Studium Ohne Abitur zum Ingenieur

Ob mit dem Abitur in der Tasche oder ohne – ohne Fleiß kein Preis. So in etwa lautet das Credo von Patrick Kraus. Der 25-Jährige studiert ohne Abi im sechsten Semester Maschinenbau an der Hochschule Amberg-Weiden.

Stefanie Manger

Den Zugang zur Hochschule hat er mit der Meisterprüfung als Maschinenbaumechaniker erworben. Im Jahr 2007 hat er die Prüfung mit dem Notendurchschnitt von 2,0 abgeschlossen.

„Ob Gymnasiast oder Meister – im Studium muss jeder Wille, Durchhaltevermögen und logisches Denken beweisen“, sagt Kraus. Die Länder haben mit Beschluss der Ständigen Konferenz der Kultusminister 2009 angefangen, für Meister, Techniker und Gesellen den direkten Zugang zur Universität und zu den Hochschulen zu öffnen. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Die Gleichstellung von Meisterbrief und Abitur beschleunigte den Bildungsweg von Patrick Kraus. - © Manger
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Während Bayern die Empfehlungen der Kultusminister noch im selben Jahr umgesetzt hat, hat die sächsische Staatsregierung erst dieses Jahr im Mai einen Gesetzesentwurf eingereicht.

Gute Vorbereitung das A und O

Bei vielen ist die Durchlässigkeit des Bildungssystems noch nicht angekommen. Bewirbt sich ein Meister bei der Stiftung für Hochschulzulassung um einen Studienplatz zum Beispiel für Humanmedizin, steht seine Abschlussnote gleichberechtigt neben der Abinote seiner Mitbewerber. „Für diesen Kandidaten bestehen dieselben Aussichten auf einen Studienplatz wie für einen Abiturienten mit gleicher Note“, bestätigt Boris Goldberg. Er leitet im Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst das Modellprojekt „Akademische Weiterbildung stärken“.

Die Vorbereitung aufs Studium über ein so genanntes Propädeutikum hält Georg Schieder für sinnvoll. Der Leiter der Studentenverwaltung in Amberg-Weiden begleitet seit 2009 Meister, Techniker und Gesellen während des Propädeutikums – ein Vorbereitungs­semester im Schwerpunkt ingenieurtechnische Studiengänge. Kraus hat sein Propädeutikum freiwillig absolviert. Die Veranstaltung dauert rund fünf Monate, auf dem Stundenplan stehen drei Tage Mathematik, ein Tag Physik und einen Tag lang das Fach Deutsch. Der Unterricht beginnt um acht Uhr und endet um circa 16 Uhr. Viele schließen mit dem Angebot ihre Lücken im Fach Mathematik.

Schieder legt es jedem ans Herz: „Wer diese Maßnahme scheut, bricht zu 50 Prozent das Studium wieder ab“, so seine Erfahrung. Kraus erzählt von einem Berufskollegen, der sich das Propädeutikum schenken wollte und schon nach dem ersten Semester Maschinenbau das Handtuch geworfen hat. Die Möglichkeiten, sich vorzubereiten, sind vielfältig, über die spezifischen Angebote der jeweiligen Hochschule hinaus haben auch Handwerkskammern und Volkshochschulen einschlägige Kurse in ihr Programm integriert. Kraus ist inzwischen im Hauptstudium angekommen und sieht sich mit den anderen auf Augenhöhe. „Seit Abschluss des ersten Studienabschnittes befinde ich mich auf gleichem Wissensstand.“ Trotz allem ist der Maschinenbaumechaniker auf dem jungen Bildungspfad zum Akademiker eher allein unterwegs. „In Amberg haben zwei, drei Kommilitonen mit Gesellenprüfung einen ähnlichen beruflichen Hintergrund“, weiß er. Für viele Meister und Techniker sei es zu spät, erst im Alter von Mitte bis Ende 20 Jahren oder noch später ins Berufsleben zu starten.

„Die sind hochmotiviert“

Schieder erkennt bei ihnen Lerneifer. „Die meisten sind hochmotiviert.“ Dies führt er in erster Linie auf die Reife zurück. „Im Alter von 23 Jahren hat es meistens jeder verstanden, um was es im Leben geht.“ Kraus möchte nach dem Studium als Ingenieur in verschiedenen technischen Bereichen Berufserfahrung sammeln, um dann in den elterlichen Betrieb für Entsorgungs- und Umwelttechnik einzusteigen. Er ist überzeugt: „Ein guter Ingenieur muss sich in der Praxis beweisen.“