Zwei Norweger antworten auf ihre Weise auf die Anschläge von Oslo und Utoya. An dem von ihnen geplanten Mahnmal arbeiten Handwerker aus der ganzen Welt mit – auch aus Deutschland.
Barbara Oberst
Ein Meer aus Rosen – damals. Nach dem 22. Juli des vergangenen Jahres legten die Norweger überall in ihrer Hauptstadt Rosen ab. Rosen als Zeichen der Liebe gegen den Hass des Anders Behring Breivik, der 77 Menschen getötet hatte. Den Opfern zum Gedenken entsteht ein Mahnmal, für das auch deutsche Handwerker Rosen schmieden – wie ihre Kollegen in der ganzen Welt.
Ein Zeichen gegen den Hass
Vor genau einem Jahr hatte der Attentäter zunächst in Oslo eine Autobombe gezündet, war dann zur 40 Kilometer entfernten Insel Utoya gefahren und hatte dort wahllos auf Kinder und Jugendliche in einem Ferienlager geschossen. Das Grauen, das er über sein Land brachte, bezeichnet Breivik als Notwehr gegen den Multikulturalismus.
Während sich in Oslo Breivik vor Gericht zum Helden im Kampf gegen die "Islamisierung Europas" stilisiert, setzen in Chemnitz Menschen auf ihre Art ein Zeichen gegen den Hass. Sie halten einen Stab aus Rundstahl ins Feuer, bis er rot glüht, 850 °C heiß. Mit Hammer und Zange bearbeiten sie ihn, bis das untere Ende nur noch zwölf Millimeter dick ist. Dann erhitzen sie den Stab wieder, spalten das obere Ende mehrere Male fast bis zur Mitte. Wieder müssen sie den Stahl erhitzen, wieder spalten sie ihn, diesmal von der Seite, lassen flache Blätter entstehen, die sie dann in die Breite schmieden.
Die Blätter werden dünn wie Papier. Mit Schraubenzieher, Meißel und Hammer biegen sie sie auf, formen sie, erhitzen sie wieder, formen. Nach fünf Stunden: eine Rose. Drei Tage lang arbeiten sie, dann überreichen sie Andreas Pohlers von der Schmiedeinnung Chemnitz ihre Rosen: "Ich schicke sie diese Woche nach Norwegen", verspricht er. Dort, in Norwegen, sammeln sich mittlerweile hunderte von geschmiedeten Rosen.
Die beiden norwegischen Schmiede Tobbe Malm und Tone Mørk Karlsrud waren am 22. Juli 2011 unterwegs zu einem Schmiedetreffen gewesen, als Breivik seine Anschläge verübte. Sie waren schockiert, aber in der Schmiedegemeinschaft fühlten sie einen großen Zusammenhalt. Das brachte sie auf den Gedanken zu einem globalen Gemeinschaftsprojekt. "Lasst die Liebe wachsen – mit Hämmern und Feuern": Mit diesen Worten riefen die beiden via Facebook und über den internationalen Bund der gestaltenden Schmiede weltweit dazu auf, ein gemeinsames Mahnmal aus Rosen zu errichten. Der Chemnitzer Kunst- und Bauschlosser Karl-Heinz Schopbach liebäugelte sofort mit dem Projekt.
Zu Tränen gerührt
So war es Fügung, dass die örtliche Schmiedeinnung beschlossen hatte, sich im Rahmen der 100-Jahr-Feier der Handwerkerschule Chemnitz am Rosen-Projekt zu beteiligen. Drei Tage lang sollten sechs Schüler des beruflichen Schulzentrums in einem eigens für das Jubiläum aufgestellten Schmiedecontainer ihr Gewerk vorstellen, indem sie Rosen für Norwegen schmiedeten. Angeleitet hat sie unter anderem Karl-Heinz Schopbach. Der Gedanke, wofür sie arbeiteten, sei bei ihm immer im Hinterkopf gewesen, erzählt der 67-Jährige: "Wenn man daran denkt, wie viele Menschen sich für diese Sache engagieren, könnten einem die Tränen kommen."
