Sekunden. In London holt er Gold.

Nörthemann hat noch ein anderes Produkt dabei, über das er sprechen möchte: die neue Lauffeder 3S80, eine Beinprothese mit einem Sportkniegelenk und einem Sportfußadapter für Hobbyläufer. "Mit der 3S80 können Menschen wieder joggen, die geglaubt hatten, nie wieder gehen zu können", sagt er. Die Prothese muss beim Sport das 2,5-Fache des Körpergewichts aushalten und darf am Schaft trotzdem nicht wehtun. Das Kniegelenk ist aus Aluminium, um es leicht und stabil zu halten. Es gehen auch Titan oder Karbon, alles eine Kostenfrage.

Orthopädietechnik ist heute Hightech, und das verändert alles: die Industrie, das Handwerk und die Lebensqualität von Behinderten. Da entwickeln Forscher gedankengesteuerte Armprothesen. Eine mit den Nerven verbundene Cyberhand hat Funktionen, die sie kaum mehr von einer natürlichen Hand unterscheidet. Mikroprozessoren steuern Kniegelenke aus Titan. Ultraleichte Karbonbeine brechen Rennrekorde – wie bei Popow. Die Entwicklung ist in den vergangenen Jahren in rasantem Tempo vorangeschritten.

"Laufen wie Roboter"

Bei den Paralympics ist das manchem zu viel des Guten. Die „Hightechnisierung“ des Behindertensports hat eine Debatte über das "Techno-Doping" ausgelöst. Es ist eine Debatte über Mensch und Maschine: Was leistet der Athlet, was die Prothese? Weil die künstlichen Körperteile inzwischen derart gut seien, würden doch Roboter über die Tartanbahnen wetzen, ja, fast übermenschlich sei das.

Stefan Bieringer, Direktor der Bundesfachschule für Orthopädietechnik, will in der Debatte differenzieren. "Die Amputierten leisten ein immenses Training wie jeder andere Hochleistungssportler auch, sie brauchen sogar mehr Körperbeherrschung, weil sie mit dem Körper keinen direkten Bodenkontakt haben." Nur die Kraft, die der Athlet in die Feder gebe, könne auch umgesetzt werden, sonst nichts. Daher sei die Technikfrage eine Randerscheinung. Allerdings, so Bieringer, müsse das Regelwerk vom International Paralympic Committee nach diesen Spielen auf jeden Fall auf den Prüfstand gestellt werden, um es fairer und damit vergleichbarer zu gestalten.