Indigo, Papp und historische Druckstöcke – Heidi Folprecht-Pscheida färbt damit in ihrer Blaudruckerei wie im Mittelalter. Von Hanni Kinadeter
Von Hanni Kinadeter
Alte Model machen blau
Schrill klingelt ein Wecker. Die Färbezeit ist abgelaufen. Hastig zieht Heidi Folprecht-Pscheida den grünen Stoff aus der Wanne, bis er darüber in der Luft baumelt. Leise tropft die überschüssige Farbe herunter.
Folprecht-Pscheida ist Inhaberin einer Blaudruckerei. Aufwendig bedruckt und färbt sie Stoffe – mit dem gleichen Handwerk, wie das Menschen schon vor Hunderten Jahren gemacht haben, und mit Werkzeugen, die Hunderte Jahre alt sind. Die gebürtige Dresdnerin hält damit eine alte Tradition am Leben. Doch ausgesucht hat sie sich das eigentlich nicht.
"Es war die Initiative meines Mannes“, sagt sie bestimmt und deutet auf ein Foto, das an der Wand hängt. Ein Mann mit lichtem, braunen Haar ist darauf zu sehen. Er trägt einen Vollbart und ein helles Hemd, die Ärmel sind hochgekrempelt.
Ihr Mann besichtigte alte Blaudruckereien, stöberte in staubigen Bibliotheken und studierte aufmerksam traditionelle Druckstöcke in Museen. Bald war klar: Es ist sein Traum, eine Blaudruckerei zu betreiben. Neben seiner Vollzeittätigkeit als Ingenieur beginnt er eine Ausbildung zum Textilfacharbeiter. Macht im Anschluss auch einen Meister im Blaudruck.
Einige Zeit später, im Jahr 1988, eröffnet das Ehepaar tatsächlich eine Blaudruckerei, in dem gemeinsamen Haus in Coswig, einer 22.000-Seelen-Stadt bei Dresden. Zunächst beginnen sie mit dem Blaudruck in einer kleinen Werkstatt, in dem schönen alten Fachwerkhaus, mit schweren Holztüren, die knarzen, und ächzenden Holzbalken. Bald schon schmiedet Rolf Folprecht Pläne, die Werkstatt auszubauen und die Produktion zu erhöhen. Doch plötzlich wird er krank. Schwer krank. Er stirbt.
Grün + Luft = Blau
Heidi Folprecht-Pscheida steht zu diesem Zeitpunkt alleine da, mit dem Betrieb, mit dem Haus, mit den Kindern. Sie ist 30 Jahre alt. Sie spielt mit dem Gedanken, den Betrieb aufzugeben. Vielleicht eine Stelle zu suchen. Eigentlich hat sie Grundschulerziehung studiert. Dann verwirft sie den Gedanken wieder.
Sie stürzt sich in die Arbeit im Betrieb. Stellt neue Mitarbeiter ein, verkauft auf Messen und Märkten. Steht jeden Morgen um sechs Uhr auf, arbeitet bis spät am Abend. "Ich schaffe das“, sagt sie sich immer wieder.
Und sie schafft es auch. Das Geschäft beginnt zu laufen. "Die Leute haben mir das Zeug aus den Händen gerissen“, erzählt sie und wirft einen kurzen Blick auf die Uhr. Zehn Minuten lang baumelt der Stoff nun schon in der Luft. Zeit für den nächsten Färbedurchgang. Das leuchtende Grün des Stoffes hat sich inzwischen in ein tiefes Blau verwandelt. Die Farbe reagiert an der Luft mit dem Sauerstoff.
Folprecht-Pscheida lässt den Stoff wieder in die Wanne, in die sogenannte Küpe, hinabsinken. Zehn Minuten färben. Zehn Minuten oxidieren. Das Ganze wiederholt Folprecht-Pscheida fünfmal, bis der Stoff in einem kräftigen Blau leuchtet.
Etwa 1.800 Liter Färbeflüssigkeit beherbergt die Küpe, ein Gemisch aus Wasser, Indigo, Natronlauge und Hydrosulfit. Indigo ist ein natürlicher Farbstoff, gewonnen aus der gleichnamigen Pflanze. Rolf Folprecht hatte die Werkstatt zu DDR-Zeiten mit einem so großen Vorrat an Indigo eingedeckt, dass Heidi Folprecht noch heute davon zehrt. Doch wenn die Blaudruckerin färbt, ist ein Großteil ihrer Arbeit längst erledigt.
Am Anfang ist nur ein weißer Stoff und eine Idee.
Sorgfältig zeichnet Folprecht-Pscheida ein Muster auf den Stoff. Haargenau bemisst sie, wo mit welchem Druckstock welches Muster auf den Stoff gedruckt wird. Dann zieht sie Linien und Kreise auf den Stoff, die ihr später zeigen, wo sie die Druckstöcke absetzen kann.
Abrupt dreht sich die Betriebsinhaberin um und greift ins Regal nach großen Gläsern. Blaues Salz, goldgelbe Flüssigkeit und weißes Pulver lagern darin. Auf den Etiketten steht Kaolin, Gummiarabicum oder Kupfersulfat geschrieben. Diese Zutaten und ein paar andere Dinge landen in einem Topf. "Die bleiben aber geheim“, sagt Folprecht-Pscheida streng. Nach einem alten Rezept rührt sie den Papp. Ein milchiger, dicker Brei, fast türkisfarben, entsteht.