Während des Schmiedens sind starke Emotionen allerdings fehl am Platze. Konzentriert arbeiteten die sechs Schüler, allen voran die beiden Erfahrensten, Adrian Jugelt und Dominik Löhrmann. "Es ist toll, was wir in diesen drei Tagen an unterschiedlichen Arbeitstechniken kennengelernt haben", berichtet Löhrmann, Auszubildender im zweiten Lehrjahr zum Metallbauer in der Fachrichtung Metallgestaltung. Dass es zur höheren Schmiedekunst und beileibe nicht zum normalen Ausbildungsprogramm gehört, eine Rose aus einem Stück zu fertigen, wurde dem 27-Jährigen schnell klar: "Wir mussten schon ein paar Rohlinge in den Müll werfen." Aber er trägt die gescheiterten Versuche mit Humor.
Teil einer großen Aufgabe
Sein Mitschüler Adrian Jugelt, ebenfalls im zweiten Lehrjahr in der Fachrichtung Konstruktionstechnik, erzählt: „Ich war erstaunt, wie sich mit einem Hammer und einer kleinen Zange vier Lagen dünn ausgeschmiedeter Stahl in ein solches Kunstwerk verwandeln ließen.“ Der 21-Jährige ist sehr froh, dass er an dem Projekt teilnehmen konnte. "Für mich war das die Chance, Teil einer großen Aufgabe zu sein und ein Mahnmal zu errichten, das an diese schreckliche Tat und an die Opfer erinnert."
Keine der Rosen, die bei Malm und Karlsrud in Norwegen ankommen, gleicht der anderen. Geschmiedet, geschweißt, fein ziseliert oder grob behauen – über 400 Stück aus 18 Ländern warten mittlerweile darauf, zu einer mindestens vier Meter hohen Skulptur zusammengefügt zu werden.
Ursprünglich wollten die Initiatoren schon am ersten Jahrestag der Anschläge ihr Werk eröffnen. Doch die weltweite Resonanz war so groß, dass sie das Projekt um ein Jahr verlängert haben. Mit 600 bis 700 Rosen rechnen sie am Ende. "Wir haben jetzt begonnen, zusammen mit den Angehörigen der Todesopfer und mit Überlebenden Rosen zu schmieden", erklärt Tobbe Malm. Auf Facebook zeigen die Schmiede Fotos von diesen Aktionen: "Erst jetzt verstehen wir die ganze Bedeutung dessen, was wir da tun."
Vor Gericht rühmte sich Breivik vor kurzem, "die ausgeklügeltste und spektakulärste politische Attacke in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg begangen" zu haben. Doch wenn er mit seinen Morden einen Keil in die Gesellschaft treiben wollte, so ist er gescheitert. Statt sich in Angst und Fremdenfeindlichkeit zurückzuziehen, demonstrieren die Norweger in den Straßen von Oslo für eine offene Gesellschaft. Und wieder: Ein Meer aus Rosen – heute.
Zahlen und Fakten- Beim Anschlag vom 22. Juli 2011 starben in Oslo acht Personen, im Ferienlager auf der Insel Utoya 69 Kinder und Jugendliche. Der Attentäter Breivik bekannte sich im Prozess, der am 16. April 2012 begann, zu seinen Taten.
- Über 300 Schmiede aus 18 Ländern, darunter aus Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark, Island, Luxemburg, der Schweiz, aus Österreich, Deutschland, Belgien, den Niederlanden, der Tschechischen Republik, Russland, Kroatien, der Ukraine, Italien, Großbritannien, Australien und aus den USA haben bereits Rosen für das Mahnmal geschmiedet.
- Wer sich am Projekt beteiligen möchte, sendet seine etwa 40 Zentimeter lange geschmiedete Rose an: Iron Rose For Norway, Tobbe Malm & Tone M. Karlsrud, Verksgata 6A, 1353 BÆRUMS VERK, Norway