Allzu oft vernachlässigen Frauen im Handwerk ihre eigene Altersvorsorge. Dabei ist gerade ein früher Einstieg wichtig.
Sabine Hildebrandt-Woeckel

Altersvorsorge? Anke R*., Malermeisterin in München, zögert kurz. Dann spricht sie Klartext: "Bis ich Mitte 40 war, habe ich über das Thema nicht nachgedacht.“ Mit fatalen Folgen: Heute ist sie 55, seit Jahren geschieden und weiß: "Im Alter wird es eng!“
Dabei konnte sie bislang immer vom eigenen Einkommen leben. Schon mit 23 Jahren absolvierte sie erfolgreich die Meisterschule. Sie war immer berufstätig, arbeitete in verschiedenen Betrieben, führte Mitarbeiter, bildete aus und zog nebenbei zwei Kinder groß – nur die Gedanken ans Älterwerden, die ignorierte sie bis vor zehn Jahren komplett.
"Ein typischer Fall“, findet Anne Dohle, Geschäftsführerin beim Bundesverband Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH). Viele Frauen warten, bis es zu spät ist. Und auch Finanzexpertin Constanze Hintze von der Beratung Svea Kuschel und Kolleginnen, stimmt zu. "Frauen sind Meisterinnen im Verdrängen.“ Selbst wenn sie das Manko erkennen, so zeigt auch eine Studie der Kölner Pychonomics, passiert oft wenig.
Wissen ja, handeln neine
55 Prozent der dort befragten Frauen gaben an, Angst zu haben, dass die eigene Altersvorsorge nicht ausreicht. Gleichzeitig aber taten sie wenig dagegen. Ein Widerspruch, den auch speziell auf das Handwerk zugeschnittene Studien bestätigen, so eine 2006 gemeinsam mit dem handwerk magazin durchgeführte Umfrage des Vorsorge-Spezialisten Münchener Verein. Weniger als die Hälfte der befragten Frauen hatte demnach eine private Rentenversicherung abgeschlossen, nur jede Achte zahlte in ein handwerkliches Versorgungswerk ein und jede Zehnte tat schlicht überhaupt nichts. Und das, obwohl das Thema seit Jahren intensiv diskutiert wird. "Der Bundesverband UFH setzt sich sogar für eine Vorsorgepflicht ein“, stellt Dohle klar.

Vor allem verheiratete Frauen wiegen sich oft in Sicherheit. Sie rechnen sich auch Policen zu, die auf den Ehemann abgeschlossen sind. Ein Irrglaube mit fatalen Folgen, wie Goldschmiedin Sabine Mittermayer erlebte. Immer wieder hatte ihr Mann ihren Wunsch nach einer Investition in die eigene Vorsorge ignoriert. Doch dann ging es der Oberauer Goldschmiedin wie der Münchner Malermeisterin – und jeder zweiten Frau mit Kindern: Die Ehe zerbrach und damit auch der Traum vom sonnigen Alter. Zwar wurde ihr Teil des Anspruchs in die gesetzliche Rentenkasse übertragen, doch bei der Umwandlung gingen 50 Prozent des Wertes verloren. Davon alleine, ärgert sich Mittermayer bis heute, könne sie im Alter nicht leben.
