Deutschland erscheint vielen europäischen Nachbarländern derzeit fast wie das gelobte Land. Die Wirtschaft ist in guter Verfassung, die Arbeitslosigkeit niedrig. Die Voraussetzungen für große und kleine Unternehmen sind demnach gut, sich jetzt mit preisgünstigen Investitionskrediten bei den Banken zu versorgen. Die Kreditvergabe ist für Betriebe zurzeit attraktiv wie selten, heißt es unter anderem vom ifo-Institut in München.
Brigitte Scholtes

Weil die deutsche Wirtschaft nach der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 schnell wieder durchgestartet ist, hat sie nun einen Vorsprung vor den Nachbarländern. Und der zahlt sich aus. Denn als Teil der Währungsunion profitiert Deutschland: Die Europäische Zentralbank (EZB) kann die Leitzinsen, nach denen sich die Banken richten sollen, nicht einfach erhöhen, weil sie alle Mitgliedsländer berücksichtigen muss. Die niedrigen Zinsen sollen vor allem den Schuldenstaaten am Mittelmeer dabei helfen, ihre Rezession endlich zu überwinden.
Niedrige Zinsen von der EZB
Weil das als Anreiz nicht ausreicht, hat die EZB im vergangenen Dezember und nochmals Anfang März obendrein den Banken im Euroraum insgesamt eine Billion Euro an Liquidität zur Verfügung gestellt. Die Idee dahinter: Weil die Banken ihr Geld derzeit zusammenhalten, anstatt es sich gegenseitig oder ihren Kunden zu leihen, leiht die EZB ihnen das Geld für drei Jahre. Dadurch nimmt sie den Kreditinstituten die Sorge, in Liquiditätsnöte zu kommen, falls einer oder mehrere Kreditnehmer Insolvenz anmelden müssen.
Der Anreiz zur Kreditvergabe für die Banken ist dementsprechend gestiegen. Eine so genannte Kreditklemme ist damit abgewendet worden.
Mit der rechnen ohnehin nur knapp neun Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen, wie eine Umfrage unter 4.100 Firmen ergab, die die Wirtschaftsauskunftei Creditreform im vergangenen April veröffentlicht hat. Allerdings erwarten auch 43 Prozent verschärfte Finanzierungsbedingungen – weniger im Hinblick auf höhere Zinsen als darauf, dass die Kreditgeber mehr Sicherheiten verlangen.
Die deutschen Bankkunden können sich aus diesen Gründen äußerst günstig mit Investitionskapital versorgen. Die Kredite richten sich zwar nach dem Risiko des jeweiligen Kreditnehmers und nach der Laufzeit des Kredits. Doch das allgemeine Niveau wird durch die Zinsen bestimmt, die der jeweilige Staat zu zahlen hat – und da hat’s Deutschland besser als die Schuldenstaaten aus der EU.
Die Bundesrepublik versorgt sich derzeit sehr günstig am Kapitalmarkt. Für eine Anleihe mit einer Laufzeit von fünf Jahren zahlt sie etwa nur 0,55 Prozent. So günstig können sich Geschäftskunden natürlich nicht Geld beschaffen, aber bei guter Bonität und kurzer Laufzeit von etwa vier Jahren können sie mit 3,5 Prozent rechnen, die Spanne reicht bis sechs Prozent – je nach Bonität und Laufzeit bis neun Jahre. Außerdem kommt es auf das Gesamtpaket an, weil etwa die Förderbank KfW zinsgünstige Unternehmens- oder Gründerkredite anbietet.
Betriebe wollen Kosten senken
Das Zinsniveau ist nicht nur günstig, die Banken müssen auch mit mehr Konkurrenz rechnen. Weil sie nicht mehr so freigiebig mit Krediten sind, springen Nichtbanken in die Bresche. Darauf verwies vor einigen Wochen Sabine Lautenschläger, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank: "Es gibt Entwicklungen, die sogar für niedrigere Kreditzinsen sprechen. Denn es ist nicht auszuschließen, dass sich die Realwirtschaft künftig verstärkt bei Akteuren finanziert, die nicht dem Bankensektor zuzurechnen sind." Das werde Druck auf die Margen der Banken ausüben. Die aber wollten das Geschäft mit den kleinen und Mittelstandskunden nicht aufgeben. "Das Kreditgeschäft selbst ist für das Gros der deutschen Banken ein attraktiver Wachstumsmarkt."
Die Ausgangslage ist also günstig. Hinzu kommen die guten Arbeitsmarktbedingungen: Die Bürger haben mehr Zuversicht, dass sie ihren Arbeitsplatz auf absehbare Zeit behalten können. Das ermutigt sie zu größeren Anschaffungen, kleineren Investitionen oder den länger aufgeschobenen Reparaturarbeiten.
Diese Chance sollten sich kleinere Betriebe nicht entgehen lassen und jetzt entsprechend ausbauen und investieren. Viele Unternehmen nutzen solche Investitionen auch zur Kostensenkung, hat unlängst die KfW festgestellt. Dabei seien vor allem Investitionen in energie- und rohstoffeffiziente Verfahren interessant.