Kaum ist die Kritik an der Rente mit 67 leiser geworden, sprechen führende Politiker schon von einem neuen Modell. Das Renteneintrittsalter müsse grundsätzlich flexibilisiert werden, heißt es nun. Jeder soll dann in den Ruhestand gehen, wenn er es selbst für richtig hält – oder es sich leisten kann. Fakt ist, dass sich die Wirtschaft bislang zu wenig auf die älteren Mitarbeiter einstellt.

"Die Rente ist sicher", diese viel zitierte Versprechung von Norbert Blüm gilt zwar immer noch, doch wie viel dieser Rente noch übrig bleibt, weiß niemand. Fest steht jedoch, dass das jetzige System reformiert werden muss – es ist nicht mehr finanzierbar. Die Erhöhung des Rentenalters ist ein Schritt, den die Bundesregierung beschlossen hat, um hier Entlastung zu schaffen. Gleichzeitig werden die älteren Arbeitnehmer aber auch auf dem Arbeitsmarkt gebraucht, denn der Fachkräftemangel nimmt zu.
Der Arbeitsmarkt muss sich also umstellen, um langfristig so stabil zu sein wie jetzt. Doch neben diesem "Muss" ist es auch der Wunsch einiger Arbeitnehmer länger zu arbeiten als es das gesetzliche Rentenalter vorschreibt. Gleichzeitig wird es für einzelne auch finanziell notwendig, da die Altersarmut heute kein Randthema mehr ist. Doch einfach so weiterzuarbeiten, ist gerade in Handwerksberufen oft körperlich nicht machbar. Schon die Rente mit 67 erfordert ein Umdenken von Arbeitnehmern und Arbeitgebern und neue Arbeitsmodelle.
Bislang ist das aber noch Zukunftsmusik. Zwar spricht die Bundeskanzlerin schon von der nächsten Verlängerung der Lebensarbeitszeit, aber dass die Wirtschaft sich auf mehr ältere Beschäftigte einstellt, bleibt Theorie.
Bundesregierung macht Druck
Auf dem Deutschen Seniorentag in Hamburg zeigte sich Angela Merkel vergangene Woche überzeugt, dass ein höheres Renteneintrittsalter langfristig notwendig ist. Ohne eine auf Dauer längere Arbeitszeit könnten die Jüngeren nicht "im Umlageverfahren weiter für die Solidarität mit den Älteren sorgen", zitiert sie die Onlineausgabe der Zeit. Gleichzeitig mahnte Merkel die Unternehmen, weiter ältere Menschen einzustellen und die über 55-Jährigen nicht aus den Bewerbungsverfahren auszuschließen. Das werde ich Bundesregierung nicht hinnehmen, drohte sie.
Doch leider handelt so noch der Großteil aller Unternehmen. Wie eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung und des Beratungsunternehmens Mercer unter 200 deutschen Firmen verschiedener Größe ergab, suchen bislang nur rund zwölf Prozent der Betriebe auch nach Arbeitnehmern über 50 Jahren und nur acht Prozent geht gezielt auf solche Bewerber zu.
Zwar erkennen viele Unternehmen, dass durch den Fachkräftemangel in Zukunft neue Probleme entstehen und dass die Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre von ihnen fordert, auch Arbeitsplätze für über 60-Jährige anzubieten. Konkreten Handlungsbedarf sieht aber kaum ein Betrieb. 40 Prozent der Befragten bewerten den demografischen Wandel als "noch nicht dringlich".
Bei der Mitarbeitergewinnung gehen fast alle Firmen vor allem auf die jungen Bewerber zu und versuchen hier den Nachwuchs für das eigene Unternehmen zu sichern. Und hier wird auch die Bedeutung der Veränderungen anerkannt. Die Firmen verstärken Stück für Stück ihr Engagement, um Fachkräfte zu gewinnen – aber bislang nur in eine Richtung: zu den Jugendlichen. Paradox ist dabei nur, dass viele dabei die schlechter werdenden Qualifikationen und die fehlende Erfahrung bemängeln, die die Auszubildenden ohne Berufspraxis natürlich nicht mitbringen können.
Ein hohes Konfliktpotenzial
Befragt nach den Aktivitäten, die die Betriebe unternehmen oder planen, um die Leistungsfähigkeit der eigenen Mitarbeiter zu erhalten, messen zwar viele der Gesundheit der Mitarbeiter genauso wie der Mitarbeiterentwicklung und der Nachfolgeplanung einen hohen Stellenwert bei, doch die Generationenvielfalt im Betrieb zu erhalten, wird dagegen als eher nicht so wichtig bewertet. Diese bringe eher ein hohes Konfliktpotenzial mit sich, bewerten die Befragten.
Mehr Vielfalt und mehr Flexibilität – das ist zwar von vielen gewollt, aber auch als Mehraufwand gefürchtet. Auch Bundespräsident Joachim Gauck setzt sich für eine Flexibilisierung des Rentensystems ein. Beim Deutschen Seniorentag sagte er, dass er sich wünsche, "dass jene, die es wollen, länger im Beruf bleiben können." Doch dafür müssen die Älteren in den Betrieben bessere altersgerechte Arbeitsstrukturen und die Bereitschaft vorfinden, dort auch gewollt zu sein.
Als Gründe für das mangelnde Engagement nannten die Befragten der Bertelsmann Studie fehlende personelle und finanzielle Ressourcen im Betrieb. Aber auch die Komplexität des Themas schreckt viele ab. Hier ist noch viel zu tun für Wirtschaft und Politik, denn die bisherigen Maßnahmen und Aufklärungsversuche scheinen noch nicht zu wirken. jtw