Zinseszinseffekt beachten
Dass sie dennoch gelassen bleibt, liegt daran, dass Mittermayer sich auf die Versprechungen nicht verließ. Alles, was sie nebenbei verdienen konnte, floss nicht in Familienkasse oder Luxus, sondern in die Altersvorsorge. Schon 1993 begann sie mit einer Rentenversicherung, vor sechs Jahren kam noch eine weitere hinzu mit flexiblen Zuzahlungen. Auch finanzielle Rücklagen hat Mittermayer gebildet. "Geradezu vorbildlich“, wie Finanzexpertin Hintze betont, "aber eben die Ausnahme.“
Dabei ist es gerade auch für Handwerkerinnen gar nicht so schwer, sich sinnvoll auf den Ruhestand vorzubereiten. Wichtig dabei: der rechtzeitige Beginn, möglichst schon mit der Lehre. Zwar ist der Verdienst zu dieser Zeit noch niedrig, wie auch UFH-Frau Dohle gerne einräumt. Viele unterschätzten jedoch den Zinseszinseffekt. So braucht eine 18-Jährige nur 25 Euro monatlich, um einen ähnlichen Spareffekt zu haben wie eine 40-Jährige, die hierfür 100 Euro aufwenden muss. Auch wenn der frühe Einstieg verpasst wurde, heißt das nicht, dass Vorsorge sinnlos würde.
Bestandsaufnahme als Grundlage
Egal in welchem Alter – wer beginnt, sich mit der Altersvorsorge zu befassen, muss eine Bestandsaufnahme machen: Wie hoch ist die Anwartschaft in der gesetzlichen Rente? Gibt es eine Direktversicherung, Pensionskasse, sonstiges Vermögen? Darauf aufbauend wird dann der Alterssparplan entwickelt, der natürlich bei Betriebsinhaberinnen anders aussieht als bei mitarbeitenden Ehefrauen.
Erstere, so die Fachfrau weiter, müssen zunächst prüfen, ob sich der Verbleib in der Handwerkerpflichtversicherung lohnt, in die viele Betriebsinhaber zunächst 18 Jahre einzahlen müssen. Bei Männern lohnt sich oft der Austritt, weil die Rendite in der privaten Rente höher ist. Bei Frauen kann das anders aussehen. Aus zwei Gründen: Erstens, Kindererziehungszeiten können nur in der gesetzlichen Kasse angerechnet werden, und zweitens ist für Frauen mit Kindern auch Riester interessant. Wer aber aus der gesetzlichen Kasse austritt, verliert in bestimmten Fällen die Zuschussberechtigung.
Sparen und Risiko trennen
Grundsätzlich gilt, dass Frauen Produkte wählen sollen, die Flexibilität erlauben. Das heißt zum einen, dass etwa bei Rentenverträgen die Grundbeträge eher niedrig gehalten, Zuzahlungen aber möglich sein sollten. Zum anderen sind unterschiedliche Bausteine wichtig, etwa eine flexible Rentenversicherung, eine staatlich geförderte Altersvorsorge wie Riester oder Rürup und ein Investmentfondssparplan. Ganz wichtig: Die Risikoabsicherung (etwa gegen Berufsunfähigkeit) muss unbedingt vom Sparen getrennt werden.
Anke R. versucht inzwischen aus ihren Fehlern zu lernen. Sie hat eine Riester-Police, eine Unfall- und eine Risiko-Lebensversicherung, einen Bausparvertrag und einen Fondssparplan. Ob es reichen wird, hängt davon ab, wie lange sie noch einzahlen kann. Aber in einem ist sie sich sicher: "Ich bleibe dran!“
*Name von der Redaktion geändert
- Rechtzeitig beginnen: Schon in der Lehre sollte mit der Altersvorsorge angefangen werden. Trotz niedriger Beträge ist der Spareffekt wegen des Zinseszinseffekts hoch.
- Bestandsaufnahme machen: Wie hoch ist die Anwartschaft auf die gesetztliche Rente? Welche Vorsorge ist bereits da? Gibt es Vermögen?
- Lebensentwurf beachten: Ein Sparplan muss natürlich bei einer Betriebsinhaberin anders aussehen als bei einer mitarbeitenden Ehefrau.
- Flexibel bleiben: Produkte für Frauen sollten bei niedrigen Grundbeiträgen auch Zuzahlungen erlauben.
- Vorsorge und Risikoabsicherung trennen: Altersvorsorge sollte grundsätzlich von Versicherungsprodukten wie etwa gegen Berufsunfähigkeit getrennt sein.