Sorgfältig streicht die 52-Jährige den Papp in einen Kasten, legt einen Model darauf und drückt den Model behutsam auf den weißen Stoff. Eine ruhige Hand benötigt sie dafür, nichts darf verwischt werden, bloß keine Kleckse. Ein grünes Muster mit Blüten, Blättern und Ornamenten entsteht auf dem Stoff. Weiß wird es später leuchten, denn der Papp verhindert, dass der Stoff Farbe annimmt.
Auf dieselbe Weise, wie Folprecht-Pscheida die Stoffe bedruckt, haben Menschen vermutlich schon im Mittelalter Stoffe bedruckt. Genau lässt sich der erste Blaudruck nicht datieren.
Wichtig sind für den Blaudruck vor allem die Druckstöcke, die Model. Mehr als 250 Model stapeln sich in den Regalen im Laden. Zarte Blüten, Punkte und filigrane Ornamente ranken auf den Druckstöcken. Einige sind komplett aus Holz, andere mit Kupferstiften versehen. Einige Model glänzen wie frisch poliert, andere sind stumpf, die Farbe des Holzes ist gar nicht mehr zu erkennen. Unzählige Hände haben mit diesen Modeln schon gearbeitet, sie sind alt, 200 Jahre und älter. "Genau kennt man das Alter nicht, es lässt sich nur schätzen“, sagt Folprecht-Pscheida.
Gute Ware, langes Leben
Neben den Modeln liegt die indigoblaue Ware mit dem filigranen weißen Muster im Regal. Tischdecken, Topflappen, Schürzen, Kissen, Eierwärmer oder Christbaumschmuck. Die Tür geht auf und eine Frau mit kurzen Haaren betritt den Laden. Lange bleibt sie vor den Tischdecken stehen, entscheidet sich dann aber für einen Blaudruck-Topflappen. "12 Euro macht das bitte“, sagt Folprecht-Pscheida und nimmt das Geld entgegen. Ihr Blaudruck hat seinen Preis. Eine runde Tischdecke kostet zum Beispiel 249 Euro. "Dafür lebt meine Ware lange“, sagt Folprecht-Pscheida. Eine Kundin hatte vor 20 Jahren eine Tischdecke gekauft und kürzlich zufrieden erzählt, dass die Decke immer noch in Gebrauch sei. "Ich verwende nur qualitativ hochwertige Stoffe aus der Region“, betont die Blaudruckerin.
Ab und zu wird es in ihrem 30 Quadratmeter großen Geschäft richtig eng: Touristengruppen aus Japan, Australien oder den USA kommen, um den sächsischen Blaudruck zu bewundern und weil sie Mitbringsel aus Deutschland suchen. Mal sitzen Seniorengruppen in der Werkstatt und bedrucken selbst Stoffe, mal feiern Kinder einen Geburtstag, manchmal auch behinderte oder verhaltensauffällige Kinder, die dann eifrig färben und drucken.
Großer Andrang? Lange vorbei
"Es ist super, dass sich die Kinder dafür interessieren und dass man sie begeistern kann“, sagt Folprecht-Pscheida. Überhaupt, findet sie, könnten Lehrer mit ihren Schülern ergänzend zum Unterricht in ihre Werkstatt kommen. Folprecht will eine zusätzliche Schauwerkstatt eröffnen, in der Gruppen basteln und bedrucken können. Bis Mai 2011 soll diese fertig werden. Mit solchen Aktionen kann Folprecht-Pscheida das Geschäft ein wenig ankurbeln. "Viel Geld bleibt nicht übrig“, sagt sie. Die Zeiten des großen Andrangs seien längst vorbei. Auf Messen fährt sie kaum noch, das "lohnt sich nicht mehr“. Nur dem Striezelmarkt, einem großen Weihnachtsmarkt in Dresden, ist sie treu geblieben. Feste Mitarbeiter beschäftigt sie auch nicht mehr.
Längst ist Folprecht-Pscheida inzwischen auch wieder verheiratet, mit einem Elektromeister. Der verdient das Geld zum Leben, sagt sie.
Heute gibt es nicht mehr viele Blaudruckereien. Fünf sind es im Kammerbezirk Dresden. Zu DDR-Zeiten wurde im Blaudruckerhandwerk noch ausgebildet, auch das hat sich geändert. Heute gilt der Beruf als handwerksähnlich.
Im Verkaufsraum der Blaudruckerei Folprecht hängt noch eine Meisterurkunde an der Wand. "Rolf Folprecht hat die Ausbildung in der Fachrichtung Blaudruckerhandwerk abgeschlossen und damit die Qualifikation als Meister des Handwerks erworben“, steht darauf geschrieben. Lange wird es den Blaudruck vermutlich nicht mehr geben.
"Wer soll das weitermachen?“, fragt auch Folprecht-Pscheida ein bisschen ratlos und lässt ihren Blick über den Laden schweifen. "Es wäre schade drum“, sagt sie und wirkt für einen kurzen Moment ein bisschen verwundert, hatte sie doch so oft überlegt, einen anderen Job zu suchen. "Vielleicht ist es zumindest ein kleiner Trost, dass es mit dem Betrieb in seinem Sinne gelaufen ist“, sagt sie und deutet auf das Foto ihres verstorbenen Mannes. Er lächelt.